Darf die Münchner Arena beim letzten deutschen Gruppenspiel an diesem Mittwoch gegen Ungarn in Regenbogenfarben leuchten? Diese Frage ist zum Politikum geworden. Es verdichten sich die Anzeichen, dass der Uefa die Sache zu bunt wird.
Herzogenaurach - Leon Goretzka war noch selten um eine klare Kante verlegen. Vor allem auf dem Platz, wo er seit der Coronapandemie als eine Art modernes Muskeltier im Mittelfeld die Gegner wegblockt. In diesen Tagen aber sind die Gegner des Mittelfeldspielers Goretzka auch anderer Natur. Sie stehen nicht auf dem Platz – und heißen vor dem letzten deutschen Gruppenspiel bei der EM an diesem Mittwoch gegen Ungarn (21 Uhr/ZDF) unter anderem Homophobie und Ausgrenzung. Und da diesen Widersachern nicht mit einem starken Bizeps oder strammen Oberschenkeln beizukommen ist, setzt Goretzka hier auf seine verbale Kraft und die öffentliche Reichweite.
Und so saß der Profi des FC Bayern am Montagmittag auf dem Pressepodium im deutschen EM-Quartier in Herzogenaurach und setzte Zeichen für Vielfalt und Toleranz. Auf die Frage, was er davon hielte, wenn die Uefa die Regenbogenfarben an der Außenhülle der Münchner Arena am Spieltag gegen Ungarn verböte, sagte er dies: „Es wäre völlig absurd, wenn wir uns dafür entschuldigen müssten.“ Dafür gäbe es keine Argumentationsgrundlage, ergänzte Goretzka – weil es klar sei, wofür die Sache stehe. „Wir werden genauso weiterhandeln“, sagte Goretzka noch und meinte damit auch die Kapitänsbinde des Spielführers Manuel Neuer in Regenbogenfarben, die die Europäische Fußball-Union nach kurzen Beratungen doch genehmigt hatte. Neuer also wird auch gegen die Ungarn mit dieser Binde auflaufen und nicht mit der von der Uefa vorgegebenen, das ist nun klar.
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Wird aber auch die riesige Hülle der Münchner Arena an diesem Mittwochabend so bunt sein wie das kleine Ding an Neuers Oberarm? Am Montagabend verdichteten sich die Anzeichen, dass die Arena wohl eher nicht bunt leuchten wird.
Das Münchner Farben-Spiel ist zu einem Politikum geworden – weil der Uefa die Sache eben zu bunt werden könnte. Die nüchternen Fakten des Regenbogenfalls gehen so: Die Stadt München hatte ihre angekündigte Forderung nach einer in sechs Farben erleuchteten Arena am Montag offiziell formuliert. Es gehe um „ein Zeichen im Sinne der Weltoffenheit und Toleranz“ sowie „ein weithin sichtbares Signal für unser gemeinsames Werteverständnis“, heißt es in dem Schreiben von Oberbürgermeister Dieter Reiter an den Uefa-Präsidenten Aleksander Ceferin und das deutsche Exekutivmitglied Rainer Koch, das den fraktionsübergreifenden Willen des Stadtrats widerspiegelt.
Auch Ministerpräsident Markus Söder plädiert für die Regenbogenfarben
München also will ein Zeichen der Vielfalt setzen – dass dies am Tag des Spiels der DFB-Elf gegen Ungarn geschehen soll, ist Teil des Plans. Denn das Augenmerk gilt laut Oberbürgermeister Reiter „den Einschränkungen, die in Ungarn zu Lasten der Rechte von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender (LGBTIQ) gegeben sind“. Auch Bayerns Ministerpräsident Markus Söder fände es „ein sehr gutes Signal, wenn die Regenbogenfarben strahlen“ würden. „Das wäre ein Signal, das für die Freiheit unserer Gesellschaft steht“, sagte der CSU-Politiker.
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Nun lag der Ball in den Händen der Uefa, die in der Rolle als Ausrichter die offizielle Entscheidung fällen muss – und die offenbar in einer Art inneren Zwickmühle steckt. Es scheint so, als würde die Uefa durch die Münchner Offensive, die sich gegen die Politik der rechtsnationalen Regierung Ungarns unter Ministerpräsident Viktor Orban richtet, in der Bredouille stecken. Denn einerseits kann sich der Verband nach seinen massiven Kampagnen für Diversität der Aktion von München eigentlich nicht widersetzen. Allerdings wird der Uefa zugleich eine von vielen Seiten kritisch gesehene Nähe zu Orban nachgesagt. Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) jedenfalls sieht durch das Gesetz in Ungarn den „neuen Höhepunkt einer Unsichtbarmachung und Entrechtung von Lesben, Schwulen, bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTI)“.
Der DFB-Sprecher verweist auf die Entscheidungshoheit der Uefa
Mit diesen Standpunkten stößt der LSVD auf offene Ohren bei Nationalspieler Leon Goretzka. „Als Fußballwelt kann man sehr gut erkennen, dass wir Rassismus und Homophobie mit Vielfalt entgegentreten wollen“, sagte der Mittelfeldmann am Montagmittag in Herzogenaurach weiter: „Die Pläne, die Arena in München in Regenbogenfarben erstrahlen zu lassen, halte ich für eine tolle Idee.“
Auch der DFB bekannte sich in der Regenbogenfrage am Montag zum wiederholten Male zur Vielfältigkeit und zur Toleranz – einerseits. Doch Jens Grittner, der Pressesprecher der Nationalelf, verwies in Herzogenaurach auch auf die Entscheidungshoheit der Uefa und „auf das einheitliche Stadiondesign der Uefa bei dieser EM“. Und Grittner betonte, dass man das Regenbogensignal auch nicht unbedingt am Spieltag aussenden müsse und es auch spätere geeignete Zeitpunkte dafür gebe.
Die Uefa will keine „sportfremden Kundgebungen“
Grundsätzlich handelt die Uefa bei Botschaften abseits des Sportlichen strikt. Wer „Sportveranstaltungen für sportfremde Kundgebungen benutzt“, verstößt laut den Statuten gegen die „Allgemeinen Verhaltensgrundsätze“. Die Proteste gegen Rassismus während der EM – unter anderem das Niederknien mancher Mannschaften vor dem Anpfiff – hatte der Dachverband aber zuletzt begrüßt.
Auch Goretzka sprach am Montag noch über dieses Niederknien einiger Teams bei der EM – und darüber, warum die deutsche Elf das bisher nicht getan hatte. „Dass wir das nicht machen, bedeutet nicht, dass wir nicht zu diesen Botschaften stehen – um was es uns geht, haben wir zuletzt schon oft selbst gezeigt“, sagte Goretzka.
Mit ihren Aktionen für Meinungsfreiheit und Menschenrechte vor den drei WM-Qualifikationsspielen im März etwa hatte die DFB-Elf Position bezogen und damals den Weltverband Fifa und dessen umstrittenen WM-Ausrichter Katar in die Bredouille gebracht – hatte allerdings hinterher selbst teils harsche Kritik einstecken müssen. Denn es hatte eine Art Imagefilm beim Bemalen der T-Shirt-Botschaften gegeben, und die Sache war zuvor als spontane Aktion der Mannschaft verkauft worden.