Blitzgescheit ist der von Benedict Cumberbatch gespielte Titelheld von „Sherlock“ fraglos – aber eben auch ein unberechenbarer Sonderling. Foto: ARD

Manchmal fällt der Groschen später. Die britische Serie „Sherlock“ war längst ein Welterfolg, da guckte die Stuttgarter Bestsellerautorin Elisabeth Kabatek noch immer bewusst nicht hin. Nun aber ist ihre Liebe voll entbrannt.

Stuttgart - Lange ließ mich der Hype völlig kalt. Dann hatte es eine Freundin bei einem Treffen plötzlich sehr eilig, nach Hause zu kommen, weil die dritte Staffel von Sherlock im Fernsehen lief. Mit diesem bleichgesichtigen, schmalbrüstigen Benedict Cumberbatch als Sherlock und dem kleinen Hobbit als Dr. Watson? Nicht mein Ding. Vielleicht mal kurz reingucken? Ich habe keinen Fernseher, aber die Folge lief als Livestream im Internet. Und fortan war’s um mich geschehen.

Ich besorgte mir die DVDs mit allen drei Staffeln, also insgesamt neun Filme, und guckte sie rauf und runter. Seit „Dallas“ habe ich mich nicht mehr für Serien ­begeistert, und das ist zugegebenermaßen schon ein Weilchen her. Plötzlich interessierte ich mich für die Dreharbeiten, Benedict Cumberbatchs Verlobung oder Multitalent Mark Gatiss, der Sherlocks Bruder Mycroft spielt, gleichzeitig Drehbücher für „Sherlock“ und „Dr. Who“ schreibt und bei „Game Of Thrones“ mitmischt.

Peinlich, aber fasziniert

Ich fand mich peinlich, konnte es aber nicht lassen; ich war Teil eines weltweiten Hypes geworden. Ich konnte mich gerade noch beherrschen, nach London zu fahren und mich zu den Tausenden kreischenden Fans zu gesellen, die Außenaufnahmen von Staffel 4 in der Baker Street 221B (im echten Leben die North Gower Street) beinahe unmöglich machten. Ich verlieh die DVDs in alle Richtungen, um weitere „Sherlock“-Anhänger zu gewinnen, was nur bedingt funktionierte; Freunde spalteten sich in „Sherlock“-Hasser und -Fans.

Hier gibt’s den Trailer zur vierten Staffel:

Was ist da nur mit mir passiert? Die Episoden orientieren sich zwar am Original von Sir Arthur Conan Doyle, sind aber sehr frei interpretiert und ins London der Gegenwart versetzt worden. Sie haben ein unglaubliches Tempo, die Spannung ist unerträglich, Cliffhanger sind gemein, Wendungen nie vorhersehbar, und wenn Sherlock in seinen „Gedankenpalast“ geht, dann sausen, für den Zuschauer visualisiert, innerhalb von Sekunden Daten, Bilder und Analysen durch sein Superhirn. Das allein ist es aber nicht. „Sherlock“ ist, wie seine Macher Steven Moffat und Mark Gatiss gern betonen, „eine Geschichte über einen Detektiv, nicht eine Detektivgeschichte.“

Ein hyperintelligenter Soziopath

Die Fälle, die Sherlock bravourös löst, sind das eine, genauso wichtig aber ist seine Beziehung zu Dr. Watson. Die ist in den ersten Folgen sehr intensiv, und nicht umsonst hält die Vermieterin Mrs Hudson die beiden für schwul. Zwei einsame Seelen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, treffen da aufeinander: der hyperintelligente, nikotin- und morphiumabhängige Soziopath Sherlock und der traumatisierte Afghanistan-Veteran John Watson.

Unendlich langsam entwickelt sich zwischen den beiden Freundschaft und bedingungslose Loyalität, die vom autistischen Sherlock immer wieder überstrapaziert wird – er verschweigt Watson beispielsweise, dass sein Tod nur fingiert ist.

