Keine Stars, viel Support: der Außenseiter Albanien will bei der Fußball-Europameisterschaft auch Kroatien ärgern.
Stars? Sucht man bei den Albanern vergeblich. Zumindest auf dem Platz. Auf der Trainerbank sitzt einer, der diese Bezeichnung sehr wohl verdient. Sylvio Mendes Campos Júnior, genannt Sylvinho, gewann als Spieler mit dem FC Barcelona zweimal die Champions League und dreimal die spanische Meisterschaft. Bei der EM leitet der Brasilianer nun ein Team der Namenlosen an. Ihr Geld verdienen die albanischen Spieler in Rumänien, Russland, der Türkei, Tschechien oder Kroatien. Einige stehen zwar auch bei italienischen Clubs unter Vertrag, Topadressen sind allerdings kaum darunter.
Wie ein blasser Underdog traten die Albaner in ihrem Auftaktmatch jedoch nicht auf. Im Gegenteil: Gegen den haushohen Favoriten Italien taten Mannschaft und Fans alles, um Eindruck zu hinterlassen. Nedim Bajrami von Serie-A-Absteiger Sassuolo Calcio erzielte nach 23 Sekunden das schnellste Tor der EM-Geschichte, und sein Teamkollege Rey Manaj hätte, nachdem die Italiener zweimal getroffen hatten, kurz vor Schluss beinahe noch für den Ausgleich und damit für eine Riesenüberraschung gesorgt.
Die soll nun an diesem Mittwoch (15 Uhr/RTL) gegen Kroatien gelingen. Der Hamburger Volkspark wird dann kochen, beide Fanlager gelten als leidenschaftlich. Gegen Italien hatten in Dortmund rund 50 000 albanische Anhänger für einen ohrenbetäubenden Lärm gesorgt. „Das hat sich wie ein Heimspiel angefühlt“, sagte Stürmer Jasir Asani hinterher.
Es gibt auch Schattenseiten
Doch der Support hatte auch Schattenseiten. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) leitete nach der Partie wegen mehrerer Vorfälle ein Disziplinarverfahren gegen die Albaner ein. Auf der Liste stehen das Werfen von Gegenständen, das Zünden von Pyrotechnik, das unerlaubte Betreten des Spielfeldes durch einen Fan sowie die Verbreitung einer provokativen Botschaft durch albanische Anhänger. Auf den Rängen waren offenbar einige verbotene Großalbanien-Flaggen zu sehen gewesen.
Die EM hält Albanien in Atem. Für das kleine Land vom Balkan mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern war bereits die Qualifikation für die Endrunde, die man zum zweiten Mal nach 2016 erreichte, ein großer Erfolg. Dabei soll es aber nicht bleiben. „Wir müssen uns gut vorbereiten, um ein gutes Resultat zu holen“, betonte Asani mit Blick auf das Spiel am Mittwoch. Und fast ein wenig trotzig fügte der Angreifer vom südkoreanischen Club Gwangju FC hinzu: „Warum sollten wir denn nicht gegen Kroatien gewinnen?“
Gedämpfte Erwartungen
Coach Sylvinho versuchte allerdings, die Erwartungen ein wenig zu dämpfen. „Wir sind zum zweiten Mal dabei. Wir haben sehr junge Spieler. Sie spielen gut, aber sie wachsen noch“, sagte er. Entgegenkommen könnte dem Außenseiter, dass die Kroaten nach dem 0:3 zum Auftakt gegen Spanien unter Zugzwang sind. Um zum Gruppenabschluss gegen Italien am Montag nicht mit dem Rücken zur Wand zu stehen, müssen Luka Modric und Co. einen Dreier einfahren.
Auf diesen spekulieren auch die Albaner. Zumindest rechnen sie sich eine Außenseiterchance aus. „Natürlich sind wir ehrgeizig und spielen für die drei Punkte. Und wenn wir drei Punkte holen, haben wir eine kleine Möglichkeit, weiterzukommen“, meinte Sylvinho. Sollte dies tatsächlich gelingen, wäre der Brasilianer womöglich nach dem Turnier nicht mehr der Einzige in der albanischen Delegation, dessen Namen man weit über die Landesgrenzen hinaus kennt.