„Ekstase“ im Kunstmuseum Stuttgart Einfach überragend

Von Nikolai B. Forstbauer 

Treibt uns die Sehnsucht nach einem unsere Erfahrungen sprengenden Mehr? Das ist die Ausgangsfrage der neuen Sonderausstellung im Kunstmuseum Stuttgart. Das Schöne: „Ekstase“ sorgt selbst für Begeisterung.

Stuttgart - Was für ein närrischer Zug! Fünf Menschen – singend, musizierend, vor allem aber erschöpft und eigentümlich verwirrt. In Lovis Corinths „Heimkehrende Bacchanten“ mag man sich zwischen Spott und Mitleid kaum entscheiden. Nach offenbar durchfeierter Nacht torkeln die unterstellt jüngst noch ­Jubilierenden nackt einem nur farblich ­hellen Tag entgegen. Um den korpulenten Mann im Vordergrund vor allem muss man sich sorgen – umringt von zwei Begleiterinnen spürt er doch vor allem: das eigene Elend.

„Two Girls for Every Boy“

1888 malt Corinth diese Spott.triefende „Heimkehr“. Und er hätte sich kaum träumen lassen, dass die Losung „Two Girls for Every Boy“ – Zwei Frauen für einen Mann – 75 Jahre später Grundlage für ein von allen Beschwerungen des Alltags befreites ­Lebensgefühl sein könnte. 1963 singt das Duo Jan & Dean (Jan Berry und Dean ­Torrence) das Lied „Surf City“ – geschrieben von „Beach Boys“-Mitbegründer Brian ­Wilson und Jan Berry. In den Hauptrollen des Videos von 1963: ein Pick-Up, zwei ­Männer, vier Frauen.

Nun treffen sich Corinths Kronzeugen-Bildnis ausschweifenden und bis zur Peinlichkeit enthemmten Lebens und das in der Bildästhetk klinisch reine Sex-Versprechen der Surf-Boys – in der Themenausstellung „Ekstase“ des Kunstmuseums Stuttgart. Eröffnet wird die Schau an diesem Freitag, 28. September, um 19 Uhr.

Im Schleudergang der Zeitmaschine

Was für ein übergroßes Thema! Und was für ein Auftakt im ersten Obergeschoss des Kunstmuseum-Kubus! Das Stroboskop-Gewitter Carsten Höllers im Erdgeschoss mag man als Einstieg in die Schau aller ­Sogwirkung zum Trotz noch eher unter ­erwartbar abhaken. Aber dann gerät man in den Schleudergang einer Zeitmaschine, die alle Daten vergessen zu haben scheint, dafür aber keinen Wahnsinn enthemmten Seins außer Acht lässt. Folgerichtig steuert zunächst alles auf eine Szenerie der US-amerikanischen Konzept- und Filmkünstlerin Eleanor Antin zu: „The Triumph of Pan ­(after Poussin)“, eine 2004 entstandene ­Antwort auf Nicolas Poussins „Triumph des Pan“ (zu sehen in der National Gallery in London) von 1636.

Wo beginnt die Inszenierung?

Zeiten, Stile, Realitäten – Antin hebt alle Gültigkeiten auf, zeigt zudem das scheinbare Enthemmtsein als buchstäblich nackte Maskerade. Das ekstatische Außer-Sich-Sein ist gänzlich inszeniert. Antin argumentiert bildlich mit dem Wissen der Ökonomisierung aller Enthemmung im 20. Jahrhundert. Ob im Tanz, in der Pop- und Rockmusik oder in einer bald alle zehn Jahre die Performance und das Befragen des (eigenen) Körpers neu entdeckenden Kunst: ­Immer sind schon die Weichen in Richtung wirtschaft­licher Verwertbarkeit gestellt.

Feuerwerk der Abgründe

Kann man mit dieser Ausgangsthese aber dem Enthemmten überhaupt noch trauen? Diese Frage begleitet die Besucherinnen und Besucher durch die sich über alle Kunstmuseums-Ebenen erstreckende Ausstellung. Kunstmuseums-Direktorin ­Ulrike Groos, Kunstmuseums-Kuratorin Anne Vieth und der schon in der Erfolgsschau „I Got Rhythm – Jazz in der Kunst“ für ­Stuttgart aktive Berliner Markus Müller präsentieren – vor allem im ersten und ­zweiten ­Kubus-Geschoss ein Feuerwerk der ­Abgründe.

Dabei sind sich das Göttliche und das Teuflische eigentümlich nah. Folgerichtig lässt der Kanadier Jeremy Shaw seine ­Serie von Schwarz-Weiß-Fotos empfun­dener ­religiöser Erleuchtung nicht weniger ­erhaben zerbersten.

