Die Einführung der e-Akte bringt handfesten Nutzen für die Patienten, fordert von ihnen aber auch einen Vertrauensvorschuss, betont unser Berlin-Korrespondent Norbert Wallet.
In drei Modellregionen ist seit Mittwoch die elektronische Patientenakte (ePa) Alltag. Wenn die Testphase reibungslos funktioniert, steht der bundesweite Start unmittelbar bevor. Modellregionen, Testphase – das klingt nicht besonders aufregend. Eher wie einer der vielen Verwaltungsvorgänge im deutschen Gesundheitswesen. Der Eindruck täuscht. Tatsächlich handelt es sich bei der Einführung der ePa um einen Meilenstein, man möchte sagen um den Beginn einer Zeitenwende, wenn der Begriff nicht gerade anderweitig besetzt wäre.
Um das Ausmaß der Innovation zu erkennen, ist es nützlich sich auf dem Zeitstrahl imaginär erst nach rückwärts und dann voraus in die Zukunft zu bewegen. Die Idee hatte die damalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) aufgebracht. Das war 2003. Erstwähler bei der kommenden Bundestagswahl waren da noch gar nicht geboren. So lange dauert schon das Ringen um die Patientenakte, und es war geprägt vom üblichen Streit um Kompetenzen und Zuständigkeiten, vom Kampf gegen Dickfelligkeiten aller Art, auch von Pannen und Neukonzeptionen. Ziemlich peinlich das Ganze.
Der aktuelle Behandlungsstatus ist jederzeit abrufbar
Dabei war der Nutzen schon damals offenkundig. Gerade war ein Cholesterinsenker vom Markt genommen worden, weil Wechselwirkungen zu anderen Medikamenten zu Todesfällen geführt hatten. Die Idee lag nahe, in einer Art Datenbank die Medikation der Patienten auf dem aktuellen Stand zusammenzufassen und den behandelnden Ärzten zugänglich zu machen. Dieses nun schnell verfügbare und darum im Zweifelsfall lebensrettende Wissen um eingenommene Wirkstoffe und den aktuellen Behandlungsstatus ist auch noch heute einer der größten Leistungen der Akte.
Geht man auf der Zeitachse einige Schritte in die Zukunft tritt neben den handfesten Nutzen für den einzelnen Patienten eine andere Art von erwartbaren, aber etwas abstrakteren Fortschritt in den Vordergrund: Die Möglichkeit, den anonymisierten Datensatz für die Wissenschaft zu nutzen, ist die Grundlage für weitere medizinische Innovationen.
Die Patienten behalten die Kontrolle
Gegen die Einführung der Akte gibt es aber auch Bedenken: Kann man es mit der Transparenz nicht auch übertreiben? Ist es gut für mich als Patienten, wenn jeder Arzt alles über mich weiß oder gibt es nicht auch sensible Daten, die ich nicht jedem Mediziner zugänglich machen möchte? Ein berechtigter Einwand. Aber die Patienten behalten die Kontrolle: Man kann dem Anlegen der Akte widersprechen. Man kann das Anlegen zulassen, aber die Frist beschränken, in der die Praxis Zugang zu den Informationen der Akte hat. Man kann auch den Zugang von benannten Ärzten zu ausgewählten oder allen Daten sperren. Man kann zudem sowohl dem Einlesen bestimmter Daten in die Akte als auch der Nutzung der Daten für Forschungszwecke widersprechen.
Natürlich stimmt auch der Schluss, dass es einer gewissen zahlenmäßigen Wucht der Teilnehmerzahlen bedarf, um einen Erfolg zu bewirken. Damit die sich einstellt, muss die Nutzung der ePa-App so intuitiv einfach sein, dass der Umgang mit ihr zur Selbstverständlichkeit wird.
Deutsche Angst vor jedweder technischen Innovation
Bis zuletzt gibt es Debatten um die Sicherheit der Daten und die Befürchtung von Missbrauch. Die darf man nicht einfach abtun. Aber es ist auch richtig, dass die Angst vor angeblichem Datenmissbrauch eine sehr deutsche Reaktion auf jedwede technische Innovation ist. Ja, es ist ein Sprung, den die Patienten wagen müssen. Und der bedarf auch des Vertrauens in die Gewissenhaftigkeit derjenigen, die für die Datensicherheit des Projektes verantwortlich sind. Wer dieses nicht aufbringt, muss eben widersprechen. Das ist in Ordnung. Aber es wäre eine vertane Chance.