Von 1. März an müssen Kindergarten- und Schulkinder gegen Masern geimpft sein. Kritiker sorgen sich wegen der Risiken Foto: Stoppel

Von 1. März an müssen Kindergarten- und Schulkinder gegen Masern geimpft sein. Kritiker sorgen sich wegen der Risiken. Das sagen drei Eltern, die regelmäßig zum Impfstammtisch in Althütte kommen.

Althütte - Es geht nicht um Verschwörungstheorien oder esoterischen Mumpitz. Es geht nicht um Masernparties, „von denen ich in meinem ganzen Leben noch nie etwas mitbekommen habe“, wie Oliver aus Althütte berichtet, und nicht darum, dass das Durchleben schwere Kinderkrankheiten wichtig für die seelische Entwicklung ist.

Nein, es geht vor allem um Angst. Und deswegen wollen die Mitglieder des Impfstammtisches Althütte auch lieber nur ihren Vornamen in der Zeitung lesen. Oliver, Francesco und Andrea sind impfkritische Eltern. Oliver ist der Dienstälteste, er hat vier Kinder zwischen 22 und 14 Jahren und beschäftigt sich dementsprechend lange mit der Materie. Er ist fest in seinem Entschluss, dass seine Töchter und Söhne nicht geimpft werden, „und daran wird die Masernimpfpflicht nichts ändern“, sagt der 50-Jährige.

„Mir haben immer wieder Ärzte von Impfungen abgeraten.“

Er hat allgemein Angst vor den Nebenwirkungen von Impfungen, „die nicht kalkulierbar sind, auch weil die Datenerfassung nicht stimmt“. Ihm fehlen Studien, die nachweisen, dass die Impfstoffe sicher sind und er ist überzeugt davon, dass die Meldequote von Impfschäden nur die Spitze des Eisbergs ist. „Natürlich gibt es viele geimpfte Kinder, denen nichts passiert. Aber in meiner Wahrnehmung werden Kinder immer kränker, gibt es immer mehr Diabetes, immer mehr Allergiker“, sagt der Mitinitiator des Impfstammtisches – einem Treffpunkt für impfkritische Eltern – in Althütte.

In die gleiche Richtung gehen die Bedenken von Andrea. Die Schorndorferin hat einen Sohn im Kindergartenalter, ihre Impfkritik hat sich schon vor seiner Geburt entwickelt: „Mir haben immer wieder Ärzte von Impfungen abgeraten und das hat mich stutzig gemacht.“ Irgendwann sei ihr aufgefallen, dass man zwar für jedes Medikament einen Beipackzettel bekomme – nie aber für Impfungen. „Dabei sind da Inhaltsstoffe drin, die niemand in seinem Körper haben möchte“, sagt die 50-Jährige, die für ihr Kind entschieden hat, dass das Risiko, beispielsweise an Masern zu erkranken, geringer sei als sich Schäden durch die Impfung zu holen.

„Wir werden als egoistische Bioterroristen angesehen.“

So ergeht es auch Francesco aus Stuttgart. Sein erstes Kind hat er gegen Masern impfen lassen. Die Tochter habe mit hohem Fieber und Wahnvorstellungen reagiert, „die ich in einer solchen Heftigkeit selbst in meinem Berufsalltag nicht erlebt habe“, sagt der 45-Jährige, der als Heilerziehungspfleger arbeitet. Danach sei sie oft an Bronchitis, an Lungenentzündung, an Mittelohrentzündung erkrankt. Deswegen ist sein zweites Kind ungeimpft, „was dafür gesorgt hat, dass unser Kinderarzt meinte, er wird uns nicht weiterbehandeln“, sagt Francesco, der sich kriminalisiert fühlt, „obwohl ich mich verantwortungsvoll für meine Kinder einsetze. Ich finde, da wird die Gesellschaft gespalten.“

Sorgen um die öffentliche Wahrnehmung macht sich auch Oliver. „Wir werden als egoistische Bioterroristen angesehen, die billigend in Kauf nehmen, dass andere Kinder durch unsere Kinder angesteckt werden“, fasst er zusammen. Dabei könnte man diese Gefahr aus seiner Sicht minimieren. „Kinder mit 40 Grad Fieber gehören ins Bett und nicht in eine Praxis. Wenn Kinderärzte Hausbesuche machen könnten, könnte man Infektionen ungeschützter Kinder verhindern“, meint er. Der Heilpraktiker berichtet, dass die Anzahl der Impfstammtische in den vergangenen Monaten sprunghaft angestiegen sei. „Viele wollen wissen, was sie machen können, damit sie nicht gegen Masern impfen müssen“, sagt Oliver.

„Die Eltern haben sich bewusst dagegen entschieden.“

Wie wollen die drei damit umgehen? „Wir hoffen jetzt auf die Gerichte“, sagt Andrea und bezieht sich darauf, dass es einen Eilantrag gegen die Impfpflicht gibt – die Kläger sehen unter anderem das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit der Kinder verletzt. Oliver fragt sich, welche Folgen die Impfpflicht mit sich bringt, falls sie wie geplant in Kraft tritt: „Was ist, wenn die Eltern bereit sind, die Strafgebühr zu zahlen? Dürfen ihre Kinder irgendwann nicht mehr in die Schule? Und was ist mit den betroffenen Berufsgruppen, mit Hebammen, Ärzten, Erziehern, von denen es eh zu wenige gibt?“

Er glaubt auch nicht, dass das Gesetz die Masernimpfquote entscheidend verbessern wird: „Die Eltern haben sich bewusst dagegen entschieden.“ Schön würde er finden, wenn man Impfkritiker ernstnehmen und ihnen entgegen kommen würde – zum Beispiel mit der Zulassung von Einzelimpfstoffen: „Im Ausland kann man sich nur gegen Masern impfen lassen, in Deutschland nicht. Dazu wären aber manche vielleicht eher bereit.“

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