Maria del Carmen Vaca Martinez (ganz links) hat gekocht, ihr Mann Ramón und ihre Schwester Maria Josefa Rehm haben die Gäste bewirtet. Die Tochter Carmen Gonzalez Vaca arbeitet lieber im Büro. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski

Das Restaurant El Taurino war eine reine Familienangelegenheit – 40 Jahre lang. Aber Maria del Carmen Vaca Martinez und ihr Mann, den alle nur Moncho nennen, gehen nun in den Ruhestand, obwohl sie sich nur schwer von ihrem Lokal trennen können.

Beim Aufräumen sind Maria del Carmen Vaca Martinez dann die Tränen gekommen. Das Erzählen überlässt sie auch lieber ihrer Schwester oder der Tochter, weil sie sonst weinen muss. Ihr Vater hatte sie vor 40 Jahren in die Küche von El Taurino geholt, als er das spanische Lokal in der Schwarenbergstraße eröffnete. Dass sie nun keine Tortilla española, Paella oder Platten mit gegrilltem Fisch mehr zubereiten soll, kann sie sich noch immer nicht vorstellen. „Wir hatten sehr liebe Gäste“, sagt die 65-Jährige. Auch ihre Schwester Maria Josefa Rehm spielt immer wieder mit dem Gedanken, doch weiterzumachen, obwohl die Abschiedsparty längst gefeiert wurde. Nur die dritte Generation der Familie ist froh, im Büro zu arbeiten: „Ich und mein Bruder haben Berufe, bei denen man Feierabend hat“, sagt die Tochter Carmen Gonzalez Vaca.

 
Für das Lokal wird ein Nachfolger gesucht – möglichst mit spanischer Küche. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

El Taurino war im Stuttgarter Osten eine Institution

Eine Generation von Wirten tritt in Stuttgart ab, für die es keinen Ersatz mehr gibt. Familienbetriebe hören auf, weil das Geschäft zu fordernd ist. Im Stuttgarter Westen gaben im vergangenen April Nektarios Theodosiadis und seine Frau Elizabeta nach 33 Jahren ihren Zum Spätzleschwob ab. Die beiden Töchter haben andere berufliche Pläne. Die Familie Vryzonis trennte sich im Herbst nach 31 Jahren von ihrem Hotzenplotz. Im Fall von El Cortijo hat zwar mit Tzoanna Papavergos die Tochter noch sechs Jahre lang das Flamenco-Lokal in der Stadtmitte weitergemacht, mit der Geburt ihrer beiden Kinder war aber im Sommer 2022 ebenfalls endgültig Schluss.

Nun hat der Stuttgarter Osten diesen Februar ebenfalls eine Institution verloren. Ein Gast kam sogar an vier der fünf Öffnungstage, saß stets auf dem gleichen Barhocker. Moderatoren und Mitarbeiter vom Südwestrundfunk, Schauspieler wie Ben Becker und Erol Sander oder die Tennisspielerin Arantxa Sanchez Vicario sowie eine ganze Reihe von Spielern und Funktionären vom VfB und ansonsten vor allem Stammgäste verbrachten ihre Abende im El Taurino. Sie liebten das Essen von Maria del Carmen Vaca Martinez, nach den Rezepten für ihre Fischsuppe Zarzuela oder die Patatas Bravas wurde sie bis zum Schluss gefragt, und sie liebten ihren Mann Ramón, den alle Moncho nannten und der als singender Wirt mit Flamenco-Maske und Kastagnetten unvergessliche Auftritte hatte und die weiblichen Gäste mit Komplimenten verzauberte.

El Taurino – familiäre Atmosphäre

Was El Taurino am meisten ausgezeichnet hat, war die familiäre Atmosphäre. Denn damit hat alles angefangen: Der Vater von Maria del Carmen Vaca Martinez und Maria Josefa Rehm wollte „unbedingt einen Familienbetrieb“ gründen. Denn dadurch blieben alle beisammen und waren gleichzeitig versorgt, dachte er sich. Eigentlich war er Elektriker von Beruf, jedoch auch ein leidenschaftlicher Hobbykoch, der für seine acht Kinder an Sonn- und Feiertagen gerne auftischte, während seine Frau hinterher die Küche putzen musste. Schon 1978 stieg er mit dem Hostal del Sol am Österreichischen Platz in die Gastronomie ein, startete danach das legendäre Casa Mou am Marienplatz, das auch unter neuer Führung noch jahrzehntelang ein Fixpunkt im Stuttgarter Nachtleben blieb. Die Vacas zogen allerdings in den Osten, als ihnen das Lokal in der Schwarenbergstraße angeboten wurde.

Im El Taurino stand er erst mit dem Sohn in der Küche, der sich später mit Er Vaquita im Westen selbstständig machte, dann mit Maria del Carmen Vaca Martinez. Als der Vater 1992 nach Spanien zog, übernahm ihr Mann Ramón Gonzalez das Lokal. Dass er ursprünglich Automechaniker gelernt hatte, wusste nicht einmal seine Tochter, weil er sich als geborener Gastronom entpuppte. Die Wohnung der Vacas befand sich im Stockwerk darüber, aber El Taurino war ihr Wohnzimmer. „Mein Leben hat sich hier abgespielt“, erklärt die 65-Jährige, warum ihr die Tränen kommen, seit das Restaurant geschlossen ist: „Für meine Gäste habe ich alles gegeben.“ Immer wieder schoben sie und ihr Mann die Rente hinaus, obwohl beide ihre „Wehwehchen“ hatten, räumt Maria del Carmen Vaca Martinez ein. Die runde Zahl 40 erschien ihnen wie ein guter Abschluss.

Gegen Ende wurde die Familie fast wieder schwach

Ihren Kindern sollte das „harte Leben“ in der Gastronomie allerdings erspart bleiben. Anders als ihr Vater drängte Maria del Carmen Vaca Martinez ihren Sohn und die Tochter nicht dazu, bei ihnen einzusteigen. „Unsere Eltern mussten immer arbeiten, wenn andere freihatten“, sagt die 38-Jährige, die selbst Mutter von zwei kleinen Kindern ist. Ihre Kindheit sei zwar super gewesen, die vielen Stammgäste wie eine Großfamilie, diese Selbstständigkeit jedoch nichts für sie. Gegen Ende, als das Restaurant jeden Abend mit traurigen Gästen gefüllt war, wären die ältere Generation der Vacas dagegen fast wieder schwach geworden: „Ich mache weiter“, erklärte Maria del Carmen Vaca Martinez am letzten Tag in ihrer Küche. Und ihre Schwester liebäugelte mit der Idee, das Lokal mit ihrem Neffen zu übernehmen. „Aber ohne Papa und Mama ist es nicht mehr das Taurino“, weiß die Tochter.