Ordentlich was los hier – aber immer „very British“

Als Watson Mary heiratet, wird aus der Zweierbeziehung ein extrem dynamisches Beziehungsdreieck, das für den Zuschauer ständige Überraschungen birgt. Wer hätte geahnt, dass Mary sich als ehemalige Agentin entpuppt? Von Folge zu Folge wird Sherlock, der genüsslich in jedes Fettnäpfchen zwischenmenschlicher Beziehungen tritt, unter dem Einfluss von Mary und John ein klein wenig menschlicher und umgänglicher, benimmt sich aber trotzdem permanent daneben wie ein nie erwachsen gewordenes Kind. Diese Tabubrüche sind extrem lustig anzusehen, wie die Serie überhaupt nur so strotzt vor Anspielungen, witzigen Dialogen und Selbstironie; „very British“ eben.

Pausenlos Tee und grinsende Tote

Und auch das erklärt noch nicht alles. Nicht nur die Hauptdarsteller spielen hinreißend auf, auch die kleinste Nebenrolle ist liebevoll gezeichnet und grandios besetzt. Da sind Molly, die hoffnungslos in Sherlock verliebte Gerichtsmedizinerin in ihren fürchterlichen Klamotten, die pausenlos Tee anbietende Vermieterin Mrs Hudson mit ihrer kriminellen Vergangenheit, der Polizist Lestrade, der wegen seiner begrenzten intellektuellen Fähigkeiten auf Sherlocks Hilfe angewiesen ist, und vor allem Sherlocks Bruder Mycroft, der „so was ist wie die britische Regierung“ und mit dem sich Sherlock permanent geschwisterliche Scharmützel liefert, die angesichts der Krisen und Bedrohungen, mit denen sich die beiden herumschlagen, extrem banal wirken.

Nicht zu vergessen der Oberschurke Moriarty, ein gespenstisches Monster, fulminant verkörpert von Andrew Scott. Staffel 3 endete damit, dass sich der angebliche Tote mit breitem Grinsen auf sämtlichen Bildschirmen Großbritanniens zurückmeldete.

An die Grenzen gebracht

Kehrt Moriarty zurück? Drei Jahre musste ich mich mit Millionen Fans gedulden, unterbrochen von der Einzelfolge „Die Braut des Grauens“, in der Sherlock und Watson in die Vergangenheit reisten und die das Warten deshalb nicht wirklich verkürzte. Anfang des Jahres sah ich die vierte „Sherlock“-Staffel auf BBC. Der „Guardian“ schrieb nach der Ausstrahlung, die Macher der Serie hätten Sherlock in eine Art James Bond verwandelt.

Tatsächlich sind die neuen Folgen extrem actionreich und deutlich düsterer als die bisherigen, und Moffat und Gatiss treiben es noch einmal auf die Spitze, indem sie Sherlocks Persönlichkeit und Biografie in den Mittelpunkt stellen. Der brillante Sherlock wird so an seine Grenzen gebracht, dass ihm nicht einmal mehr seine Intelligenz weiterhilft, die Beziehung zwischen ihm und Watson wird so belastet, dass sie zu zerreißen droht, und es stirbt jemand von den Falschen.

Biss ins Kissen

Meine Lieblingsfolge in der vierten Staffel war die zweite, die mit Toby Jones (der kürzlich in der Arte-Serie „Wir sind alle Millionäre“ zu sehen war) als falschem Philanthropen Culverton Smith einen fabelhaft fies lachenden Schurken mit schrecklich gelben Zähnen aufbietet, der es auf Sherlocks Leben abgesehen hat. Das alles ist so atemberaubend spannend, dass ich beim Zugucken vor lauter Spannung beinahe ins Sofakissen gebissen hätte. Die Zeit zwischen den einzelnen Folgen bis zur finalen Auflösung, sie schien mir unendlich lang. Und nun?

Benedict Cumberbatch und Martin Freeman haben mittlerweile so viele Hollywood-Verpflichtungen, dass gemeinsame Drehtermine für eine fünfte Staffel in den Sternen stehen. Macht weiter. Please!