Elisabeth Grupp Foto: Andreas Reiner

Elisabeth Grupp ist 24 Jahre jünger als ihr Mann, der Vorzeigeunternehmer Wolfgang Grupp. Welche Rolle spielt die gebürtige Österreicherin in dem Familienbetrieb Trigema? [Plus-Archiv]

Es klingt wie aus einem Groschenroman. Anno 1986 lernt der Textilunternehmer Wolfgang Grupp auf der Auerhahnjagd in der Obersteiermark zufällig den Großgrundbesitzer Hans Lothar von Holleuffer und dessen reizende Tochter Elisabeth kennen. Beim Kaffeetrinken auf der Terrasse des Holleuffer’schen Anwesens schwärmt Grupp von seiner schwäbischen Heimat. Elisabeth hört aufmerksam zu – für die 19-Jährige liegt Baden-Württemberg gefühlsmäßig so weit von ihrem Zuhause entfernt wie Papua-Neuguinea.

 

Einige Wochen später erhält sie einen Brief von Wolfgang Grupp: Ob sie, das liebe Fräulein von Holleuffer, eventuell so freundlich sei, ihn zu einer Abendgesellschaft nach Bonn zu begleiten? Elisabeth ist zwar jung, aber nicht naiv: Ihr ist klar, dass sie ein 24 Jahre älterer Junggeselle hofiert.

Wie es sich für einen Ehrenmann gehört, bucht Wolfgang Grupp getrennte Zimmer in einem Hotel am Rolandseck. Auf dem Weg zu dem Festabend flüstert er: „Fräulein von Holleuffer, vielleicht sollten wir uns in Gesellschaft duzen?“ Das Paar, das bis dato eigentlich noch keines ist, nimmt an dem für die Gäste aus dem Südwesten reservierten Tisch „Schwabenpfeil“ Platz, neben der Debütantin Elisabeth von Holleuffer sitzt ein Topmanager von Daimler-Benz. Das sind die Kreise, in denen sie bald ständig verkehren wird.

Die neue Heimat Burladingen

Noch studiert Elisabeth in Graz Medizin. Nach dem bestandenen Physikum holt sie ihr Verehrer Grupp im Mercedes vom Uni-Campus ab. Auf dem Weg in ihr steirisches Heimatdorf, im Tunnel, der die Niederen Tauern mit den Eisenerzer Alpen verbindet, hält er, den Blick fest auf die Straße gerichtet, um ihre Hand an. Sie sagt Ja – und schmeißt das Medizinstudium.

Im österreichischen Schulatlas, der daheim in ihrem Regal steht, ist Burladingen nicht verzeichnet. Elisabeth von Holleuffer weiß lediglich, dass sie irgendwo auf der Schwäbischen Alb landen wird, als sie sich auf den Weg zu ihrem Verlobten macht. Am Ziel erwartet sie eine reetgedeckte Villa, davor ein parkähnlicher Garten und auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Familienbetrieb Trigema, den Wolfgang Grupp seit zwei Jahrzehnten leitet.

Die Märchenhochzeit findet am 25. Juni 1988 statt, Elisabeths 22. Geburtstag. An diesem Vormittag ruht der Verkehr in Burladingen, das Volk ist auf den Straßen und jubelt den Brautleuten zu, die in einer offenen Kutsche zur standesamtlichen Trauung ins Rathaus fahren. Ein Jahr nach der Hochzeit wird Tochter Bonita geboren, 1991 folgt Wolfgang junior. Das Familienglück ist perfekt.

In ihren Adern fließt Steirerblut

Elisabeth Grupp, geborene von Holleuffer, könnte sich nun um ihre Kinder kümmern und das Personal den Haushalt erledigen lassen. Doch auf die Rolle der Mutter und Millionärsgattin lässt sie sich nicht ein. „Es war für mich immer völlig klar, dass ich so bald wie möglich eine eigenverantwortliche Aufgabe im Unternehmen will“, sagt Elisabeth Grupp. Steirerblut ist ein geflügeltes Wort in ihrer Heimat. Es spielt auf die besondere Selbstständigkeit an, die der Bevölkerung im Südosten Österreichs nachgesagt wird. In Elisabeth Grupps Adern fließt Steirerblut, oder wie sie in ihrem Dialekt sagen würde: Steirerbluat.

