Mal nicht zu streng, dann nicht zu lasch: Zu Erziehungsstilen gibt es heute viele Meinungen. Wie Eltern trotzdem ihren Weg finden können.
Das gemeinsame Abendessen ist fertig, die Kinder sind eigentlich an der Reihe, den Tisch abzuräumen – verabschieden sich aber schnell, weil sie „dringend noch ein Spiel zu Ende spielen müssen“. Und jetzt? Zurückpfeifen, weil es ihre Aufgabe ist – und falls sie nicht kommen, Konsequenzen folgen lassen? Oder sie lieber doch spielen lassen, weil das gerade ihrem Bedürfnis entspricht, und darauf vertrauen, dass der Tisch danach selbstständig abgeräumt wird?
Eltern stehen im Alltag ständig vor solchen Entscheidungen. Wie schön wäre es, wenn man die eindeutigen Antworten darauf irgendwo finden könnte. Zwar gibt es massenweise Erziehungsratgeber, nur: Wer drei verschiedene liest, kennt danach drei verschiedene Meinungen. Und fragt sich: Gibt es eigentlich überhaupt allgemeingültige Erziehungsregeln? Oder ist das nicht vielmehr alles eine Frage der Mode?
„Das würde bedeuten, dass sich alle paar Jahre etwas fundamental ändert, so weit würde ich nicht gehen“, sagt die Psychologin und Autorin Stefanie Rietzler. Die Verwirrung vieler Eltern, was denn nun der richtige Erziehungsweg sei, kann sie dennoch sehr gut nachvollziehen. Denn: „Es fehlt uns heute einfach ein Konsens in der Gesellschaft, was die richtige Erziehung ist.“
Frühere Generationen hatten es da einfacher. Kinder galten noch bis in die 1960er Jahre hinein als unfertige Wesen und kleine Egoisten. Die Aufgabe von Eltern war klar geregelt: Die kleinen Tyrannen musste man zum Gehorsam erziehen – durch Unterordnung, Macht, Strenge. Geprägt wurde diese Denkweise erst durch den Zeitgeist der Industrialisierung, später den der Nazidiktatur und der Nachkriegszeit.
„Durch mehr wissenschaftliche Forschung zeigte sich dann irgendwann, dass Kinder von Natur aus vollwertige, soziale Wesen sind, die nach Bindung suchen“, sagt Stefanie Rietzler. Gemeinsam mit einem insgesamt veränderten Menschenbild in der Gesellschaft, welches mehr und mehr auf demokratische Prozesse abzielte, wurden auch Kindern langsam mehr Rechte zugestanden.
„Plötzlich standen das Eingehen auf kindliche Bedürfnisse sowie Mitentscheidung und Fairness im Mittelpunkt und das passte natürlich nicht mehr zu einer Erziehung durch Macht und Unterordnung“, sagt Stefanie Rietzler.
Obwohl das mittlerweile schon viele Jahre her ist, sind autoritäre Erziehungsmethoden trotzdem nicht aus unserer Gesellschaft verschwunden. „Dazu kommt, dass auch das Familienleben selbst heute so bunt und vielfältig ist wie nie zuvor: Eltern kommen immer häufiger aus unterschiedlichen Kulturen und bringen ihre ganz eigenen Prägungen rund ums Elternsein und Kinderhaben mit“, schreibt die Autorin Nora Imlau in ihrem Erziehungsbuch „Mein Familienkompass“.
Denn viel stärker als jeder Erziehungsratgeber prägt Eltern die eigene Erziehung: Wie haben ihre Eltern früher reagiert, wenn der Abendessenstisch nicht wie vereinbart abgeräumt wurde? Wurde das verständnisvoll hingenommen oder mit Konsequenzen belegt?
„Gerade wenn es im Alltag stressig ist, verfallen wir auch heute noch schnell in alte Erziehungsmuster, werden laut oder drohen Strafen an“, sagt Stefanie Rietzler. Gleichzeitig beschleicht die meisten Eltern heute dabei aber das Gefühl: Das ist jetzt irgendwie nicht richtig, das ist nicht die Art von Umgang, die ich mir mit meinen Kindern wünsche.
„Und dann muss ich anfangen, mich zu reflektieren, meinen eigenen, individuellen Weg finden. Das sorgt natürlich für mehr Unsicherheit, weil man sich nicht mehr einfach auf sein erstes Bauchgefühl verlassen kann“, erklärt Stefanie Rietzler.
Zumal das mit dem Bauchgefühl ohnehin so eine Sache ist, wie Nora Imlau schreibt. Elterliche Intuition besitzen zwar alle zu einem gewissen Grad – viel davon ist aber eben auch Abgeschautes, Erlerntes, Verinnerlichtes, das sich allein deshalb richtig anfühlt, weil es vertraut ist, „obwohl es weder unseren Kindern guttut noch uns selbst“, so Nora Imlau.
