„Grandios gemacht“ urteilt Weller über Percival Everetts „James“. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Keine „Kuschelnummer“: In ihren literarischen Salons durchdringt Elisabeth Weller seit 18 Jahren anspruchsvolle Literatur und zeigt den Teilnehmenden, wie Lesen richtig geht.

Elisabeth Weller ist keine gewöhnliche Leserin. Die Seiten ihrer Bücher sind mit zahlreichen Bleistiftlinien und Anmerkungen versehen. Obwohl sie sich beim Lesen Zeit nimmt, verschlingt die Literaturpädagogin etwa 50 Werke in einem halben Jahr. Drei davon liest sie mindestens zweifach, bevor sie sie in ihren sechs Literatursalons intensiv mit den Teilnehmern diskutiert. Die Menge an Literatur, die Weller in 36 Semestern bearbeitet hat, lässt sich nur erahnen. Für sie zählt allerdings nicht die Quantität, sondern Qualität.„In der Lebenszeit, die wir haben, können wir nur bestimmte Bücher lesen. Aber dann richtig.“

 

Wie das geht, illustriert die Salonnière anhand eines Zitats von Vladimir Nabokov: „Lesen sie gründlich, liebkosen Sie die Details.“ Das heißt für Weller vor allem häufiges Wiederholen, denn „einmal ist bei dem Lesen von Literatur keinmal“. Erst bei wiederholtem Lesen komme man in eine Wahrnehmungsschulung herein und entwickle eine kritische Haltung gegenüber seiner Erstlektüre. Das habe sie Literaturikone Gertrude Stein gelehrt, mit deren Werk sich Weller in ihrer Magisterarbeit und zahlreichen Hochschulvorträgen beschäftigte. Wie täuschend der erste Eindruck und fatal Ungenauigkeit sein können, zeige auch Steins berühmtester Satz „A rose is a rose is a rose is a rose“. Weller wird ganz aufgeregt, wenn sie betont, dass es vier anstatt der so oft falsch zitierten drei Rosen sein müssten, und in pädagogischer Manier nach dem Anagramm in dem Zitat fragt.

„Unter Böll mach ich’s nicht“

Auch bei den Sitzungen ihrer Literatursalons achtet Weller neben der Bedeutung von Worten auf rhetorische Stilelemente und das Klangregime. So widmet die Salonbetreiberin jedem der drei auserlesenen Werke des Semesters zwei Sitzungen, in denen die knapp 15 Teilnehmenden sich über die jeweils gelesene Hälfte austauschen. Dieses System führe weg vom linearen, finale-orientierten hin zu einem entschleunigten Lesen mit Aufmerksamkeit auf die Sprache. Wurden früher noch Schinken à la Anna Karenina mit rund 1000 Seiten als Leseauftrag hingenommen, stellt Weller mittlerweile Bücher mit weniger als 300 Seiten vor, damit alle sich darauf einlassen können.

Eine „Kuschelnummer“ seien ihre Salons aber keinesfalls. Der Scherz eines Teilnehmers, er müsse sich zur Lust zwingen, werde immer wieder zitiert, erzählt Weller amüsiert. Die Literaturvermittlerin hält es bei der Buchauswahl mit der Schule von Wendelin Niedlich, der bis 1998 die berühmte Buchhandlung Niedlich in Stuttgart betrieb: „Unter Böll mach ich’s nicht“. Leicht lesbare Bücher und Unterhaltungsromane kommen für Weller als Literatur nicht in Frage. „Bei einem guten Werk muss man befremdet sein.“ Aus diesem Grund sei die Salonbetreiberin kein Fan der Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux und ihrer reduzierten Sprache. Stattdessen schwärmt sie von der Tiefe und Präzision bei Marie-Luise Scherer oder Hans Joachim Schädlich. In ihren Literatursalons präsentiert Weller den Besuchern ausschließlich Klassiker und anspruchsvolle aktuelle Titel. Oder wie der langjährige Teilnehmer Manfred ihr gegenüber einst formulierte: „Du hast mich von den Büchern zur Literatur gebracht“.

Weller ist nach eigener Angabe entfernt mit dem Lyriker Friedrich Schiller verwandt. Friedrich Hölderlin oder Eduard Mörike wären ihr allerdings lieber, scherzt sie. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Mit ihren Kunden pflegt Weller langwierige Beziehungen. Einige besuchen ihre Salons bereits seit 20 Jahren. Besonders gern erinnert sich Weller an das fünfjährige Jubiläum, bei dem sie die Teilnehmer bat, sich als literarische Figuren oder Autoren zu verkleiden. Sie selbst kam als Dame mit Hündchen aus Anton Tschechows Werk. „Es war unglaublich lustig. Einige haben sich sogar als mich verkleidet, ohne dass ich es bemerkt habe“, erzählt Weller lachend.

Ihre Liebe zur Literatur entdeckte die Salonbetreiberin durch ihren Deutschlehrer an der Realschule, der die Klasse in mittelhochdeutsche Lyrik und Kriegslieder einführte. Auf einem Bauernhof im schwäbisch-fränkischen Wald aufgewachsen, hatte Weller keinen Zugang zu Büchern, da Lesen als hinderlich für die Arbeit galt. Trotz des Widerstands ihrer Eltern entschied sie sich für ein Studium der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaften in Stuttgart. Nach verschiedenen Tätigkeiten im Kulturbereich, darunter als Journalistin und Literaturvermittlerin, gründete sie 2006 zwei literarische Salons im Literaturhaus Stuttgart. Heute bezeichnet Weller ihre mittlerweile sechs Salons als ihr eigentliches „Intensivstudium“. „Für mich ist es ein unglaubliches Privileg, heute so viel lesen zu dürfen.“

Wellers Buchempfehlungen

Remake
Percival Everett erzählt mit seinem im März erschienenen Roman „James“ Mark Twains amerikanischen Klassiker „Huckleberry Finn“ neu – ein Remake aus der Perspektive des entflohenen Sklaven Jim. Weller beeindruckt besonders die elaborierte Sprache des Sklaven, der sich dumm stellt, um sich vor den Weißen zu schützen.

Klassiker
In George Sands Dialogroman „Gabriel“ aus dem 19. Jahrhundert ringt die Romanfigur mit ihrer Geschlechtsidentität und gesellschaftlichen Normen. Ein bis heute attraktiver Klassiker in gelungener Dialogform, findet Weller.