Schwerpunkt beim Ballett: der Dirigent Michael Schmidtsdorff Foto: Bayerische Staatsoper/Wilfried /ösl

Das Stuttgarter Ballett hat sich im Streit von seinem Musikdirektor Mikhail Agrest getrennt. Wie konnte das passieren? Der Dirigent Michael Schmidtsdorff erklärt, wie die Zusammenarbeit zwischen Tänzern und musikalischem Leiter im Idealfall funktioniert.

Stuttgart/München - Seit 1998 dirigiert Michael Schmidtsdorff (41) bei John Neumeiers Hamburg Ballett. Auch bei großen Compagnien wie dem Berliner Staatsballett, dem Bayerischen Staatsballett oder dem Ballett der Dresdner Staatsoper ist er ein gefragter musikalischer Partner der Tänzer – weil sie für ihn im Mittelpunkt stehen.

 

Herr Schmidtsdorff, wollten Sie immer Ballettdirigent werden?

Nein, das hat sich so ergeben, und es war ein großer Glücksfall. Ich hatte einen Dirigierkurs bei Max Pommer, der gerade bei John Neumeier in Hamburg ein Vivaldi-Ballett dirigierte, und als er bei fünf Vorstellungen verhindert war, meinte er, ich solle das doch übernehmen. Daraus ist alles entstanden.

Wie bereiten Sie eine Vorstellung vor?

Am Anfang steht wie bei jedem Dirigenten die intensive Beschäftigung mit der Partitur. Wenn die Choreografie bereits existiert, nutze ich auch Videos zur Vorbereitung. Anschließend komme ich mit einem fertigen Konzept zur ersten Probe in den Ballettsaal und überprüfe dort, was die einzelnen Tänzer individuell brauchen – immer in Zusammenarbeit mit dem anwesenden Pianisten, den ich dirigiere, und mit dem Ballettmeister. Häufig geht es um sehr feine Abstimmungen.

Vor allem bei den Tempi? Sind die der Knackpunkt?

Ja. Manchmal schafft ein Tänzer ein bestimmtes Tempo nicht. Dann bittet mich der Ballettmeister, das Tempo etwas ruhiger zu nehmen. Die Tänzer sind extrem abhängig von den richtigen Tempi: Ist es zu schnell, wirkt der Tanz hektisch oder der Tänzer könnte im unglücklichsten Falle stürzen, ist es zu langsam, verliert der Tänzer Kraft und Brillanz. Der Spielraum ist sehr klein. Häufig muss der Tänzer auch erst sein richtiges Tempo finden – mithilfe des Ballettmeisters.

Viele der klassischen Choreografien gehen von viel langsameren Tempi aus, als sie heute üblich sind – weil das zu ihrer Entstehung vor fünf oder sechs Jahrzehnten eben so üblich war. Wie geht man damit um?

Das stimmt: unsere Hörgewohnheiten sind heute andere als vor 60 Jahren. Die Revolution der historischen Aufführungspraxis hat dazu geführt, dass wir heute vieles viel schneller spielen. Trotzdem können alte Aufnahmen mit langsameren Tempi ausgesprochen spannend sein. Vielleicht kommen dabei andere Aspekte der Komposition zum Vorschein. Durch diese anderen Hörgewohnheiten haben ältere Choreografien häufig auch ruhigere Tempi, die man aber nicht so einfach ändern kann, da dann der Ablauf und der Ausdruck der Choreografie nicht mehr passen. Man könnte das nur ändern, indem der Choreograf eine neue Choreografie kreiert, die auf unsere heutige Auffassung von Musik passt.

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Und wenn’s mal Zoff gibt?

Das kenne ich nicht. Natürlich steht der Dirigent für die Seite der Musik ein, und es kann Diskussionen geben. Wenn man aber als Dirigent etwas ändern will, dann muss man das zusammen im Ballettsaal ausprobieren und schauen, ob die Änderungen das Stück wirklich voranbringen. Wenn Tänzer und Ballettmeister merken, dass es einem um das optimale gemeinsame Ergebnis geht, werden sie sich nicht verschließen.

Was verbindet Tanz und Musik?

Choreografie und Musik sind beide aus Phrasen aufgebaut: Diese führen Tanz und Musik zusammen. Ein Operndirigent atmet mit den Sängern, als Ballettdirigent atme ich mit den Tänzern. Wenn ich ein bisschen zu schnell bin, kann ich die Tänzer am Ende einer Phrase wieder einfangen und dann wieder mit ihnen beginnen.

Aber bei einer Oper kann das Orchester die Sänger hören. Tänzer hingegen hört es nicht. Der Spruch „Ein Operndirigent dirigiert mit den Ohren, ein Ballettdirigent mit den Augen“ scheint wahr zu sein.

Ja. Der Operndirigent kann sich darauf verlassen, dass zumindest einige Musiker des Orchesters über das Hören mitgehen. Die Tänzer können die Musiker aber nicht hören. Daher ist der Dirigent beim Ballett unabkömmlich.

Muss ein Ballettdirigent auch viel von Tanz und vom Körper wissen?

Unbedingt. Ich speichere in den Proben optisch genau ab, was die Tänzer realisieren, und kann dann in der Aufführung spüren, ob sie sich wohl fühlen und ihre Choreografie mit all ihrem Ausdruck und tänzerischer Virtuosität optimal ausführen können. Dann vertrauen die Tänzer ihrem Dirigenten, und die Aufführung bekommt eine besondere Qualität.

Wo bleibt Ihr Ego?

Wenn ich alle Details der Choreografie und der individuellen Tänzerwünsche als Konzept in mir trage, kann ich an den Gesamtablauf des Abends denken und die Musik entsprechend ihrer Emotionalität und Dramatik gestalten. Ich muss die Musiker erreichen und inspirieren, um alles, was in der Musik ist, auszudrücken. Dann werden Tanz und Musik zu einer Einheit, und der Abend wird ein Erfolg.

Info

Dirigent
Michael Schmidtsdorff, geboren 1970 in Hamburg, studierte in seiner Heimatstadt und in Wien. Nach einer ersten Station am Theater Lüneburg arbeitete er zunehmend als Dirigent von Ballettproduktionen, zuerst beim Hamburg Ballett von John Neumeier, später unter anderem beim Berliner Staatsballett, beim Bayerischen Staatsballett, in Paris, Dresden, Kopenhagen und Palermo. Im Mai dirigiert er Neumeiers „Sommernachtstraum“ in München.

Streitfall
Bei einer Bühnenprobe mit Orchester zur Wiederaufnahme von John Crankos „Onegin“ entspann sich am 13. Oktober 2021 eine harte Auseinandersetzung zwischen dem Stuttgarter Ballett und seinem als Coach anwesenden ehemaligen Intendanten Reid Anderson auf der einen und dem Musikdirektor Mikhail Agrest auf der anderen Seite. Es ging um musikalische Tempi, und es ging so hoch her, dass der aktuelle Ballettchef Tamas Detrich Agrest zwei Tage später fristlos kündigte. Mittlerweile ist die Sache vor Gericht, den Parteien wird zum Vergleich geraten.