Ein Tablet-PC vor einer Regalwand. Immer mehr Bücher werden digital heruntergeladen und gelesen. Den E-Book-Boom treiben auch Autoren an, die ihre Werke selbst verlegen. Foto: dpa

Immer mehr Autoren meiden bei der Buchproduktion die traditionellen Verlage – Revolutionieren sie Branche?

Berlin/Stuttgart - 58 Jahre ist der Berliner Autor Gerald Uhlig-Romero, aber für seinen Verlag, die Deutsche Verlags-Anstalt, fühlt er sich zu jung. „Die wissen überhaupt nicht mehr, was Sache ist“, sagt er. „Dabei verändern die Neuen Medien die Branche radikal.“ Deshalb wurde Uhlig-Romero im vergangenen Jahr zu seinem eigenen Verleger. Auf der Internetplattform epubli lud er seinen Roman „Stoffwechsel“ hoch, gestaltete ihn und bot ihn zum Verkauf an. „Ich habe einfach genug davon gehabt, mich um das Buchcover zu streiten und im Katalog nur eine kleine Nummer zu sein.“

Die Selbst-Verleger kommen, und Online-Plattformen wie epubli, BookRix oder Amazon helfen ihnen auf ihrem Weg. Sie agieren als Vertriebszentrale für Autoren und machen damit traditionellen Verlagen Konkurrenz. Autoren können für ihre Texte selbst Details wie die Schrifttype oder den Einband bestimmen und sich für 19,90 Euro im Jahr eine Buchhandelsnummer geben lassen, mit der sich ihr Werk praktisch überall verkaufen lässt – ob gedruckt oder als elektronisches Buch. Damit umgehen sie auf dem Weg zum Leser die traditionelle Verlagsstruktur mit Lektoren, Marketing, Buchkatalog und Zwischenhändlern. Erfreulicher Nebeneffekt: Die meisten Texte hätten bei einem traditionellen Verlag ohnehin keine Chance – sei es aus Gründen der Qualität, sei es, dass er nicht in das Programm passt. Über epubli & Co. darf dagegen jeder publizieren, solange es nicht gegen die Gesetze verstößt. Zwar erhalten die Schriftsteller dabei ­keinen Vorschuss, der bei einem Verlag in der Regel ein paar Tausend Euro beträgt, dafür bekommen sie vom Erlös pro verkauftem Buch weitaus mehr – bis zu 80 Prozent sind es bei epubli. Bei den großen Publikumsverlagen beträgt er für ein Taschenbuch im Schnitt nicht viel mehr als acht Prozent und für ein E-Book 20 bis 25 Prozent.

„Wir stellen lediglich die Infrastruktur – das ist das Modell der Zukunft“

„Wir bringen die Werke der Autoren auch in andere relevante Vertriebskanäle wie Amazon, Apple, Google oder Barnes & Noble. Außerdem kümmern wir uns auch um Details wie die Abrechnungen“, sagt Max Franke von epubli, das mehrheitlich zur Stuttgarter Verlagsgruppe Holtzbrinck gehört. „Wir stellen lediglich die Infrastruktur – das ist das Modell der Zukunft.“ Seit 2008 veröffentlichte epubli nach eigenen Angaben 10.000 Titel. Seit 2010 bietet man auch E-Books an, bisher sind es 2500 Ausgaben. Viele Autoren ließen ihr Werk als E-Buch ­herunterladen, aber auch drucken, heißt es.

So wie der Leverkusener Schriftsteller Thorsten Nesch. Als sein Verlag seinen Thriller „Die Lokomotive“ nicht veröffentlichen wollte, nahm er die Sache selbst in die Hand. Für 14 Euro bietet er das Buch an, gedruckt wird nach Nachfrage – Publish on demand heißt das im Fachjargon. Die E-Buch-Variante kostet 2,99 Euro – rund 300-mal wurde sie bisher verkauft. Die gedruckte Version wollte kaum einer haben. Zum Leben reichen Nesch die Einnahmen bei weitem nicht. Deshalb hält sich der freie Autor unter anderem mit Lesungen und Seminaren über Wasser.

Doch künftig soll das anders werden: Nesch will besser die globalen Vertriebsmöglichkeiten des Internets nutzen. Seine E-Books sollen auch die Leser in den USA und England erreichen, deshalb lässt er derzeit zwei seiner Bücher übersetzen. Das Kalkül: 330 Millionen Menschen sprechen Englisch als Muttersprache, aber nur 100 Millionen Deutsch. Außerdem sei der Anteil der E-Book-Leser in Amerika weitaus größer als hierzulande.

Amazon bietet die größte Plattform für elektronische Bücher

Tatsächlich ist in den USA der Anteil der E-Books am Buchmarkt im vergangenen Jahr bereits auf 15 Prozent gestiegen – 2010 lag er lediglich bei sechs Prozent. Als Wachstumstreiber sieht der Buchinformationsdienst Bowker vor allem die Zunahme der Selbst-Verleger: Rund 210.000 Titel publizierten sie im vergangenen Jahr, vor allem als elektronische Bücher – 80.000 mehr als 2010. Mit knapp 58.000 Titeln bietet hierfür das Internetkaufhaus Amazon die größte Plattform. Der Selbstverlag sei kein Randbereich mehr, sagt Bowker-Vizechef Kelly Gallagher. „Er verändert im Zusammenspiel mit dem explosiven Wachstum von E-Books und digitalen Inhalten die Branche dramatisch.“

Auch die deutsche Verlagsbranche blickt gespannt auf die USA – und fragt sich, ob sich hierzulande der Buchmarkt ähnlich entwickeln könnte. Im vergangenen Jahr machte der Anteil von E-Books – ohne Fach-und Schulbücher – am Umsatz lediglich ein Prozent aus, so eine Studie des Marktforschungsunternehmens GfK; 2010 waren es sogar nur 0,5 Prozent. Die Zahl der verkauften E-Bücher stieg dabei von 2,0 auf 4,7 Millionen. Verlage und Buchhandlungen investieren aber derzeit massiv in den Markt. So wollen 90 Prozent der Verlage E-Books in ihr Programm aufnehmen.

Deutscher Buchhandel: Erfolgsgeschichten bei Selbst-Verlegern sind nicht die Regel

Den Trend zum Selbstverlag sieht man in der Buchbranche offiziell nicht kritisch. Beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels beschäftigt sich der Arbeitskreis Elektronisches Publizieren mit digitalen Entwicklungen. Natürlich gebe es bei Selbst-Verlegern auch Erfolgsgeschichten – diese seien aber nicht die Regel, heißt es. „Das wird den Buchmarkt nicht grundlegend verändern. Außerdem erreichen Selbst-Verleger meist nicht die nötige Aufmerksamkeit für ihr Buch. Nur die Verlage übernehmen hierfür das Marketing und die Pressearbeit.“

Darauf kann Uhlig-Romero gerne ­verzichten. Mit Unbehagen erinnert er sich an die verlagsinternen Auseinandersetzungen bei seinem Buch. „Und trotzdem lebe ich“, das sein Leiden an einer sehr seltenen Krankheit beschreibt. „Die haben bei der Vermarktung die Betroffenheits-Nummer geschoben. Ich aber wollte einen poppigen Körperkrimi daraus machen“, sagt er. Der Selbstverlag habe ihn zwar nicht reich ­gemacht – „aber dafür bin ich zufrieden“.