Bundestrainer Joachim Löw und Joshua Kimmich warnen trotz der starken Leistung gegen Portugal vor Nachlässigkeiten.
München - Hatte Deutschland etwa verloren? War Deutschland ausgeschieden? Da saß nun also Joshua Kimmich in einem kleinen Raum in den Katakomben der Münchner Arena und schaute bei der virtuellen Mixed Zone so traurig in die Bildschirmkamera, als hätte er und nicht zwei Portugiesen vorher zwei Eigentore erzielt. Und dann legte Kimmich los mit seiner Fehleranalyse. Kein Wort sagte er zunächst über all die freudigen Anlässe dieses aufregenden Fußballabends beim 4:2 gegen Portugal, bei diesem tollen Offensivfußball der deutschen Elf und all den Umarmungen der Spieler hinterher mit ihren Familien und Freunden am Tribünenrand – als die Blase der sonst so streng abgeschotteten DFB-Elf in der heißen Münchner Abendluft kurz platzte.
Nein, Joshua Kimmich hatte ein anderes Thema auf der Agenda. Es waren die Gegentore, die dem Mittelfeldmann, der bei der EM den Rechtsverteidiger gibt, auf den Zeiger gingen. Das Tor zum 0:1 resultierte aus einem eigenen Eckball, Portugal konterte die deutsche Elf aus. Und später, beim Gegentor zum 4:2, da herrschte Tiefschlaf bei einer portugiesischen Standardsituation. Wenn man Einwürfe zu den sogenannten ruhenden Bällen zählt, dann hat die deutsche Elf nach dem 0:1 gegen Frankreich, das nach einem Einwurf entstand, nun in zwei Partien drei Gegentreffer nach ruhenden Bällen kassiert. „Wir müssen das hinten souveräner über die Bühne bringen“, sagte Kimmich also und ergänzte, dass „wir über die Standards sprechen müssen – ich hoffe, wir haben Zeit, das zu trainieren“.
Ins Detail gegangen
Dann ging Kimmich ins Detail. „Das Problem ist, dass wir die Ordnung verlieren, wenn es einen zweiten Ball nach einer Standardsituation gibt.“ Nach einer eigenen Abwehraktion passten die Übergänge laut Kimmich nicht, plötzlich stünden Gegenspieler frei – die man, so Kimmich, plötzlich aus den Augen verloren habe: „Da müssen wir in der Ordnung bleiben“, mahnte der Profi des FC Bayern, der auch berichtete, dass Bundestrainer Joachim Löw davor gewarnt habe, dass die Portugiesen nach Standards des Gegners blitzschnell kontern könnten. Genau das war beim Tor zum 0:1 passiert. „Da sind wir ihnen nach unserer eigenen Ecke voll reingelaufen“, sagte Kimmich, „dabei haben wir vorher über die Absicherung gesprochen.“
Fernab dieser defensiven Nachlässigkeiten aber überzeugte die deutsche Elf gegen Portugal – mit Kimmich auf der rechten Seite, der mit Robin Gosens auf links eine starke Flügelzange bildete. Und mit einer offensiveren Ausrichtung als beim 0:1 gegen Frankreich. Bundestrainer Löw sprach hinterher von einem „sehr starken Spiel von uns – wir hatten ein gutes Tempo drin und haben uns viele Chancen herausgespielt“.
Deutliche Worte
Dann aber gab auch Löw den Mahner und warnte vor dem letzten Gruppengegner an diesem Mittwoch (21 Uhr). Das Spiel gegen Ungarn könne zäh werden, denn: „Die könnten mit acht oder neun Mann hinten drin stehen und auf Konter lauern, da müssen wir genauso arbeiten und den Gegner unter Druck setzen wie jetzt gegen Portugal.“
Und weil am Samstagabend um kurz vor neun offenbar die Stunde der Mahner gekommen war, gab Innenverteidiger Matthias Ginter nach Löw noch den Obermahner – und erinnerte an das WM-Debakel 2018 mit dem unerwarteten K. o. im Gruppenfinale gegen Südkorea (0:2). „Wir wissen, dass wir noch nichts erreicht haben“, sagte Ginter. „Vor drei Jahren haben wir auch das zweite Spiel gewonnen und sind trotzdem rausgeflogen.“