Die 56-Jährige sitzt in einem Besprechungsraum, sie trägt ein blütenweißes Shirt, das mit einem Trigema-Logo aus Kristallsteinchen verziert ist. Seit bald drei Jahrzehnten leitet Elisabeth Grupp die sogenannten Testgeschäfte, in denen das Familienunternehmen seine Textilien an den Mann und die Frau bringt. Rund die Hälfte des 110-Millionen-Euro-Jahresumsatzes macht Trigema in den 42 Läden, die zwischen Oberstdorf und St. Peter-Ording konsumfreudige Touristen anlocken. Elisabeth Grupp hat dieses Direktvermarktungssystem entwickelt. Es gibt nicht viele Frauen, die den deutschen Einzelhandel derart prägen wie sie, warum tritt sie öffentlich dennoch kaum in Erscheinung? „Mein Mann hat diese Firma aufgebaut“, antwortet sie. „Daher ist es selbstverständlich, dass er von den Medien immer zuerst angefragt wird.“

Elisabeth Grupp besitzt nicht das aufbrausende Temperament ihres Ehegatten, der sich in Zeitungsinterviews und Talkshows gerne über die „Abzockermentalität deutscher Manager“ echauffiert, aber sie spricht genauso schnell wie er. Nach zwei Stunden am Konferenztisch könnte man aus ihren Schilderungen einen historischen Roman verfassen. Er würde bei ihren preußischen Ahnen beginnen, die Exiljahre ihres Großvaters in Mexiko beschreiben oder auch, auf welch verschlungenen Pfaden es einen Zweig der von Holleuffers in die Steiermark verschlagen hat, wo das Adelsgeschlecht zunächst auf Schloss Paltenstein residierte. Leider reicht der Platz hier nur für einige Eckdaten: Elisabeth von Holleuffer, Jahrgang 1966, wächst wohlbehütet in dem 300-Seelen Dorf Treglwang auf. Ihr Vater Hans Lothar, ein Forstwirt, besitzt ausgedehnte Ländereien. Nach der Grundschule besucht Elisabeth zunächst das Wiener Internat Sacré Coeur, ihre Matura macht sie am Stiftsgymnasium der Benediktiner in Admont. Das Medizinstudium beginnt sie, weil sie von der Humanbiologie fasziniert ist.

Verbindung zu den Wurzeln

Als ihr Wolfgang Grupp auf der Terrasse ihres Elternhauses erstmals begegnet, findet sie den Mittvierziger mit dem beigen Jackett und der blauen Krawatte zwar interessant („Steirische Männer tragen ja nur graue Anzüge“), ist aber weit davon entfernt, sich in ihn zu verlieben. Heute, nach 34 Ehejahren, sagt Elisabeth Grupp: „Als junge Frau habe ich wenig hinterfragt. Ich hatte einfach bald das Gefühl, dass er der Richtige für mich ist.“

Die Schwäbische Alb, erzählt sie, sei längst ihr Zuhause, doch an der Steiermark, wo sie aufgewachsen ist, hänge bis heute ihr Herz. Alle sechs Wochen besucht sie ihre Eltern – 88 und 84 Jahre alt, aber noch rüstig – in Treglwang. Der Grundbesitz wurde zwischen ihr und ihrem Bruder aufgeteilt. Rund 3000 Hektar Wald und ein Bauernhof gehören Elisabeth Grupp. „In der Forst- und Landwirtschaft sind die Folgen des Klimawandels deutlich spürbar“, sagt sie. „Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe, darauf angemessen zu reagieren.“

