Stolz präsentieren (v.l.) Benjamin Rudolph, Max Keßle und Matthias Geertsema das Serienmodell. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgarter Fahrzeugindustrie mal anders: Der elektrische Rollator Ello des Start-ups EMovements geht nun in Serie und zeigt einen typischen Lernprozess von der technischen Idee zur Kundenorientierung.

Stuttgart - Das neueste Stuttgarter Vehikel für die E-Mobilität, sieht ganz schick aus. Ganz in schwarz ist es gehalten, Griffe und Kontrollpanels sind ansprechend gestaltet. „Wir haben gegenüber dem Prototyp am Design gearbeitet“, sagt Benjamin Rudolph, der Geschäftsführer des Entwicklers EMovements. Das Fahrzeug hat GPS und kann SMS- Notsignale versenden. Mit einer leichten Daumenberührung an einem Sensor, der in den Griff integriert ist, setzt es ein Elektromotor in Bewegung. Wenn man loslässt, stoppt das Gefährt sofort. Im Gefälle hält es das voreingestellte Tempo und bremst automatisch. Die Batterie reicht für zwei Stunden kontinuierliche Bergfahrt und einen ganzen Tag im Normalbetrieb.

Die Serienauslieferung startet im September

Ello ist ein elektrischer Rollator, der nun nach mehr als dreijähriger Entwicklungsarbeit einen Meilenstein erreicht hat. Von September an wird die Serie ausgeliefert. Die ursprünglich von der Universität Stuttgart stammenden Gründer wollen nichts weniger als eine Mobilitätsrevolution für eine Gruppe von Menschen, die zurzeit an ihr Zuhause gefesselt ist. Konventionelle Rollatoren können nämlich weder beim Einstieg in den Bus, noch bei Steigungen oder bei der Beförderung der Einkäufe unterstützen.

650 000 Rollatoren werden in Deutschland jährlich verkauft, Tendenz steigend, und 30 000 davon würde mittelfristig EMovements gerne liefern. Komfort und Sicherheit hat ihren Preis: Mit 2400 Euro kostet die elektrische Version das Drei- bis Vierfache selbst komfortabler, konventioneller Modelle. Ello wäre also so etwas wie eine S-Klasse. Aber EMovements-Geschäftsführer Rudolph glaubt fest an den entsprechenden Markt: „Von Leuten, die bereits einen Rollator besitzen, haben wir einen extrem positives Feedback bekommen“, sagt er.

Zunächst wird eine – bereits vollständig verkaufte – Vorserie ausgeliefert. Vom Herbst an wird der Rollator dann in Sanitätshäusern in ganz Deutschland zu besichtigen sein, bevor die eigentliche Serienfertigung startet.

Elektrischer Rollator - Neuland für den Markt

Doch EMovements ist gleichzeitig auch die Geschichte eines typischen Stuttgarter Start-ups, das eine anfangs geniale technische Idee erst in einem langwierigen Prozess an die realen Bedürfnisse des Marktes anpassen musste. Moderne Start-up-Methoden, die schon in extrem frühen Entwicklungsstadien verlangen, sich mit den konkreten Bedürfnissen des Kunden auseinanderzusetzen, sind erst in den vergangenen Jahren in der Start-up-Szene zum Gemeingut geworden. Bei EMovements war es anders herum: Der erste Prototyp war fertig entwickelt. Dann musste man den eine Weile in die Ecke stellen, um gründlich und systematisch den exakten Kundennutzen und die Eigenschaften im Detail zu entwickeln.

Das sei eine der wichtigen Lernerfahrungen bei dem zunächst von Ingenieuren angestoßenen Projekt elektrischer Rollator Ello gewesen, sagt Rudolph. Insgesamt habe die Entwicklung länger gedauert als gedacht, räumt er ein. Förderprogramme des Bundes und des Landes für Gründungen aus der Hochschule halfen beim Weitermachen. „Diese Programme schauen aber immer noch sehr auf die Technik“, sagt der Geschäftsführer. Sein Wunsch: Ein größerer Fokus auf Marketing und praktische Organisation des Geschäfts.

Eine Crowdfunding-Kampagne brachte den Schub

Einen entscheidenden Schub gab im Sommer des vergangenen Jahres eine Crowdfunding-Kampagne, die 250 000 Euro in die Kasse spülte. Ein paar Geldgeber haben sich auf die Vorbestellungs-Liste gesetzt. Aber viele hätten auch Geld gegeben, weil sie das Produkt unterstützen wollten, sagt Rudolph. Im April diesen Jahres stieg ein Investor mit einer halben Million Euro ein. Als so genannter Business Angels hilft er auch bei der Entwicklung des Unternehmens. Seit Ende 2016 hat sich die Zahl der Mitarbeiter auf 15 verdreifacht – die meisten davon arbeiten in der Montage, die noch eher einer Manufaktur als einer industriellen Fertigung ähnelt.

Ganz so schnell wie noch im Sommer beim Crowdfunding gedacht, klappt es mit der Fertigung der ersten hundert Exemplare aber nicht. Es wird 2018 werden, bevor sie aus der Montage gerollt sind. Doch habe man eine deutliche Mengenausweitung schon im Blick, sagt Rudolph.

Vom ersten Entwurf aus dem Jahr 2014, wo beispielsweise eine Tablet-Computer für die Navigation sorgte und der Rollator Ello über Hebel gesteuert wurde, ist manches verschwunden. Die potenziellen Kunden seien konservativ, sagt Rudolph. Zu viel technische Möglichkeiten schreckten ab. „Dafür haben wir aber nachträglich eine Hupe eingebaut“, sagt der Geschäftsführer. Männliche Käufer fänden das offenbar wichtig.

Da der Rollator als medizinisches Produkt gilt, sind die Sicherheitsauflagen streng. „Es war auch von Anfang an klar, dass die Kassen für den höheren Aufwand als medizinisches Hilfsmittel nichts zusätzlich bezahlen würden“, sagt Rudolph – obwohl ja das Gerät im Sinne der Prävention die Nutzer beweglich halte: „Wir wollten etwas entwickeln, das zum Gehen ermuntert – und es nicht ersetzt.“

Innovation aus guter schwäbischer Schule

Ello ist typisch für ein Technologie-Startup aus Baden-Württemberg. „Für uns steht die richtige Qualität im Vordergrund“, sagt Daniel Rottinger, der sich um Marketing kümmert. Die Teile sind „made in Germany“, was bedeutete, auch in Zeiten der Hochkonjunktur regionale Fertiger zu finden, die sich auf die anfänglich kleinen Mengen einließen. Der elektrische Rollator Ello wird über Sanitätshäuser vertrieben. Nur da sei die intensive Beratung gewährleistet heißt es bei E-Movements. Eine Marketingstrategie auf sozialen Medien braucht man da nicht zu fahren. „Wir setzen auf Mundpropaganda“, sagt Rottinger.

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