Elisabeth Schweeger ist Direktorin der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg (ADK) und künstlerische Leiterin der Kulturhauptstadt 2024. Ein Gespräch mit einer viel beschäftigten Kunstpassionierten.
Stuttgart - Elisabeth Schweeger spricht im Interview über Teamwork und Kolonialismus und über die Notwendigkeit, Hierarchien und Strukturen in der Kunst zu überdenken. Und sie sagt: Denken ist sexy.
Frau Schweeger, wo erreiche ich Sie, machen Sie Theaterferien?
Ich mache meist sehr kurze Ferien. Eigentlich wollte ich vier Tage Pause machen, habe aber dann doch für die ADK gearbeitet. (lacht). Das gehört zum Job dazu.
Jetzt haben Sie neben Ihrer Arbeit als Künstlerische Leiterin der Akademie für darstellende Kunst (ADK) in Ludwigsburg auch noch die künstlerische Leitung der Kulturhauptstadt 2024 Ischl Salzkammergut übernommen. Sie haben angekündigt, auch die jüdische Vergangenheit in den Blick zu nehmen.
Die Planungen haben ja längst begonnen, es sind gute Projekte und Themenschwerpunkte entwickelt worden, die es gilt zu strukturieren und umzusetzen. Und gewisse Aspekte werden wir sicher vertiefen wie zum Beispiel die jüdische Geschichte des Salzkammerguts, oder die dunklen Seiten des vergangenen 20. Jahrhunderts, die bisher nur gestreift worden sind. Vertiefen wollen wir aber nicht nur den Blick nach innen, wie sich der europäische Raum innerhalb der Gemeinschaft gestaltet . . .
. . . Sondern?
Wir fragen uns, wie schaut die Welt auf diese Gemeinschaft, welche Rolle spielt Europa. Dazu gehört auch, die koloniale Vergangenheit des Habsburger Reiches in den Blick zu nehmen. Die Habsburger haben fast 800 Jahre lang europäische Geschichte geschrieben, Lateinamerika und die pazifischen Räume wie auch den Balkan kolonisiert. „Er war halt Teil des Kaiserreiches“, das sagt sich so dahin. Doch was diese Regentschaften bewirkt haben, die heute noch zu Unruhen führen in der Region, das sollte uns auch beschäftigen.
Die Jury lobte Ihren „Zugang zu den Inhalten“ und Ihr „Verständnis für die Themenstellungen und Herausforderungen für die Region“. Was verbirgt sich dahinter?
Das Salzkammergut ist eine zukunftsträchtige Region. Die Pandemie hat gezeigt, dass sich etwas verschieben wird. Der ländliche Raum wird eine andere Bedeutung erlangen, nämlich, bestenfalls exemplarisch zeigen, wie man regional lebt und trotzdem global handelt. Das gilt es unter Beweis zu stellen: Türen zu öffnen, nachhaltig die Region übers Jahr hinweg attraktiv zu gestalten, ein Gegengewicht zum überbordenden Tourismus durch künstlerische Aktivitäten, Angebote in Bildung zu entwickeln, Begegnungsorte zu schaffen. Das ist ja das Prinzip der Kulturhauptstadt, dass man nicht für den Moment denkt, für das Fest, sondern einen Prozess in Gang setzt, wo die Zukunft angedacht und Perspektiven eröffnet werden.
Wird es auch ein übergeordnetes Thema der Kulturhauptstadt geben?
Salz und Wasser sind das Thema der Region. Ohne Salz und ohne Wasser kann der Mensch nicht leben: Salz, das nicht mehr abgebaut wird, wird hier zur Metapher für das, was Kultur in Zukunft sein soll - unerlässlich. Und Wasser wird zu einem sehr kostbarem Gut. Es ist ein Element, das uns ernährt, transportiert, aber auch bedroht und in weiten Teilen der Welt Mangelware ist.
Aktuell hat man hier, Stichwort Überschwemmungen, oft eher zu viel Wasser.
Ja, auch die Klimaveränderung und Strategien zur Nachhaltigkeit können wir nicht außen vorlassen, das ist ein starkes Thema in der Region, wie gehen wir mit Ressourcen um. Das sind Fragen, die wir besonders im Zusammenhang mit wichtigen wirtschaftlichen Faktoren wie z.B. dem Hypertourismus stellen müssen.
Sie haben das Projekt übernommen, nachdem man sich wegen diverser Querelen von Ihrem Vorgänger Stephan Rabl getrennt hat. Sie haben schon viele temporär stattfindende Ereignisse gestaltet, darunter den Österreichischen Pavillon der Biennale Venedig, bei der Documenta und der Ars Electronica – worauf kommt es an, dass ein Festival glückt?