Der Körper als „Behausung der Gottheit“

Was aber erwarten wir eigentlich von der Religion? Der Blick auf die europäische ­Malerei seit dem 17. Jahrhrnudert wie auf die Kunst der Gegenwart zeigt: Übergreifend wird der Körper als Behausung der ­Gottheit verstanden. Schließt hier das ­Konzept des bewusst Außenstehenden an, wie es ­ kulturprägend und verbunden mit gesellschaftlichen Umbrüchen seit dem 19. Jahrhundert (etwa die Sioux-Indianer mit ihren „Geist-Tänzen“) und bis in die Gegenwart (etwa in der Punk- und der Rave-Bewegung) zelebriert wird?

Spannende Blickachsen und Bezüge

Fast zu viel Tempo nimmt die als Kooperation mit dem Zentrum Paul Klee realisierte Schau im zweiten Kubus-Geschoss auf. Ein Seitenblick auf den Sport, dann Vorhang auf für den Tanz, hier die Drogenerfahrung, dort Schamanismus – und doch bleibt man dabei und bleibt konzentriert.

Wie schon zum Auftakt (mit Ruhezonen für grafische Arbeiten von Paul Klee und Pablo Picasso), gelingt auch hier die jeweilige thematische Vertiefung. Dies auch deshalb, weil sich immer wieder Blickachsen öffnen, Bezüge deutlich werden. Und weil die historische Verdichtung der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Ekstase-Begriff mit künst­lerischen Mitteln summiert werden – in den Videoarbeiten „Rock my Religion“ von Dan Graham und „Fio­rucci Made Me Hardcore“ von Mark Lackey.

Zwei Möglichkeiten zum Finale: Ruhe oder Club-Fieber

Wie aber soll man, kann man als Besucher das „Ekstase“-Gewitter, das historische Eckpunkte wie André Bretons „Surrea­listisches Manifest“ von 1924 als Leuchtfeuer auf dem Weg bis zu Marlene Dumas’ so stillen wie intensiven und dabei selbst durch die Kunstgeschichte eilenden Bildern ­körperlicher Erregung nutzt, verarbeiten? Zwei Möglichkeiten bietet das „Ekstase“-Team: Ruhe (im dritten Kubus-Geschoss) und ­Bewegung. (im Untergeschoss des Kunstmuseums). Verbindend bleibt die Grenzerfahrung.

„Dream House“ im Kubus-Obergeschoss

Wer nach oben geht, betritt dort einen Farbklangraum, der (stets eigens für den ­jeweiligen Ort konzipiert) bereits selbst Teil der jüngeren Kunstgeschichte ist: das ­Projekt „Dream House“ des Musikers La Monte Young und der Lichtkünstlerin ­Marian Zazeela. Das Eintauchen in Licht und Klang bekommt aktuell eine ­besondere Note: Der Konfrontation mit eigenen Wahrnehmungsmöglichkeiten ­antwortet draußen auf dem Schlossplatz, dem Kunstmuseum nicht nur ästhetisch ­unanständig nahe ­rückend, die ver­­meint­liche Wohlfühlwelt des „historischen ­­­Volks­festes“.

„Krazyhouse“ im Kunstmuseums-Untergeschoss

Wer nach unten geht? Wird in Rineke Dijkstras „The Krazyhouse“ in den ­gleichnamigen Club in Liverpool kata­pultiert. Nicht anders aber als die müden Bacchanten in Lovis Corinths „Heimkehr“-Bild haben die von Dijkstra gefilmten House-Tänzerinnen und Tänzer einen ­eigenen sentimentalen Ausdruck. Noch ­immer bringt die Ekstase die Menschen an und über ihre Grenzen.

Was meint eigentlich „Ekstase“?

„Ekstase – für ,übermäßige Begeisterung, Verzückung’ – gehört im Deutschen ursprünglich dem religiösen Sprachgebrauch an und kennzeichnet einen Ausnahmezustand des Seelen­lebens, der auf übernatürliche Ursachen zurückgeführt wird. Spätlateinisch (besonders kirchenlateinisch) ecstasis, auch ex(s)tasis, das Außersichsein in religiöser Verzückung oder vor Schrecken, Staunen‘, das auf dem Griechischen ékstasis (,Irresein, Rausch, tiefe Ohnmacht‘, eigentlich ,Entfernung, Entferntsein von einer Stelle, das Aus-sich-heraus-Gehen‘).“

Aus „Wortauskunftssystem zur deutschen Sprache in Geschichte und Gegenwart“.

Zeiten und Preise

Zu sehen ist „Ekstase“ im Kunstmuseum Stuttgart von diesem Samstag an bis 24. Februar 2019 (Di-So 10-18, Fr 10-20 Uhr).

Der Eintritt kostet 12 Euro (ermäßigt 8 Euro), Kinder unter 13 Jahren frei.

Öffentliche Führungen (2,50 Euro zusätzlich) gibt es jeden Freitag um 18 Uhr und jeden Sonntag um 15 Uhr. Der Katalog (Prestel-Verlag, 39 Euro) dürfte bald als Standardwerk gelten.

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