Elke Picker hat die Elternarbeit seit Jahrzehnten im Blick. Foto: Lg/Achim Zweygarth

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will die Eltern bei der Erziehung stärker in die Pflicht nehmen. Doch die sind manchmal schlicht hilflos, sagt die langjährige Elternvertreterin Elke Picker.

Stuttgart - Was kann die Schule leisten, was müssen Eltern selbst tun? Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) will die Eltern stärker in die Pflicht nehmen. Doch die sind manchmal schlicht hilflos, sagt die langjährige Elternvertreterin Elke Picker.

Frau Picker, die Kultusministerin beklagt, die Eltern würden sich aus der Verantwortung zurückziehen und die Erziehung auf die Schule abwälzen. Hat sich diese Entwicklung verschärft?

Mein Eindruck ist, dass die Spanne zwischen den uninteressiert erscheinenden und den sehr interessierten Eltern im Lauf der Jahre deutlich größer geworden ist. Mir fällt auch auf, dass die Haltung der Eltern sehr fordernd geworden ist.

Woran liegt das?

Viele Eltern sind und fühlen sich überfordert. Es gibt so wahnsinnig viele Angebote, von denen viele Eltern meinen, dass ihr Kind sie unbedingt wahrnehmen muss. Ein, zwei Instrumente, Sport hier, Sport dort. Dazu kommt, dass die Eltern häufig sehr klar sehen, wo ihr Kind Probleme hat. Das wird medizinisch benannt, Hyperaktivität, ADHS, schlechte Rechtschreibung und Dyskalkulie. Alles wird in Schubladen gepackt und dann der Schule zugeschoben.

Wird die Erwartung geweckt, dass alles reparabel wäre?

Ganz sicher. Eltern wollen, dass ihr Kind toll ist, dass es erfolgreich ist, dass es geliebt wird. Es müsste aber klar sein, dass Schule das nicht alles leisten kann. Früher hätte man zuhause mit seinem Kind geübt, aber auch festgestellt, dass nicht alles „repariert“ werden kann. Heute erscheinen mir viele Eltern hilflos, und vieles wird delegiert.

Wollen heute Eltern stärker als früher, dass ihr Kind toll ist?

Ja, vielleicht. Eltern sehen komischerweise die Konkurrenzsituation heute, wo es weit weniger Kinder gibt, als viel schlimmer an als zu Zeiten als ich Kind war oder Kinder hatte. Eltern heute haben oft sehr viel Zukunftsangst.

Sind die Eltern egoistischer geworden?

Eltern fragen oft nicht mehr, was für alle Kinder gut wäre und was die Schule leisten könnte. In einer größeren Gruppe von Eltern äußert inzwischen jeder nur seine eigenen Wünsche. Das ist eine langsame Entwicklung, die immer stärker wird.

Seit Jahren wird von der Individualisierung des Unterrichts geredet. Hat die Schule da falsche Erwartungen geweckt?

Ich glaube schon, dass manche Eltern denken, jedes Kind könne sich dort optimal entwickeln. Ich bezweifle das. Jedenfalls müssen Eltern mitwirken, die Stärken und Schwächen ihres Kindes zu sehen und sich dann für die richtige Schule entscheiden.

Lehrer klagen zum Teil, Eltern seien das Hauptproblem an den Schulen. Manche mischen sich in alles ein oder bringen gleich den Anwalt mit. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Ich bin ja selbst Juristin und kann diesen Eindruck nicht leugnen. Aber ich stelle fest, dass wir unser gesamtes gesellschaftliches Leben immer stärker verrechtlichen. Für das Verhältnis zwischen Elternhaus und Schule ist es gut, dass wir rechtliche Rahmenbedingungen haben, besonders auch Rechte der Eltern. Aber immer mit den Paragrafen zu kommen, zerstört das Klima total.

Ist das Ausdruck der Anspruchshaltung der Eltern?

Der Anspruchshaltung, aber mitunter auch der Hilflosigkeit. Die Eltern meinen, sie müssten das tun. Sie werden oft von der Schule zu wenig informiert. Die Kommunikation mit den Lehrern wird von beiden Seiten nicht gepflegt. Diese Kommunikation zu üben, wäre für die Lehrer als Profis wichtig. Es gibt an den Schulen in der Regel keine Strategien, wie Lehrer mit Eltern umgehen sollen, die hohe Ansprüche stellen und sich sehr stark einmischen – was sich durchaus auch positiv für die Schule auswirken kann. Das sollte in der Aus- und Fortbildung geübt werden.

Was hat sich im Verhältnis zwischen Lehrern und Eltern geändert?

Heute lesen viele Eltern didaktische Fachliteratur. Da sollte eine Lehrerin erklären können, warum sie etwas wie macht. Sie muss nicht die Einzelheiten erläutern, aber sie sollte schon ihre pädagogischen Prinzipien darlegen. Das wollen viele Eltern heute wissen. Wenn die Lehrer verstärkt Gruppenarbeit machen, und ich merke, dass mein Kind nichts davon hat, dann würde ich mir das schon gerne erklären lassen.

Wo ist die Grenze der Mitsprache der Eltern?

Im Endeffekt sollten Eltern fast alles der Schule überlassen können. Aber sie sollten sich von der Schule erklären lassen, warum sie etwas wie macht.

Was sind die politischen Fehler gewesen?

Man hätte nicht kurz vor der Wahl (2011) den Klassenteiler senken sollen. Man hätte damals mit diesen personellen Ressourcen eher eine Flexibilisierung für schwierige Schulen ermöglichen sollen. In einer harmonischen Klasse können gut 30 Kinder sitzen, das sieht anders aus, wenn zwei Drittel der Schüler einen schwierigen häuslichen Hintergrund haben. Man sollte besondere Situationen von Schulen stärker bei der Deputatsverteilung berücksichtigen und auch die Kommunen ermutigen, sich mehr zu engagieren.

Erwartet die Schule jetzt mehr von den Eltern?

Das weiß ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass Lehrer heute resignierter reagieren. Ich meine, sie hätten früher stärker dafür gekämpft, dass in der Schule bestimmte Verhaltensweisen gelten und nicht hinterfragt werden. Heute erscheint das schnell als autoritär. Die Lehrer jammern aber oft mehr im Verborgenen, zum Beispiel im Lehrerzimmer. Sie suchen nicht die wohl verstandene Konfrontation mit den Eltern.

Weil sich Eltern weniger sagen lassen?

Das ist vielleicht eine Erklärung. Aber Eltern sehen auch weniger als früher, wie stark ihr Mitmachen erforderlich ist. Wenn Lehrer den Eltern häufiger sagen würden, wir brauchen euch im Interesse der Kinder, dann wäre es viel leichter.

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