Am Fellbacher Bahnhof steht diese Ladesäule der Stadtwerke. Foto: Michael Steck

Politisch gewünscht und finanziell gefördert: Elektrisch angetriebene Fahrzeuge sollen die Zukunft sein. Aber wie einfach funktionieren Ladesäulen, wie entspannt ist das Reisen? Ein Erfahrungsbericht zeigt, dass das Fahren Freude macht – trotz Hürden.

Fellbach - Auf dem Weg von Fellbach in Deutschlands Norden mit dem E-Auto wird es einmal doch recht eng, vor den Toren der Hauptstadt Berlin: Kaum noch Strom in der Batterie, und an der angesteuerten Ladesäule klappt nichts. Die entsprechende Karte wird nicht erkannt, die installierte Smartphone-App hilft auch nicht weiter, alle Varianten mit dem Kabel sind durchprobiert. Erst an der Säule einstecken oder doch erst am Auto? Und dann fängt es auch noch an wie aus Eimern zu schütten. Doch offensichtlich behebt man Ladesäulen-Streiks in der Neuzeit so wie weiland schon Computerprobleme mit dem Betriebssystem Windows 95. „Ich starte die Säule einfach noch mal neu“, sagt die freundliche Helferin bei der telefonischen Hotline des zuständigen Energieversorgers. Kurz darauf wird die Anzeige an der Säule erst dunkel, dann wieder hell – und endlich klappt alles wie am Schnürchen.

Keine Lust mehr auf die Bahn

Bis in dieses Frühjahr hinein war die Elektromobilität eine einfache Sache: Das Auto wurde nur für den Weg zur Arbeit und in der näheren Umgebung genutzt, in die Ferne ging es zumeist mit der Bahn oder mit dem Flugzeug. Den Strom dafür gab es sogar kostenlos am Fellbacher Rathaus. Die Ladesäule der Stadtwerke war zwar gut frequentiert, aber man fand seinen Platz zum Nachladen. Anfang März hatte das kostenfreie Laden dort aber ein Ende. Und mit dem Beginn der Corona-Pandemie verging einem zugleich die Lust auf lange Bahnreisen. Elf Stunden Maske tragen auf dem Weg ans Meer?

Und so stellten sich gleich zwei Grundsatzfragen in Sachen E-Mobilität, die politisch gewünscht ist und mit finanziellen Kaufanreizen versehen ist, sprich: hohen Zuschüssen und Rabatten: Wie bezieht man einfach seinen Strom, wenn man nicht zu Hause laden kann? Und taugt das Auto auch mal für längere Strecken?

Ein großer Tarifdschungel

Die reine Anzahl von Ladesäulen ist in der Region Stuttgart eigentlich nicht das Problem, da gibt es genug. Auch das mit der im Vergleich zum Tanken mit Benzin oder Diesel längeren Ladezeit bekommt man geregelt: In gut zwei Stunden ist die Batterie des zwei Jahre alten Renault Zoe wieder voll, und man kann im Schnitt mit diesem Modell knapp 300 Kilometer schaffen. Im Sommer etwas mehr, im Winter, wenn geheizt werden muss, etwas weniger. Ladestopps beim Einkaufsbummel oder Café-Besuch lassen sich mit Erfahrung gut im Alltag integrieren.

Kniffliger wird es beim Strom aus den Ladesäulen: An immer mehr Stellen kann man zwar spontan mit dem Smartphone den Ladevorgang starten und zahlen, aber auf Dauer ist das umständlich. Weil jeder Anbieter und Energieversorger seine eigene App hat, kann es schnell unübersichtlich auf dem Smartphone werden. Vor allem auf Reisen. Und daheim? Fellbachs weiterhin kostenlose Ladesäulen beim Discounter Aldi oder dem Kaufland sichern halt keine Komplettversorgung. Eine flüchtige Internetrecherche fördert rund ein Dutzend Anbieter zutage, um im näheren Umfeld das Auto per Karte oder per App an öffentlichen Stationen zu laden. Deren Tarifgestaltung aber ist so übersichtlich wie die von Mobilfunkverträgen, ein Vergleich nur schwer möglich. Im Alltag aber muss es einfach sein: Mit einer einheitlichen Ladekarte oder App sollte man an den Strom fürs Auto kommen können, am Wohnort in Fellbach, an der Arbeitsstelle im Kreis Ludwigsburg, aber auch in Stuttgart oder im Remstal.

