Mit diesen elf Spielern geht Deutschland voraussichtlich das EM-Eröffnungsspiel an. Foto: imago///Nico Herbertz

Die Nationalmannschaft hat vor dem Eröffnungsspiel gegen Schottland zwei Seiten gezeigt. Voraussagen über den Verlauf des Heimturniers sind deshalb schwierig. Doch es gibt Punkte, die klar für Kapitän Ilkay Gündogan und Co. sprechen.

Die neue Nationalmannschaft kann schon vieles. Sie kombiniert schnell und präzise. Sie weiß Tore zu erzielen. Ihre Verteidiger bremsen die besten Stürmer aus und sie hat gleich zwei Weltklasse-Torhüter in ihren Reihen. Im Mittelfeld herrscht ein königlicher Dirigent. Zudem zeigt das Team eine Dynamik und Willenskraft, mit der sich namhafte Gegner dominieren lassen. Geführt wird die Mannschaft von einem emotionalen Trainer, der ständig taktische Lösungen parat hat.

 

Mit all diesen Qualitäten gewinnt die Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nicht nur das Eröffnungsspiel der Heim-EM an diesem Freitag (21 Uhr/ZDF) in München gegen Schottland, sondern sie tragen Deutschland bis in das Finale. Das Problem ist nur, dass die DFB-Elf ihre Fähigkeiten nicht konstant zeigt. Aus den Spielen, die im vergangenen März noch die Fachleute und Fans begeistert haben, sind zuletzt Leistungen geworden, die wieder Zweifel haben aufkommen lassen.

Das alles macht Voraussagen über den Turnierverlauf für den Gastgeber nahezu unmöglich. Denn es gibt noch diese andere neue Nationalelf. Sie hat eine Abwehr, die zu Fehlern neigt und einen Torhüter, der an Souveränität verloren hat. Dazu gesellt sich ein Angriff, der Chancenwucher betreibt. Und bei Ballverlusten lädt sie den Gegner zu Kontern ein. Der Vorteil ist nur, dass sie auch die Schwächen nicht dauerhaft offenbart. Eine Bestandsaufnahme mit vier Trümpfen, die stechen sollen. Heimvorteil Die Vorfreude ist riesig. Natürlich. Das betonen alle Nationalspieler. Wie Niclas Füllkrug, der erzählt hat, wie der Familiengarten zuhause in Hannover geschmückt wurde. Oma und Opa, Mutter und Vater haben Hand angelegt. Flaggen, Girlanden und Nationaltrikots hängen auf dem Grundstück. Das Land hat sich warmgelaufen, die Fußballparty kann beginnen. „Ich bin da reingewachsen“, sagt Füllkrug. Jetzt wird er aber im DFB-Bus sitzen, die Erwartungshaltung um ihn herum auf der Fahrt in das Stadion ausblenden und sich erst auf dem Platz von den Emotionen tragen lassen. Der Heimvorteil soll die Nationalspieler nicht hemmen, sondern beflügeln. „Wir wollen Spaß haben, die Menschen unterhalten und begeistern“, sagt der Bundestrainer Julian Nagelsmann.

Rollenverständnis Es gibt keine Rätsel rund um die Aufstellung. Der Bundestrainer hat sich auf Stammkräfte festgelegt. Das soll den Nationalspielern Sicherheit geben. Jeder kennt seine Rolle. Auch auf die Gefahr hin, dass die Gegner genau über die DFB-Elf Bescheid wissen. „Ich glaube nicht, dass man eine Mannschaft noch überraschen kann. Dafür ist das spielanalytische Niveau zu hoch“, sagt der Kapitän Ilkay Gündogan, „vielmehr würde es mich überraschen, wenn sich ein Team überraschen ließe.“ Auch deshalb hat Julian Nagelsmann einen Kader zusammengestellt, in dem Spieler mit Brüchen in ihren Karrieren stehen – wie Robert Andrich. Sie sollen Elemente einbringen, die sich jenseits von Allüren bewegen: die Bereitschaft, alles zu geben; die Dankbarkeit, nach schwierigen Jahren in den DFB-Kreis aufgenommen worden zu sein; die Demut, sich klaglos einzuordnen, ohne die eigenen Stärken zu verleugnen. Offensive Dem namenlosen Erfinder von Fußballweisheiten mag das nicht gefallen. Doch was soll man machen? Noch immer gilt zwar der schlaue Spruch, dass die Offensive Spiele gewinnt und die Defensive Titel. Im Fall der Nationalelf muss die Regel jedoch gedreht werden. Die DFB-Formation verfügt über eine außergewöhnliche Abteilung Attacke. Da gibt es die Zauberlehrlinge Florian Wirtz und Jamal Musiala, den oft unterschätzten, aber exzellenten Kai Havertz, die technisch brillanten Ilkay Gündogan und Toni Kroos dahinter. Dazu den tempo- und trickreichen Leroy Sané als Alternative, ebenso wie Niclas Füllkrug, Deniz Undav, Chris Führich und Maximilian Beier, die aus dem Stand eine Partie drehen können. „Wichtig wird es sein, die Phasen, in denen unser Spiel nicht funktioniert, auf ein Minimum zu reduzieren“, sagt Kroos. Und diese Phasen werden kommen.

Erfolgshunger Das Ziel ist klar: Berlin, 14. Juli, Finale. Daraus macht der Bundestrainer kein Geheimnis. „Wenn wir schon dabei sind, dann wollen wir das Turnier natürlich auch gewinnen“, sagt Julian Nagelsmann. Mit diesem Selbstverständnis tritt die Nationalmannschaft an – und mit dem Selbstbewusstsein, es schaffen zu können. Trotz der schlechten Erfahrungen aus den vergangenen Turnieren. WM 2018, EM 2021, WM 2022, die ersten Vorrundenspiele der DFB-Auswahl gingen jeweils verloren und die Heimreise kam früher als gedacht. „Da haben wir einiges gutzumachen“, sagt Toni Kroos, der seine königliche Karriere mit dem EM-Triumph vollenden und beenden will. Andere wie Joshua Kimmich, Ilkay Gündogan und Antonio Rüdiger treibt es an, in der Nationalmannschaft bei Turnieren mehr Enttäuschungen als Erfolgsmomente erlebt zu haben. Neulinge wie Maximilian Mittelstädt motiviert es, überhaupt für ihr Land rennen zu dürfen. Den Stuttgarter Verteidiger spornt zusätzlich eine persönliche Vision an: Der gebürtige Berliner will nach 31 Turniertagen in seiner Heimatstadt auflaufen – und gewinnen.