Hübsch und auch ganz schön teuer: Der EQS im „One-Bow-Design“ vor schweizerischer Bergkulisse. Foto: Dannecker

Daimler Sindelfingen hat in den Schweizer Bergen die vollelektrische S-Klasse vorgestellt, den EQS, mit gut 700 Kilometern Reichweite. Damit reicht eine Stromfüllung von München bis Berlin. Die Produktion ist im Mai in der Factory 56 angelaufen, jetzt sollen die Märkte bedient werden.

Sindelfingen - „Läuft der?“ Das werden sich schon viele Autofahrer gefragt haben, wenn sie den Startknopf eines Elektroautos gedrückt haben. In der Regel war die Frage bereits beantwortet, bevor die ersten Reifenabrollgeräusche entstanden sind. Eine turbinenartige Hintergrundkulisse (ähnlich einer Straßenbahn) war der „Läuft“-Beweis. Und eher unangenehm. Nicht so das neue elektrische Flaggschiff EQS aus Sindelfingen. Der rollt quasi fast nicht hörbar – selbst in höheren Geschwindigkeiten. So solle er sein, sagen die Entwickler der Nobelkarosse: der Luxus auf leisesten Sohlen.

 

Tatsächlich kann man dem EQS per Soundgenerator ein raumschiffähnliches Geräusch zumischen oder den kernigen Klang eines Achtzylinders, ansonsten bleibt sein Antrieb dB-technisch extrem dezent. Davon konnten sich jetzt Motorjournalisten überzeugen, als die Firma mit dem Stern ihr neues Spitzenprodukt in Zürich und der Schweizer Bergwelt für Proberunden zur Verfügung gestellt hat. Bitteschön unter Einhaltung der eidgenössischen Höchstgeschwindigkeitsgrenzen – 80 auf Landstraßen, 120 auf der Autobahn. Überschreitungen können im Lande von Heidi und Toblerone teuer werden wie sonst mechanische Armbanduhren aus Schaffhausen oder Genf.

Statt Motorsound Musik in den Ohren

Nebeneffekt der entspannteren Art der Fortbewegung: Man kann den superben Sound aus der Burmester-Audioanlage genießen wie gefühlt sonst nur in einem Maybach. Mit dem Luxus-plus-Auto made in Sindelfingen vergleicht ein Autotester den EQS beim Abendessen auf der Bergstation oberhalb von Andermatt: „Da war ich verblüfft.“

Die Verblüffung geht weiter, wenn dann doch mal der Gasfuß mit einem durchgehen sollte oder am Gotthardpass ein kleiner Zwischenspurt gefragt ist. Egal ob der schwächer „motorisierte“ EQS 450+ mit 333 PS oder der allradgetriebene 580 4matic mit 523 PS im Elektroaggregat: mit 6,2 beziehungsweise 4,3 Sekunden im Spurt von 0 auf 100 ist ultimativer Schub garantiert. Das sind Sportwagen-Werte. Ruft man sie in den 2,5-Tonnern nicht ab, sondern bleibt piano am Gaspedal, nutzt das einem bisherigen K.o.-Kriterium für Elektroautos: der Reichweite.

Bis zu 780 Kilometer kommt man mit dem EQS nach WLTP-Messung. Das ist ein Quantensprung gegenüber dem ersten EQ-Modell von Mercedes, dem EQC, oder auch dem EQA, dem Einstieg in die Welt der Stern-Stromer mit 426 Kilometern. Die Daimler-Ingenieure zeigen in ihren Gesprächen, dass sie die Motorpresse lesen, Youtube-Beiträge schauen – und dass sie stolz sind wie Harry, wenn von dort begeisterte Reaktionen kommen. Einer aus den Medien ist mit einem EQS von München nach Berlin und „hatte noch Saft im Tank, als er ankam“, lacht einer der Tüftler, die viel IQ in die EQ-Familie gesteckt haben. Binnen weniger Wochen soll sie um einen EQE arrondiert werden. Und in absehbarer Zeit durch zwei Elektro-SUVs.