Bei so einem Riesenprojekt kommt es auf Teamarbeit an. Das bestehende Team hat super Arbeit geleistet, ist hochqualifiziert und engagiert, und muss natürlich anwachsen für die Umsetzung. Die Arbeit hier hängt stark von Gesprächen ab, mit lokalen Playern, den Gemeinden, was wichtig ist, was hervorgehoben oder neu entwickelt werden muss. Wenn ich recht erinnere, sagte Reinhold Messner den schönen Satz: Ideen kommen im Gehen. Auch während man redet, kommt man auf Ideen. Am Ende wollen wir bei allen Projekten die Balance halten zwischen Diskurs und künstlerischen und kulturellen Anliegen. Wichtig sind die Inhalte. Und der Inhalt bestimmt die Form. Die kann visuell sein, medial, theatral, architektonisch, literarisch, diskursiv. Auf jeden Fall zukunftsorientiert und hoffentlich ein Modell, wie Zukunft im ländlichen Raum sich gestalten kann.
Eine andere Arbeit beenden Sie nun im Frühjahr 2022: Ihre Zeit als Künstlerische Direktorin der ADK in Ludwigsburg. Noch ist es für einen Rückblick zu früh, dennoch, spüren Sie schon Abschiedsschmerz?
Wir haben es geschafft, dass die ADK stabil ist und internationalisiert wurde. Das Profil der Transdisziplinarität wurde geschärft, die Kooperation mit der Filmakademie wurde erweitert und funktioniert sehr gut, wir entwickeln die ADK weiter mit neuen Masterstudiengängen, die der künstlerischen Forschung noch mehr Terrain gibt. Ich bin froh darüber, dass wir das geschafft haben, mit guten Partnern auch im Ministerium. Wehmut habe ich also nicht, weil ich weiß, was ich gemeinsam mit einem tollen Team in künstlerischer Lehre, Verwaltung und Technik geleistet habe. Nämlich die ADK den Herausforderungen einer sich verändernden Welt der darstellenden Künste anzupassen.
Sie sagen im Grußwort zum Semester: Schwierige Zeiten sind immer. Während Corona hat die ADK Stücke gestreamt. Hat dies Auswirkungen auf die Zukunft?
Wir haben viel gelernt, Leute geholt, die uns künstlerisch informiert haben. Das Ministerium hat uns da extrem gut unterstützt, um die digitale Infrastruktur auszubauen. Für die nächsten Jahre sind wir gut aufgestellt. Wir haben auch erkannt, dass digitales Theater anders funktioniert, Stoffe, Erzählweisen und Ästhetiken sind andere. Neue Fragen stellen sich, wie gewinne und halte ich die Aufmerksamkeit des Publikums, was für ein Publikum habe ich. Da laufen interessante Prozesse ab, man kann experimentieren, auch interaktiv arbeiten. Eine neue Sparte hat sich aufgetan. Zugleich war die Zeit sehr anstrengend.
Was war besonders schwierig?
Das Soziale geht verloren. Das Feeling, sich locker hinzusetzen, zu reden. Der Körper erzählt ja auch immer etwas. Das war nicht möglich, das belastet vor allem auch die jungen Leute. Das wird mit dieser Generation etwas machen, da haben wir auch in der Betreuung viel zu tun. Aber wir versuchen positiv zu denken, weil effektiv neue Erfahrungen stattgefunden haben. Und wir müssen auch uns selbst überprüfen, wie arbeiten wir, wie sieht die Kunst in den nächsten Jahrzehnten aus? Man wird in Teilen eigenständiger arbeiten, die Hierarchien verschieben sich, es wird viel debattiert über Machtstrukturen, Genderthemen, Kolonialismus.
Vor lauter Diskussion um nötige Achtsamkeit, so berichten manche Schauspieler, fürchten sie, dass sie auf Proben rasch an Grenzen stoßen. Aus Furcht, etwas Falsches zu sagen, zu machen, das dann auch noch in sozialen Medien landet.
Ich denke schon, dass man an Grenzen gehen und trotzdem respektvoll miteinander umgehen kann. Wir hatten in den 60er und 70er Jahren auch unsere Zeit der Tabubrüche, der Kämpfe, die damals notwendig waren. Heute sind es andere Kämpfe. Wichtig ist, offen die Macht-, Rassismus- und Genderthemen zu diskutieren. Fragen, zuhören, bereit sein, sich selbst zu überprüfen, andere Kommunikationsformen und Strukturen zu entwickeln und. dabei die ästhetische Umsetzung nicht vergessen: das ist ja die Stärke der Kunst.
Das Theater erfindet sich nicht erstmals neu. Wie haben Sie das erlebt?
In Zeiten der Veränderung gerät immer etwas in Schräglage. Da müssen wir auch schauen, dass wir sachlich bleiben, historische Einordnungen machen, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft zu gestalten, sonst gibt es eine Überhitzung.
Und was dann?