Keine Einigkeit

Bei der Suche wird einem schnell der Lokalpatriotismus verleidet. Denn die drei Stadtwerke in Fellbach, im Remstal und in Waiblingen haben das Kunststück fertiggebracht, sich drei verschiedenen Verbünden anzuschließen, die das Laden in ganz Deutschland und Europa möglich machen sollen. Das Ergebnis: Die Fellbacher App des Stadtwerke-Partners Deer zeigt die Ladesäule in Rommelshausen nicht an, umgekehrt ist die Kappelbergstadt für die Remstalwerke ein weißer Fleck. Und bei den Waiblingern fehlen zusätzlich auch noch die unzähligen EnBW-Säulen auf Stuttgarter Gemarkung. So wird das schon mal nichts mit dem problemlosen Laden.

Die beiden Automobilclubs ADAC und ACE bieten Ladekarten an, die dieses Problem lösen können: Beim ACE-Kooperationspartner Newmotion, einer Shell-Tochter, fallen im Gegenzug pro Ladevorgang 30 Cent Service-Gebühr an, um praktisch jede Ladesäule nutzen zu können. Man zahlt ansonsten die Tarife des örtlichen Anbieters – die aber deutlich voneinander abweichen, böse Überraschungen bei der Abrechnung scheinen hier programmiert. Und diese Abrechnung kann zudem dauern: Erst ein Vierteljahr später taucht ein Probeladen in Rommelshausen auf der Monatsrechnung auf. Aber als Reserve-„Universalschlüssel“ für Notfälle taugt die Karte des Autoclubs. Allemal besser als stehenbleiben.

Hohes Tempo kostet Energie

Konkurrenzlos simpel hingegen ist das „mobility+“-Angebot des Platzhirschs EnBW, der mit dem ADAC kooperiert: Bei 5 Euro Monatsgebühr, die im Übrigen für ADAC-Mitglieder und EnBW-Stromkunden entfällt, zahlt man 29 Cent pro Kilowattstunde, egal wo. Ohne Monatsgebühr werden 39 Cent fällig. Bis zum Jahresende ist wegen der Mehrwertsteuer-Senkung noch etwas weniger. Die Anmeldung an der gewünschten Ladestation erfolgt per Ladekarte oder App – und wenige Minuten nach dem Abkoppeln meldet das Telefon bereits den berechneten Betrag.

Das Nachladen klappt trotz mancher Hürde nicht nur in der Region Stuttgart problemlos, sondern landes- und republikweit, beim Wochenendausflug an den Bodensee ebenso wie bei der Urlaubsfahrt an die Ostsee. An der Autobahnraststätte wie auf dem Marktplatz, in Friedrichshafen oder in Waren an der Müritz, in Eisenach oder in Zwiefalten lassen sich die Säulen zum Einheitstarif problemlos freischalten.

Im Schnitt landen wir so mit dem Renault Zoe bei Stromkosten von weniger als fünf Euro für 100 Kilometer Fahrtstrecke. Verfügt das Auto über ein Schnellladesystem wie CCS (Combined Charging System), Tesla und Porsche haben jeweils eigene Systeme, verkürzt sich die Ladezeit spürbar – aber man lädt auch zu höheren Tarifen. Klar ist: Die lange Strecke an die See versucht man ohne CCS besser nicht in einem Rutsch. Bei Tempo 140 regelt etwa beim Zoe die Bordelektronik ab, und selbst diese Geschwindigkeit frisst mächtig Strom. Also planen wir eine Übernachtung ein und fahren mit einem Mix aus Autobahn und Bundesstraßen. Das funktioniert dann wunderbar: Wir genießen wunderschöne Routen durch den Thüringer Wald oder den Harz, bei denen das Auto fast lautlos die Serpentinen hoch schnurrt. Und bergab wird per Motorbremse die Batterie wieder etwas gefüllt. Rekuperation heißt diese Rückgewinnung von Energie, der Motor wird zum Dynamo. Ganz entspannt rollen wir danach wieder auf Bundesstraßen durch die Mecklenburger Seenplatte.

Neue Entdeckungen

Der Hotelier in Quedlinburg spendiert über Nacht den Strom für die Weiterfahrt, und jede touristisch ambitionierte Kleinstadt hat eine Ladesäule, sodass man nach einem Altstadtbummel samt Einkehr im doppelten Sinne die Batterien wieder aufgeladen hat. Von der Reichenau bis nach Rügen lockt auch manche Kurverwaltung mit kostenlosem Strom. Und man entdeckt ganz neue malerische Orte. Auf diese Weise kommt etwa die Hansestadt Havelberg ins Portfolio der Urlaubsziele. Es ist schön dort – mit einem netten Café direkt neben der Ladesäule.

Ganz ausreizen sollte man die Batteriekapazität des Autos allerdings nicht. Denn wenn man mit weniger als zwanzig Kilometer Restreichweite im strömenden Regen vor einer hartnäckig zickenden Ladesäule wie in Berlin steht, gerät man doch ziemlich in Stress. Aber zum Glück ist eine Ladesäule eben auch nur ein Computer mit Starkstrom. Einmal neu starten, dann geht’s wieder. Hoffentlich.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: