Jan Engau mit seinem Sohn (links), Swantje Hammer mit Sohn Phileas (oben rechts) und Martina Kessler Foto: rivat/ Werner Kuhnle (1)

Wie sehen Eltern den neuen Wehrdienst? Wir haben mit drei Elternteilen aus der Region Stuttgart gesprochen, deren Söhne dem Jahrgang 2008 angehören, der als erster gemustert wird.

Wer nach dem 1. Januar 2008 geboren ist, bekommt künftig verlässlich Post von der Bundeswehr: Die Musterung ist für Männer ab diesem Geburtsjahrgang von 2027 an wieder Pflicht. Auf ein entsprechendes Gesetz hat sich die Bundesregierung am Donnerstag geeinigt, es muss noch im Bundestag und Bundesrat verabschiedet werden. Bei der Musterung wird geprüft, ob jemand die körperlichen und psychischen Voraussetzungen für den Wehrdienst mitbringt. Mit dem Vorschlag sollen sich genug Menschen für den Wehrdienst finden. Ob man – bei Tauglichkeit – den Wehrdienst antritt, bleibt freiwillig. Finden sich so zu wenige Soldaten, könnte aber die sogenannte Bedarfswehrpflicht aktiviert werden: Eine Wehrpflicht, in der man per Losverfahren ausgewählt würde.

 

Was denken Eltern mit Kindern, die vom neuen Wehrdienst betroffen wären? Würden sie ihre Kinder in den Wehrdienst – und damit möglicherweise auch in einen bewaffneten Konflikt ziehen lassen? Wir haben bei drei Elternteilen in der Region Stuttgart nachgefragt.

Wehrdienst ja, aber beim eigenen Sohn?

In der Brust von Jan Engau aus Herrenberg schlagen zwei Herzen: Einerseits sieht er die Notwendigkeit des Wehrdienstes, in den 80er Jahren hat er selbst 15 Monate lang gedient. „Irgendjemand muss für dieses Land einstehen, wer soll es denn sonst tun?“, fragt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Jan Engau mit Sohn Jannis Foto: privat

Aber Jan Engau ist eben auch Vater. Sohn Jannis ist 2008 geboren. Er würde damit zum ersten Jahrgang gehören, für den der neue Wehrdienst gilt. Und da melden sich bei Engau auch Vatergefühle. „Ich spüre natürlich: Wenn es um den eigenen Sohn geht, ist es etwas anderes“, sagt Engau.

Jannis habe vor etwa einem Jahr erstmals eine Postkarte von der Bundeswehr bekommen – auf diese Weise wird bisher bundesweit um militärischen Nachwuchs geworben. „Da habe ich gemerkt, dass bei ihm eine Offenheit für den Wehrdienst da ist“, sagt Engau. Einen großen Enthusiasmus in der Richtung gebe es aber wiederum auch nicht. „Es wird wohl praktisch beurteilt: Passt es gerade in meine Lebensphase“, sagt Engau. Ein besonders emotionales Thema sei es in der Familie noch nicht, dazu seien sowohl Konflikte als auch ein möglicher Wehrdienst noch zu weit weg. Das Abi steht erst in eineinhalb Jahren an. Danach werde sich zeigen, wie es weitergeht.

„Welche Mutter will seinen Sohn schon vorne dabei sehen?“

Auch Martina Kesslers Sohn Magnus, geboren im April 2008, hat schon Werbepost von der Bundeswehr erhalten. Mit dabei war auch ein personalisiertes Namensschild. „Er hat es weggeschmissen“, sagt Kessler, die in Zizishausen in der Nähe von Nürtingen wohnt. „Ich dachte, ich muss ihm die Möglichkeit offenlassen, zur Bundeswehr zu gehen. Aber er zeigt tatsächlich kein Interesse“, sagt Kessler. Und darüber sei sie sehr erleichtert.

Martina Kessler aus Zizishausen Foto: privat

„Natürlich muss das Land verteidigt werden. Ich weiß nicht, wo die Reise momentan hingeht. Es ist irgendwie gar nichts mehr sicher. Aber welche Mutter sagt schon: Klar, da sehe ich meinen Sohn ganz vorne mit dabei?“ Würde sie Sohn Magnus ins Gewissen reden, wenn er sich doch noch für einen Wehrdienst entscheiden würde? „Ja, das würde ich“, sagt Martina Kessler.

Ihr Sohn zeige aber ohnehin andere Interessen. In der Schule habe er ein Sozialpraktikum in einem Heim für Menschen mit Demenz gemacht. Und er sei in der Freiwilligen Feuerwehr aktiv. Vielleicht habe er damit seine Pflicht, seinen Dienst an der Allgemeinheit ja schon erfüllt, sagt Martina Kessler.

„Gefahren durch Autokraten müssen wir uns entgegenstellen“

Die Entscheidung der Regierung findet Swantje Hammer aus Marbach „aufgrund der geopolitischen Lage nachvollziehbar“. Die Mutter zweier Söhne mit Jahrgang 2006 und 2008 sagt: „Ich bin eine Befürworterin der EU, dank unserer demokratischen Grundordnung können wir in Frieden leben. Und wir hätten manche Probleme nicht, wenn Autokraten wie Putin oder Trump nicht wären.“ Die Marbacher Gemeinderätin, die zusammen mit ihrem 17-jährigen Sohn in dem dortigen Gremium sitzt, meint: „Den Gefahren, die durch autokratische Herrscher weltweit entstanden sind, müssen wir uns entschlossen entgegenstellen, auch mit einer wehrhaften Armee.“

Swantje Hammer mit Sohn Phileas Foto: privat

Ein Losverfahren lehnt Hammer ab. Die 1980 geborene Mutter findet, man hätte einfach zum alten Modell mit Wehrpflicht oder Freiwilligem Sozialen Jahr zurückkehren können. Zurzeit diskutiere sie öfter mit ihren Kindern über den neuen Wehrdienst. Sohn Phileas, der nicht nur im Gemeinderat, sondern auch bei der örtlichen Feuerwehr sei, stehe genauso hinter dem Entschluss der Regierung: „Er sagt, er würde zur Bundeswehr gehen.“

Angst hat Swantje Hammer diesbezüglich keine: „Wir sind weit weg von einem Krieg in unserem Land, vor allem, wenn es uns gelingt, jetzt Stärke zu zeigen.“ Hammer glaubt, wenn die Deutschen der Bundeswehr und ihren Soldaten wertschätzend gegenüberstünden, diese mit Stolz betrachteten, wären viele jungen Männer freiwillig bereit, zu dienen. Das sende ein entsprechendes Signal in die Welt.

Swantje Hammer, die außerdem zwei Töchter hat, diskutiert mit ihrer Familie auch über die Frage der Gleichberechtigung, was den Wehrdienst angeht. „Frauen wollen gleichberechtigt sein in jeder Hinsicht, also müsste das eigentlich auch für den Wehrdienst gelten,“ sagt die Mutter. Sie erlebe bei ihren Jungs, dass die es sehr unfair fänden, dass sie gemustert werden sollen, aber die Mädchen nicht: „Das verärgert zurzeit sehr viele junge Männer, und das kann ich nachvollziehen.“