Wie aber findet man nun einen eigenen Weg durch den Erziehungsdschungel? Stefanie Rietzler empfiehlt Eltern, sich zunächst einmal ein wenig mit der Entwicklungspsychologie von Kindern zu beschäftigen. „Es entlastet und hilft ungemein, wenn man einschätzen kann, was Kinder in welchem Altern können – und was eben noch nicht.“
Sich in andere hineinversetzen ist beispielsweise etwas, das Kindern erst mit einem Alter von etwa vier Jahren überhaupt möglich ist.
Befinden sie sich mit etwa zwei bis vier Jahren in der Autonomiephase, besser bekannt als Trotzalter, können Kinder ihre Wut nicht einfach hinunterschlucken – immerhin sind sie höchst frustriert darüber, dass sie zwar immer selbstständiger werden wollen, aber noch längst nicht alles können und dürfen, was dazu nötig wäre.
„Mit solch einem Wissen können Eltern sich ganz anders überlegen, wie sie reagieren und welche Maßnahmen sinnvoll sind und welche nicht“, sagt Stefanie Rietzler.
Was auch bei allen Kindern gleich ist: Sie haben psychische Grundbedürfnisse. Sie wollen verlässliche Bindungen aufbauen. Sie brauchen Sicherheit, Anerkennung, Wertschätzung und Orientierung. Sie wollen sich weiterentwickeln, autonom werden und selbstwirksam – und dabei gewaltfrei aufwachsen.
„Unser Zusammenleben mit Kindern sollte darauf ausgelegt sein, dass diese Bedürfnisse berücksichtigt werden“, sagt Stefanie Rietzler. Es gebe also vielleicht nicht den einen richtigen Erziehungsweg. „Aber gemeinsame Ziele, die bei der Erziehung erreicht werden sollten, die gibt es durchaus“, so Stefanie Rietzler.
Wie genau eine Familie nun all das umsetzt und mit welchen Prioritäten – das gilt es für sich herauszufinden, inklusive persönlicher Werte und Grenzen, die auch individuell verschieden sind – sich aber innerhalb einer Familie für Eltern wie Kinder richtig anfühlen. Nora Imlau nennt diese Grundfesten des Familienlebens „den Nordstern für unseren eigenen Familienkompass“, an dem sich alle anderen Entscheidungen ausrichten lassen.
Doch selbst wenn man einen solchen Nordstern gefunden hat, sei dies mitnichten eine Garantie dafür, dass aus den Kindern im weiteren Verlauf die besten Erwachsenen von morgen würden. „Wir alle sind mehr als das Ergebnis unserer Erziehung. Letztlich haben wir es als Eltern nicht in der Hand, unsere Kinder zu guten Menschen zu machen. Alles, was wir tun können, ist, sie dabei zu begleiten, die zu werden, die sie selbst sein wollen“, so Nora Imlau.
Erziehungstrend der letzten Jahre – und was daraus wurde
Kinder schreien lassen
Kinder die allein ein- und durchschlafen, das ist wohl ein Traum aller Eltern. Um dieses Ziel zu erreichen empfahlen manche Experten angelehnt an den amerikanischen Arzt Richard Ferber lange, die Kinder einfach mal schreien zu lassen. Die Idee dahinter: Nur so können sie lernen, sich selbst zu beruhigen. Tatsächlich funktioniert die Methode auch – weil die Kinder die Erfahrung machen: es hört mich keiner, also lohnt es sich nicht mehr zu schreien. Ich äußere zwar mein Bedürfnis nach Nähe, aber meine Eltern ignorieren es einfach. Bindungsforscher raten deshalb von dieser Methode ab, weil Eltern wichtige Bindungen zum Kind aufs Spiel setzen.
Stiller Stuhl
Eine Auszeit auf einem Stuhl, auf der Treppe oder im Kinderzimmer – das verordnete Katharina Saalfrank als „Super Nanny“ gern Kindern, die ausflippten. Auch dabei entzieht man den Kindern jedoch genau dann die Zuwendung, wenn sie diese eigentlich dringend einfordern und schürt stattdessen die Ängste, allein gelassen zu werden. Und sie lernen auch nicht, wie man Emotionen vielleicht selbstständig regulieren könnte, sondern dass man diese am besten erst gar nicht zeigt.
Helikopter-Eltern
Bezeichnet wird damit eine Elterngeneration, die bereit ist, so gut wie alles für die eigenen Kinder zu tun. Ständig für sie da zu sein, zu helfen, wo immer es nötig ist und ja, auch, sie möglichst rund um die Uhr zu überwachen, damit ihnen ja nichts Böses zustößt. Die Schattenseiten dieses Erziehungsstils: Die Selbstständigkeit der Kinder bleibt auf der Strecke, wer nie selbst Steine aus dem Weg räumen, eigene Entscheidungen treffen oder auf sich selbst aufpassen muss, lernt auch nicht, wie das geht. Experten sehen Zusammenhänge zwischen Helikopter-Eltern und einer wachsenden Zahl von Kindern, die unter Schulangst leiden – weil sie dort plötzlich stundenlang ohne Hilfe der Eltern zurechtkommen müssen – und sich das nicht zutrauen.