Verdienter Lohn: Katja Hechel mit einer ihrer vier Medaillen, die sie bei der WM im Eisschwimmen gewonnen hat. Foto: privat

Katja Hechel bringt von der WM der Eisschwimmer vier Medaillen und einen Weltrekord mit nach Hause. Dabei waren die Bedingungen in Molveno nicht die besten – die Veranstalter mussten erst eine mobile Sauna beschaffen.

Die Anomalie des Wassers. Wer in Physik ordentlich aufgepasst hat, der weiß, dass Wasser seine größte Dichte bei vier Grad Celsius besitzt und nicht in seinem festen Zustand als Eis. Wasser ist damit der einzige Stoff auf dieser Erde, der in flüssigem Zustand eine größere Dichte vorweist als im festen.

 

Die Anomalie des Schwimmens. Sie besagt, dass es Menschen gibt, die sich nur dann ins Wasser stürzen, um sich in Wettkämpfen zu messen, wenn dessen Temperatur maximal fünf Grad beträgt. Im Gegensatz dazu ist das Wasser bei den Rennen im Becken bei Olympischen Spielen zwischen 25 und 28 Grad warm.

Katja Hechel ist eine Frau, die die doppelte Anomalie lebt – sie liebt es, in rund vier Grad kaltem Eiswasser gegen andere in Schwimmdisziplinen anzutreten. Zuletzt hat die Leonbergerin das im Trentino in Italien getan, in einem Freibadbecken am Molvenosee (bei Trient) fanden die Weltmeisterschaften im Eisschwimmen statt – und die 53-Jährige (die in Altersklasse 50 startete) kehrte mit einer goldenen, zwei silbernen sowie einer bronzenen Medaille zurück.

Das Freibadbecken von Molveno /IMAGO/Giorgio Scala

Die 100 Meter Schmetterling liefen nach dem biblischen Motto „die Ersten werden die Letzten sein“ ab – Katja Hechel war bei der Wende nach 50 Metern Schlusslicht, auf der zweiten Bahn zog sie nach und nach an allen Konkurrentinnen vorbei zu Gold. „Die sind wohl alle zu schnell angegangen, dann haben die Muskeln zugemacht“, erzählt sie, „ich habe dagegen mein Tempo von Anfang bis zum Ende recht konstant gehalten.“

Besonders die längeren Strecken sind für Eiswasserschwimmer sehr tückisch, weil die Muskulatur auskühlt und unelastisch wird. „Man spürt gerade auf den längeren Distanzen, wie sich die Kälte in den gesamten Körper reinfrisst“, berichtet Katja Hechel. Dem Menschen geht es dabei wie dem Wasser: Er friert langsam ein.

Eine mobile Sauna muss her

Allerdings hatten die Sportlerinnen und Sportler in den italienischen Alpen nahe Trient nicht nur gegen die Konkurrenz zu kämpfen, sondern auch mit allerhand Problemen außerhalb des Beckens. „Es gab keinen richtig beheizten Aufwärmraum“, erzählt Katja Hechel, „das ist für uns aber ungeheuer wichtig.“ Gerade wenn morgens um 9 Uhr ein Start bei minus sieben Grad Außentemperatur und knapp zwei Grad Wassertemperatur ansteht, benötigen die Eisschwimmer für die Zeit danach dringend Wärme – auch weil manche später in einem weiteren Wettbewerb starteten und sie die Muskeln wieder warmkriegen mussten.

Üblicherweise stehen bei Wettkämpfen der Eisschwimmer mobile Saunen oder sogenannte Hot Tubs (Badefass) zur Verfügung. Nicht so in Molveno. Die Umkleidekabinen des Freibades allerdings waren baulich nicht dafür ausgelegt, dass man sie mithilfe von Heizlüftern in eine wohlige Wärmehalle hätte verwandeln können. Und nach massiven Protesten der Aktiven (Hechel: „Einer verlangte sein Startgeld zurück“), lenkten die italienischen Organisatoren nach zwei Tagen schließlich ein. An Tag drei stand eine mobile Sauna auf dem Gelände.

Eisdecke im Freibadbecken

Es hakelte ein wenig bei der WM. Schon vor dem ersten Wettbewerb war nicht nur das Wetter, sondern auch die Stimmung bei den Athleten eisig – im Becken konnte nicht trainiert werden, weil es zentimeterdick mit Eis bedeckt war. „Man hätte drauf Schlittschuh-Laufen können“, sagte Katja Hechel. Der See in unmittelbarer Nähe hatte zwischen fünf und sieben Grad, sodass die Eisschwimmer dort trainieren konnten. Die Veranstalter betätigten sich die gesamte Nacht als Eisbrecher und befreiten das Becken bis zum Morgen. „Allerdings musste man aufpassen, dass man nicht auf dem Eis rund ums Becken ausrutschte“, meinte die Leonberger Extremschwimmerin.

Zum Training geht es in die Enz

Die 53-Jährige hatte sich nicht nur in Italien, sondern zuvor auch daheim mit widrigen Begleitumständen auseinanderzusetzen. Wegen der niedrigen Temperaturen im Dezember und Anfang Januar war ihr 300-Liter-Regenfass komplett gefroren und auch die Seen der Umgebung waren eisbedeckt – es blieb nur die Enz bei Vaihingen als kaltes Gewässer. „Besonders gesundheitsfreundlich sind Flüsse wie die Enz oder der Neckar für Schwimmer nicht“, meint Katja Hechel.

Immerhin: Die ungewöhnliche Vorbereitung hat der Leonbergerin nicht geschadet. Einen kompletten Medaillensatz gab es. „Ich bin vollauf zufrieden“, sagt Katja Hechel und verrät ein kleines Geheimnis: „Vor den 100 Meter Schmetterling hatte ich richtig Bammel, ich wollte einfach nur durchkommen.“ Das ist ihr dann ja auch gelungen, aber eben besonders schnell in Weltrekordzeit.