Wenn es emotional wird, wird es nur noch ideologisch. Auch wenn das ein bisschen dazu gehört, führt das zu keinen Ergebnissen. In der künstlerischen Umsetzung hat es immer wieder Phasen gegeben, da wurde viel diskutiert, da war das Theater eine Agora, ein Mitbestimmungstheater wie im Schauspiel Frankfurt in den frühen 70igern, ein öffentlicher Platz, das war wichtig. Irgendwann wurde das aber auch künstlerisch verarbeitet und mündete in großartigen Inszenierungen wie von Hans Neuenfels oder Klaus-Michael Grüber: „Medea“ oder „Im Dickicht der Städte“ zum Beispiel.
Derzeit ist in Aufführungen oft schlicht der alte weiße Mann Schuld an allem.
Warum soll man nicht auch den weißen Mann in Frage stellen? Er hat die Welt dominiert, auch schon bei den Griechen und Römern. Asien hat uns nie so dominiert wie wir Europäer die Welt, schauen Sie, wo allein schon der Katholizismus überall hingewandert ist. Ich finde schon, dass wir genau hinschauen sollten und den Finger in die Wunde legen. Dafür ist das Theater mit der Möglichkeit des emotionalen Nachdenkens ein sehr gutes Medium.
Viel wird über Geschlecht und Identität gesprochen. Nimmt aber die philosophische Diskursfreude ab?
Wichtige französische Denker wie Derrida, Foucault, Baudrillard, Deleuze, Bourdieu, die sich auch in die öffentlichen Debatten eingebracht haben, fehlen. Man hört zu wenig Philosophen, die sich zu Wort melden und sie haben vor allem kaum Gewicht. Ich finde aber weiterhin, dass Denken sexy ist. Und ich finde, dass die Theater sich sehr stark in die gesellschaftspolitischen Diskussionen in Deutschland einmischen. Das Denken hört also nicht auf, es verschiebt sich. Man muss allerdings auch vorsichtig sein.
Inwiefern?
Durch die sozialen Medien wird schnell etwas behauptet und man vergisst, differenziert auszuloten und in die Tiefen eines Themas zu gehen. Ich bin froh, dass bei uns in Ludwigsburg der Diskurs gefördert wird und gepflegt wird. Ich höre immer: eure Studentinnen und Studenten sind gut im Reden aufgestellt, rhetorisch, gesellschaftspolitisch und argumentativ stark.
Ein Buchtitel von Ihnen heißt: „Von der Unverschämtheit, Theater für ein Medium der Zukunft zu halten“. Sagen Sie das auch noch nach den lange geschlossenen Theatern während des Lockdowns?
Natürlich würde ich das heute noch sagen. Ich würde den Begriff auf Darstellende Künste ausweiten – wo unter anderem Performing Arts, Installationen, Räumliches Denken und Handeln, Tanz, Musik, digitales Spiel und Film ebenso Platz hat, wie das klassische Theaterspiel. Wir brauchen es. Nur in der Kunst bekomme ich den Kick, über mich, den Anderen, die menschliche Kondition, die sozialen Verhältnisse nachzudenken – und zwar auf lustvolle Weise. Ich bin 100prozentig überzeugt, dass die Darstellenden Künste ein Medium sind, das Teil des gesellschaftlichen Seins ist, aber das sich weiterentwickeln und neue Formate erarbeiten muss. Es ist wichtig für eine sich zivil denkende Gesellschaft.
Das Gespräch führte Nicole Golombek
Journalistin, Dramaturgin, Intendantin
Elisabeth Schweeger
wurde 1954 in Wien geboren. Sie ist seit 2014 Künstlerische Direktorin und Geschäftsführerin der Akademie für Darstellende Kunst in Ludwigsburg. Sie ist künstlerische Leiterin der Kulturhauptstadt Europa 2024 Bad Ischl/Salzkammergut. Schweeger hat nach ihrem Studium (Vergleichende Literaturwissenschaften, Philosophie, Romanistik, Germanistik) als Journalistin und Mitherausgeberin einer Architekturzeitschrift gearbeitet, war Dramaturgin an verschiedenen Theatern, sie war Kuratorin unter anderem bei der Documenta 87, Ars Electronica 1988, Kommissärin der Biennale Venedig 2001/Österreich Pavillon. 1993-2001 Künstlerische Leitung des Marstall und Chefdramaturgin am Bayerischen Staatsschauspiel in München, 2001-2009 Intendantin des Schauspiel Frankfurt. 2009-2015 Intendantin der KunstFestSpiele Herrenhausen, Hannover.
Kulturhauptstadt
im Jahr 2024 wird Bad Ischl Salzkammergut in Österreich Kulturhauptstadt Europas – neben Bodo in Norwegen und Tartu in Estland.
ADK
Die Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg in Ludwigsburg wurde 2007 gegründet. Sie bietet Bachelor- und Masterstudiengänge für Theater (Schauspiel, Regie, Dramaturgie) auf dem gemeinsamen Campus mit der Filmakademie. Die Schule kooperiert auch mit dem Staatsschauspiel Stuttgart und zeigt dort jede Saison eine Produktion mit ADK-Studierenden.