Binnen 15 Minuten für 300 weitere Kilometer aufgetankt

Schier noch mehr ins Schwärmen als über die Reichweite gerät Holger Enzmann über die Ladeschnelligkeit des Top-Modells aus Sindelfingen. Das sei binnen 15 Minuten für weitere 300 Kilometer schnellgetankt. Das sind zwei Zigaretten in Kette oder ein Kaffee in der Autobahnraststätte. Enzmann, 50, hat Maschinenbau und Konstruktion studiert, ist seit 1996 bei seinem (Erst-)Arbeitgeber Daimler und Entwicklungsprojektleiter. Der Wahlschwabe („der Liebe wegen“) aus Altdorf hat EVA-2-Plattformen unter sich – EVA steht für Electro-Vehicle-Architecture. Daimler hat für den EQS eine eigene geschaffen. Sie kann je nach Modell (und Radstand) verkürzt oder verlängert werden durch Zugabe oder Wegnahme von Batteriezellen-Modulen. „Die Architektur ist nach Längen, Breiten und Höhen skalierbar“, erklärt Enzmann den Aufbau der Mercedes-Submarke, die keine Submarke mehr bleiben, sondern ihre Verbrennerbrüder und -schwestern über kurz oder lang überflügeln soll. Waren E-Autos noch vor wenigen Jahren Exoten im Straßenverkehr, sind die Zulassungszuwächse derzeit am Explodieren. „Jeder dritte in Deutschland verkaufte Mercedes ist ein elektrifizierter – entweder Hybrid oder vollelektrisch“, sagt Konzern-Vertriebschefin Britta Seeger. Sollte sich der Trend nur annähernd so fortsetzen wie beim E-Auto-Pionierland Norwegen, dürften Benziner oder Diesel bald im Rückwärtsgang fahren. Dort ist mehr als jedes zweite neu zugelassene Auto teil- oder vollelektrisch unterwegs. „Die Norweger beweisen, dass auch kalte Temperaturen kein Problem sind“, sagt Andreas Sauerborn. Der 46-jährige Maichinger, zu Jugendzeiten übrigens im Gerolsteiner-Radteam von Hans Holczer, hat den Elektrostrang entwickelt – Elektromotor, Leistungselektronik, Getriebe und Software.

Ein windschlüpfriger Weltmeister beim cw-Wert

So leise und so lange am Stück ist der EQS auf Achse, weil er windschlüpfrig ist wie kein anderes Serienauto. An seinem cw-Wert von 0,20 hat Diplom-Ingenieur Jochen Heinzelmann (48) aus Schönaich Anteil – und die Umwelt einen akustischen Vorteil, weil viel weniger Lärm. Stolz zeigt er aerodynamisch optimierte Felgendesigns und Reifen, deren Seitenbeschriftung nicht mehr erhaben, sondern gelasert ist – weil beim Luftwiderstandsbeiwert jedes „Muggaseggele“ etwas ausmacht.

Etwas mehr als die kleinste schwäbische Maßeinheit kostet der EQS. Preise nennt Daimler noch nicht. Aber selbst für das kleinere Modell gibt etwa der ADAC „ab unter 100 000 Euro“ an. Dafür müssen selbst Schweizer Bauern bei der Heuernte an den Hängen des Vierwaldstätter Sees lange schwitzen. Nun gut, es werden eher Schweizer Banker sein, die so ein Auto ordern. Und junge chinesische (Multi-)Millionäre, von denen es ja enorm viele geben soll.

Der EQS: Fachwelt und Autofans sind elektrisiert

Großes Interesse
Wie begeistert in Motormedien und bei Autofans die Reaktionen auf den neuen EQS sind, „das hat selbst uns erstaunt“, sagt Daimler-Vertriebs-Chefin Britta Seeger. Der Luxus-Stromer wird in der neuen Factory 56 in Sindelfingen gebaut, die im September 2020 eröffnet worden ist – zusammen mit der Weltpremiere der neuen (konventionellen) S-Klasse. Die läuft so gut, dass eine Nachtschicht zusätzlich eingerichtet worden ist. Problem freilich ist der Mangel an Chips derzeit. Es hat deshalb schon Stopps an den Fließbändern gegeben.

(Streit-)Potenzial
In den Batteriezellen stecke künftig noch viel Entwicklungs-Potenzial für Reichweite, sagen die Ingenieure. In den Elektroautos mit Stern steckt aber auch Streit-Potenzial. Elektroantriebe brauchen viel weniger Arbeitskraft als Verbrennermotoren und Getriebe. Das dürfte vor allem am Power-Train-Standort Stuttgart-Untertürkheim noch für viel Unruhe sorgen. (sd)