Auch für Elke Büdenbender (58) wird Weihnachten dieses Jahr anders sein. Foto: /Marco Urban

Die 58-jährige Frau von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht im Interview über Weihnachten, Trauer in Corona-Zeiten und ihre Hoffnungen.

Berlin – - Elke Büdenbender ist seit 2017 an der Seite von Bundespräsident Steinmeier Deutschlands „First Lady“. Sie setzt sich besonders für berufliche Bildung, Förderung benachteiligter Kinder und Gleichberechtigung ein. Im Interview sagt sie, wie die Coronapandemie im Privaten und Gesellschaftlichen gezeigt hat, wo es Ungerechtigkeiten gibt.

 

Frau Büdenbender, in einem früheren Interview haben Sie gesagt, dass das klassische Familien-Hopping bei Ihnen das Weihnachtsfest bestimmt. Wie feiern Sie diesmal?

Uns geht es wie allen anderen: Wir müssen schauen, was möglich ist. Es wäre schön, wenn wir meine 91-jährige Schwiegermutter treffen könnten. Wir möchten im kleinsten Kreis zusammenkommen. Weihnachten wird sehr anders sein als sonst.

Der Verzicht ist in diesem Jahr zum Maßstab guten Handelns geworden. Wird das unsere Gesellschaft dauerhaft verändern?

Der Verzicht für andere, den haben wir gerade im ersten Lockdown in besonderer Weise erlebt. Ich fand es beeindruckend, wie hilfsbereit die Menschen waren. Es war toll, wie sich viele um ihre Nachbarn gekümmert haben. Die einen können nicht rausgehen, dafür geben die anderen mehr und helfen. Und natürlich ist es ein Verzicht, Freunde seltener zu treffen und sich nicht in den Arm nehmen zu können. Das vermisse ich schmerzlich. Händeschütteln dagegen vermisse ich nicht so sehr, denn seit meiner eigenen Krankheit weiß ich, welche Risiken damit verbunden sind. Für mich selbst war einschneidend, dass ich auf Besuche bei meinem Vater verzichtet habe. Dafür habe ich möglichst jeden Tag mit ihm telefoniert.

Hat die Pandemie die Gesellschaft gespalten oder zusammengebracht?

Die Maßnahmen treffen die Menschen sehr unterschiedlich. Was ist zum Beispiel mit den Kindern, die beim Homeschooling nicht die notwendige Unterstützung bekommen können? Die Pandemie hat noch mal wie unter einem Brennglas gezeigt, wo es Probleme gibt, was noch zu tun ist, um Bildungsgerechtigkeit herzustellen. Ich unterschätze auch keinesfalls, was ein Lockdown für Künstler oder Gastronomen bedeutet – dass die besonders stark betroffenen Branchen mit den Maßnahmen hadern, verstehe ich. Es irritiert mich aber, wenn Menschen Fakten nicht zur Kenntnis nehmen. Wenn ignoriert wird, dass dieses Virus da ist und Menschen tötet und dass wir mit unserem Gesundheitssystem an einen Punkt kommen können, an dem es zusammenbricht. Das nicht zu sehen, kann ich nicht nachvollziehen. Ich habe aber den Eindruck, dass die große Mehrheit in unserem Land anders tickt.

Man kann den Eindruck gewinnen, dass die Toten der Corona-Pandemie nur Zahlen sind. Sind der Tod und das Sprechen darüber tabu?

Häufig nimmt man die Statistik zur Kenntnis, hat aber relativ wenig im Blick, was die Zahlen bedeuten: einsames Sterben, Angehörige, die nicht dabei sein konnten, als ein geliebter Mensch gegangen ist, Verlust. Das Sterben und was es bedeutet, ist gerade zu wenig Thema.

Wäre ein staatlicher Akt des Gedenkens angezeigt?

Mein Mann hat den Vorschlag gemacht, dass es ein öffentliches Gedenken geben soll. Das fände auch ich angemessen, damit die Trauer nicht unartikuliert bleibt.

Sie selbst leben mit nur einer Niere und zählen zur Risikogruppe. Wie haben Sie dieses Jahr erlebt?

