Hinter der Schönheit Neapels lauert eine finster engstirnige Welt voller Gewalt. Foto: dpa

Der erste Band von Elena Ferrantes neapolitanischer Familiensaga „Meine geniale Freundin“ stürmt die Bestsellerlisten. Erzählt wird von den Schrecken einer Kindheit in einer von Männern dominierten Welt und von der befreienden Kraft der Literatur.

Stuttgart - Muss gute Literatur wehtun, oder anders gefragt, ist es ein Güte­siegel, wenn Texte schwer zugänglich sind? Es gibt eine protestantische Leseethik, nach der sich Qualität auf Qual reimt, alles was sich dem entzieht, verfällt dem Verdikt des Trivialen, Seichten, Bestsellergeschmeidigen. Nur so ist es zu erklären, dass sich in die Begeisterung über eines der Leseereignisse dieses Buchherb­stes bisweilen ein Unterton des Zweifels, des Verdachts mischt, man könnte im Begriff sein, über der Lust am Text die hehren Maßstäbe hochkultureller Selbstvergewisserung aus den Augen zu verlieren. Die Rede ist vom ersten Teil der auf vier Bände angelegten neapolitanischen Familiensaga „Meine geniale Freundin“. Geschrieben hat sie eine sich hinter dem Pseudonym Elena Ferrante verbergende italienische Autorin, die sich einzig in E-Mail-Interviews bisweilen aus dem mysteriösen Dunkel wagt, das sie umgibt. Gerüchteweise soll es sich um eine Geschichtsprofessorin aus der Stadt handeln, die ihr Werk verewigt.

Doch schon bei dieser Redeweise stolpert man sogleich über eine falsche Erwartung in medias res, denn mit diesem Verewigen geht in keiner Weise das Bedienen saftiger Sehnsuchtsbilder voll quirliger Italianità und südlicher Lebenskunst einher. Das Neapel, das sie beschreibt, ist ein wü­ster Moloch, böse, brutal, engstirnig, ohne dass dies sogleich von der alternativen Genre-Erwartung der düster-investigativen Camorra-Schwarte aufgefangen würde. Ferrante erzählt die Geschichte zweier Mädchen, die mit allen Mitteln der engen Welt ihres Herkommens zu entrinnen versuchen, und sie besetzt sie mit Figuren, die bisweilen an Akteure aus Filmen des italienischen Neorealismo erinnern, der in den fünfziger Jahren, in denen der Roman beginnt, seine letzte Blüte erlebte.

Voodoo im Mafia-Keller

Es sind Menschen mit Macken und Mängeln, ungepflegt, schmutzig. Die Atmosphäre in dem kleinbürgerlichen Viertel, dem Rione, weit entfernt von den Postkartenprospekten der kampanischen Hauptstadt, ist von Geschrei und Gezeter erfüllt. Hier kann es passieren, dass cholerische Väter ihre Töchter hochkant aus dem Fenster werfen, und Mütter ihre von Frustration und Bitterkeit erfüllten, schlaflosen Nächte mit dem Zertreten der Kakerlaken verbringen, die wie böse Träume unter dem Türspalt hereindringen. „Ich sehne mich nicht nach unserer Kindheit zurück, sie war voller Gewalt“, schreibt die Ich-Erzählerin einmal.

Dass sie nun doch dahin zurückkehrt, hat seinen Grund darin, dass ihre Jugendfreundin später alle Spuren ihres gescheiterten Lebens tilgen wollte. Eines Lebens, das vielleicht ganz anders hätte verlaufen können, aber gerade in dem, was in ihm nicht zur Erfüllung gelangt, verdient, festgehalten zu werden. Und so nimmt diese Geschichte auf den Pfaden der Erinnerung ihren Lauf. Man folgt den beiden Mädchen, der genialen Schusterstochter Lila, auf die sich der Titel des Romans wie der ganze Zyklus beziehen, und ihrer späteren Chronistin Lenù in die unheimlichen Regionen dieser Armutswelt. In das Haus des ominösen Don Achille, der weit davon entfernt, mafiaromantisch verzeichnet zu werden, gleichwohl wie die Spinne in einem schäbigen Netz die Fäden im Viertel zieht, bis er eines Tages von einem von ihm geprellten Nachbarn ermordet wird. In seinem Keller sind die beiden Puppen der Mädchen verschwunden, die sie nun in einer Mutprobe zurückfordern. Doch wie zwei Voodoo-Fetische hält der dunkle Abgrund des Rione die Seelen der Kinder in seinem Bann.

Der unerbittliche Kampf, groß zu werden

Mit vereinten Kräften mühen sich die Mädchen, aus diesem Schatten zu treten: Für Lila endet der Versuch trotz ihrer aufmüpfigen, furchtlosen Begabung in der Ehefalle mit einem zweifelhaften Salumeria-Besitzer. Lenù – in durchaus auch rivalisierender Bewunderung immer auf ihren Fersen – erkämpft mit unerbittlichem Fleiß gegen die Widerstände ihrer dumpfen Familie eine höhere Bildung. Freilich ohne zunächst mehr in Aussicht zu haben, als einmal als „fette, picklige Verkäuferin im Schreibwarengeschäft oder alte Jungfer in der Stadtverwaltung “, zu enden.

Es sind ausnahmslos Männer, die in dieser Welt das Sagen haben. Sie regieren nach dem Gesetz der Hormone, archaischer Gewohnheiten und dem modernen Triebmittel für alles, der Gier nach Geld. Dass sie trotzdem keine Schablonen sind, die das feministische Unterfutter dieses weiblichen Erzählens nach außen motivieren, verdankt sich der nuancierten Darstellungskunst der Autorin. So genau und realistisch sie die Eigenart, das Kolorit des Handlungsorts bis in die sprachliche Faser seiner Bewohner hinein vermisst, so gelingt es ihr gleichzeitig, den Rione zur Bühne eines kleinen Welttheaters zu machen, das weit über den geschichtlichen Augenblick, den es inszeniert, hinausweist. Denn der Kampf, groß zu werden, Widerstände zu überwinden, sich zu emanzipieren oder daran zu scheitern, ist an keine Kulissen gebunden. Die, in denen Ferrante ihre Geschichte ansiedelt, rücken diesen Kampf eindringlich und klar ins Licht.

Lust des Lesens

Zu dem emanzipatorischen Potenzial des Romans gehört auch die befreiende Kraft der Literatur. Sie wird nicht nur in den frühen Schreibübungen Lilas beschworen, in dem Wunsch, sich durch das Verfassen eines Erfolgsromans einmal über den Morast des Rione zu erheben. Sie wird darüber hinaus von der unmittelbaren Lust des Lesens eingelöst, die der Bericht der Ich-Erzählerin dem Leser gewährt.

Passagen dieser Kindheitsgeschichte verschlingt man mit einer Gier, die an die Intensität und das Glück früher, prägender Lektüre-Erlebnisse erinnert. Was auch daran liegt, dass Ferrante eine Erzählhaltung wählt, die die kindliche Perspektive mit einem Weitblick verbindet, den man durchaus einer Geschichtsprofessorin zubilligen würde. Und so ist dieses Buch mehr als ein Hype: ein Stück Weltliteratur, das dank der kongenialen Übersetzung Karin Kriegers nun endlich auch die deutschen Leser erreicht. Schmerzlich allein, dass man sich noch gedulden muss, bis die weiteren Bände erscheinen.

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