Auch diese Bürde werden Bonita und Wolfgang junior eines Tages übernehmen. Die Grupp-Kinder sind, nachdem sie vor neun Jahren ihr Studium in London abgeschlossen haben, in leitenden Positionen bei Trigema tätig. Nur einer von beiden wird das Unternehmen erben, so hat es ihr Vater verfügt. Im Gegenzug bekommt der oder die andere, wie es Elisabeth Grupp ausdrückt, „die Steiermark“. Ein Trostpreis sei das keineswegs: „Es kann auch ein Gewinn sein, wenn man nicht die Verantwortung für 1200 Trigema-Mitarbeiter und deren Familien tragen muss.“

Die alltäglich Probleme in der Firma

Die Zeiten sind schwierig. Corona hat die Lieferketten zerstört. Während des Lockdowns musste Elisabeth Grupp Testgeschäfte schließen und Personal in Kurzarbeit schicken. In Burladingen wurden Gesichtsmasken genäht und für zwölf Euro pro Stück verkauft. Ein populärer Youtuber warf den Grupps daraufhin vor, sich an der Pandemie zu bereichern, und löste so einen Shitstorm gegen die Familie aus. Und weil Trigema geflüchtete Menschen aus Syrien und der Ukraine beschäftigt, regt sich der rechte Mob im Internet auf: Ein deutsches Unternehmen dürfe nur deutsche Mitarbeiter einstellen. „Wir müssen akzeptieren, dass es manchmal zu überzogenen, wütenden Äußerungen auf Twitter, Facebook oder per Mail kommt“, sagt Elisabeth Grupp.

Trigema kann sich dem Zeitgeist nicht verschließen, das Unternehmen füttert selbst fleißig die sozialen Plattformen, seit Kurzem auch Tiktok. „Es reicht nicht mehr, wenn man ein neues T-Shirt zeigt, man muss es tanzen lassen“, sagt Elisabeth Grupp. Am ironischen Unterton ist zu erkennen, dass die zehnsekündigen, mit Hip-Hop unterlegten Videos für die Smartphone-Generation nicht nach ihrem Geschmack sind. Die Welt verändert sich rasant, man kommt kaum mit.

Und jetzt auch noch der, wie sie sagt, „Energieschlamassel – ein Problem, das wir nicht selbst lösen können“. Zurzeit berät die vierköpfige Eltern-Kinder-Geschäftsführung täglich, wie im kommenden Winter die Produktion aufrechterhalten werden kann. Die Solarkollektoren auf den Betriebsgebäuden reichen dafür bei Weitem nicht aus. Das firmeneigene Kraftwerk verfeuert eigentlich Gas, nun wurden die Kessel auf Öl umgerüstet – aber der Brennstoff ist sehr teuer. „Wir können und werden die immensen Kosten nicht an unsere Kunden weitergeben“, sagt Elisabeth Grupp.

Was kommt nach dem Firmen-Patriarchen?

Im April ist ihr Mann 80 geworden. Noch ist Wolfgang Grupp fit, aber natürlich ist jedem klar, dass irgendwann der Tag kommen wird, an dem er das Zepter weiterreichen muss – vielleicht sogar ganz plötzlich. Seine Sehnen und Knochen haben ihm in den letzten Jahren signalisiert, dass der Körper an die Verschleißgrenze kommt: Wolfgang Grupp musste an der Ferse, am Knie und an der Hüfte operiert werden. Seine Gattin hat ihn nicht nur in die Kliniken nach Freiburg, Konstanz und Tübingen begleitet, sondern auch mit ihm im Krankenzimmer übernachtet: „Ich lasse meinen Mann in einer solchen Situation nicht alleine.“

Das Treuegelübde würde auch für den Fall gelten, dass ihr Mann pflegebedürftig wäre. Elisabeth Grupp würde sich aus dem Unternehmen zurückziehen und die Geschäftsführung an ihre Kinder übergeben: „Ich weiß ja, dass die Firma bei ihnen in den allerbesten Händen ist.“ Und sollten Bonita oder Wolfgang junior dann noch irgendwann den passenden Partner oder die passende Partnerin finden, der/die zu ihnen nach Burladingen zieht, wäre wohl auch die Zukunft der Familiendynastie Grupp gesichert. Dass man als Reingeschmeckte auf der Schwäbischen Alb glücklich sein kann, hat die gebürtige Steirerin Elisabeth Grupp bewiesen.