Meine Arbeit hat sich total verändert. Normalerweise reise ich ständig, besuche Schulen und Ausbildungsstätten, Universitäten und Handwerkerinnen. Das ist alles weggefallen. Aber ich habe mich doch schnell umgestellt: mit meinen Kolleginnen rund um die Welt telefoniert, dabei ein neues, enges Netzwerk geknüpft und viel erfahren, mich in Videokonferenzen mit Kinder- und Jugendschutzorganisationen über häusliche Gewalt und die teilweise bedrückende Situation von Frauen und Kindern in der Pandemie informiert. Aber das ist alles nicht das Gleiche wie persönliche Begegnungen.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Lebensläufe der Jüngeren nachhaltig beeinträchtigt werden?

Für die Jungen ist es wirklich besonders schwer. Wenn ich an mein eigenes erstes Semester denke: Wir haben uns in Gruppen zusammengetan, ältere Semester haben uns den Fachbereich und die Bibliothek gezeigt. Das alles findet jetzt nicht statt. Manche Schülerinnen und Schüler werden ein Jahr verlieren, weil sie darauf angewiesen sind, dass sie nachmittags im Hort Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen. Dass das alles ausgefallen ist, wird sicher Folgen haben. Für mich ist ganz klar: Gerade für unsere Kinder müssen wir diese Pandemie in den Griff bekommen.

Werden die Jüngeren zu wenig gehört?

Wir sollten deren Leistung jedenfalls besonders hervorheben. Sie haben sich zum großen Teil an die Beschränkungen gehalten, um das Leben derer zu schützen, die besonders gefährdet waren. Jeder von uns weiß, dass die Freunde im Alter von 14 oder 15 viel wichtiger sind als die Familie. Darauf jetzt zu verzichten, ist eine ungeheure Leistung von jungen Leuten.

Ob Virologen oder Politiker – Männer dominieren das Krisenmanagement. Hat die Krise sichtbar gemacht, wie wenig Macht Frauen haben?

Die Machtfrage ist das eine. Und da sehe ich glücklicherweise immer mehr einflussreiche Politikerinnen und prominente Wissenschaftlerinnen. Aber mir geht es vor allem darum, wie Frauen von der Pandemie betroffen sind. Frauen haben ihre Arbeit reduziert und übernehmen den größten Teil der Familienarbeit.

Weil die Frauen das so wollten?

Nein! Ich denke, die Pandemie hat gezeigt, wo wir stehen und wie viel noch zu tun ist. Wir sind noch immer keine gleichberechtigte Gesellschaft. Frauen werden vor allem im Bereich Sorgearbeit und Kindererziehung verortet. Diese Aufgaben sind noch immer sehr ungleich verteilt.

Was müsste sich ändern?

Eine ganze Menge. Es ist gut, dass es jetzt eine verbindliche Quote für Firmenvorstände gibt. Aber wir müssen grundsätzlich unsere Art zu arbeiten und zu leben ändern. Wir müssen Tätigkeiten auch gleich wertschätzen. Gerade in der Pandemie haben wir gesehen, wie wichtig Bereiche wie die Pflege sind, in denen überwiegend Frauen arbeiten. Das muss sich in Lohn und Anerkennung widerspiegeln. Wenn man will, dass Männer und Frauen arbeiten, aber auch beide Eltern sein können, dann muss sich unsere Arbeitswelt verändern. Und wir müssen mit Klischees brechen: Wenn Frauen nicht verstärkt in den IT-Bereich gehen, werden die Algorithmen in Zukunft auch nicht klüger und gleichberechtigter sein als jetzt.

Werden Sie Ihrem Mann eine nächste Amtszeit erlauben?

Erlauben?! Aber Sie wissen doch, dass wir eine gleichberechtigte Beziehung führen – nein, ganz im Ernst: Das werden wir alles sehen, wenn sich die Frage stellt.

Werden Sie sich impfen lassen?

Ja, unbedingt. Ich bin grundsätzlich davon überzeugt, dass Impfen eine große Errungenschaft ist, und habe auch jetzt keine Bedenken. Im Gegenteil: Es ist wunderbar, wie die Forschung uns guten Grund zur Hoffnung gibt.