Claudia Hofmann-Scheidler von der SV Böblingen hat eine neue Leidenschaft für sich entdeckt. Die Schwimmerin macht nun Wettkämpfe bei Wassertemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Die Überwindung hat sich für sie mehr als bezahlt gemacht.
Das eigene Limit auszutesten und den Körper an seine maximale Belastbarkeit heranzuführen – das ist ein Ziel, das viele Sportler antreibt. Diesem Mantra folgt auch Claudia Hofmann-Scheidler. Sie versucht sich in einer Sportart, die längst nicht alltäglich ist. Bei Temperaturen von knapp über dem Gefrierpunkt steigt sie ins Wasser. „Das ist eine schöne Herausforderung, denn man kommt bei den Wettkämpfen an seine Grenzen“, sagt die Schwimmerin der SV Böblingen.
Erst seit kurzem hat die passionierte Wassersportlerin diese Faszination für sich entdeckt. Dabei hatte sie schon vor Jahren eine Doku über das Eisschwimmen gesehen. „Ich habe mir gedacht, dass ich das auch mal machen will.“ So richtig in Angriff genommen hat sie ihr Vorhaben aber erst jetzt. Ein Gespräch mit Kolleginnen über die Langdistanz gab ihr den Impuls, das Duell mit der Kälte nun doch anzugehen.
Gemeinsam mit ihrem Mann Reinhard Scheidler, der gleichzeitig auch ihr Trainer ist, stieg sie zum ersten Mal in das eiskalte Nass. „Das war eine harte Nummer“, erinnert sie sich. Als Trainingsort entschieden sie sich für den Aileswasensee bei Neckartailfingen. „Da gibt es einen schönen Einstieg.“ Zudem war bereits ein Stück des Sees vom Eis befreit worden – ideale Bedingungen für ihr Debüt als Eisschwimmerin. Als Vorgabe setzte sie sich, erstmal eine Minute im Wasser zu verbringen, um ein Gefühl für die Bedingungen zu bekommen. „Das ging recht gut.“
Seither nimmt sie regelmäßig die Fahrten in den Kreis Esslingen auf sich, denn der Funken in ihr ist bereits zu einem leidenschaftlichen Feuer geworden. Das ist genau die richtige Voraussetzung, um bei eiskalten Bedingungen zu überstehen. Schließlich braucht es ein dickes Fell, weil es verboten ist, bei den Rennen einen Neoprenanzug zu tragen. Doch das ist beileibe nicht die einzige Umstellung, an die sich Hofmann-Scheidler gewöhnen musste. „Der Startsprung ist verboten“, offenbart sie. Der Grund ist, dass der Kopf nicht zu lange unter Wasser sein soll, wie es sonst bei Wettbewerben der Fall ist.
Dadurch ändert sich auch der komplette Ablauf beim Start. Vor „Take your marks“ oder „Auf die Plätze“ und Startpfiff heißt es beim Eisschwimmen erstmal „Take off your clothes“. „Da ist es wirklich scheiße kalt, sodass wir richtig warm eingepackt sind“, schildert die gebürtige Stuttgarterin mit einem Lachen. Daher ist der erste Schritt, die dicke Daunenjacke und weitere Kleidungsstücke auszuziehen. Sobald alle Teilnehmer in ihrem Schwimmoutfit parat stehen, gehen sie mit dem Kommando „Go into the water“ zügig ins Wasser. Dort halten sich die Teilnehmer mit einer Hand am Beckenrand fest und stoßen sich mit dem Startpfiff von der Wand ab. „Eine Hand geht nach vorne, und die Schulter muss dabei unter Wasser sein, warum auch immer“, erklärt sie weiter. „Das ist ganz anders als beim normalen Schwimmen.“
Doch auch im Wettkampf muss sich die 59-Jährige umstellen. Eine Rollwende unter Wasser ist nicht erlaubt, zudem muss sie Ohrstöpsel tragen. Selbst die Rennstrategie ist eine andere. „Eine Kollegin hat mir gesagt, wenn man zu schnell angeht, geht man kaputt“, berichtet die SVB-Athletin. Davon hat sie sich bereits selbst einen Eindruck machen können, seit sie Anfang Januar ihren ersten Wettkampf bestritt. Beim Veitsbad-Cup im fränkischen Veitsbronn im dortigen Freibad schwamm sie prompt auf den ersten Platz über 50 Meter Freistil, über 50 Meter Brust holte sie Silber. „Ich war so vollgepumpt mit Adrenalin, dass ich die Kälte nicht gemerkt habe.“
Seither hat Hofmann-Scheidler, die bereits im Alter von vier Jahren ihren ersten Schwimmwettkampf absolviert hat, jedes Rennen mitgenommen. Einzig den Start in Burghausen musste sie absagen, denn die derzeit grassierende Grippewelle machte auch nicht vor ihr Halt. Sie befindet sich aber auf dem Weg der Besserung, sodass ihr Start bei den offenen deutschen Meisterschaften, den Zollhaus Open in Neuhermsdorf nahe der deutsch-tschechischen Grenze, in zwei Wochen nicht in Gefahr ist. „Man muss vorher ein Formular ausfüllen, und ein Arzt muss bestätigen, dass man fit genug ist“, erläutert sie die Startvoraussetzungen, die sie bereits erfüllt hat. Über drei Strecken wird sie an den Start gehen, 50 und 100 Meter Freistil wie auch 100 Meter Schmetterling stehen auf dem Programm.
Vor der ebenfalls angebotenen 1000-Meter-Freistilstrecke hat die Schwimmerin, die ebenfalls an den klassischen Freiwasser-Wettbewerben teilnimmt, enormen Respekt. „Das ist eine ganz harte Nummer“, meint sie. „Ich habe bei einem Wettkampf in Salzbronn diejenigen gesehen, die 500 Meter geschwommen sind. Die hätten keinen Teebecher mehr halten können, das fand ich schon grenzwertig.“ Bei 0,7 Grad Wassertemperatur kein Wunder. Daher wird sie, die im vergangenen Jahr 56 Wettkampfkilometer, davon 42 im Freiwasser, in 19 Wettbewerben absolviert hat, sich weiterhin auf die kürzeren Distanzen fokussieren.
Zudem möchte sie auch andere Menschen dazu animieren, einmal das Eisschwimmen auszuprobieren. „Ich höre manchmal, dass ich verrückt sei und dass das nicht sein kann. Es ist aber alles nur Kopfsache“, sagt Hofmann-Scheidler. Sie selbst weiß aus eigener Erfahrung, dass der erste Schritt in das eiskalte Wasser immer der schwerste ist. Doch die Schwimmerin, die seit rund 25 Jahren für die SVB an den Start geht und vom Verein schwärmt, will diese Erfahrung nicht missen. Schließlich hat sie ihren Körper an neue Grenzen gebracht.