So ein dichter Blütenflor ist längst nicht mehr auf allen Wiesen zu bewundern. Und wo die Blüten fehlen, verhungern die Insekten, beklagen Umweltschützer. Foto: dpa

Wenn zu oft und schon vor der Blüte gemäht wird, verhungern die Insekten. Naturschützer aus Eislingen verlangen Investitionen der Kommune in den Artenschutz.

Eislingen - Wenn die Lindenblüte ausfällt, verhungerten im Sommer ganze Hummelpopulationen, und auch Wildbienen und anderen Insekten gehe es angesichts des Rückgangs artenreicher Blumenwiesen schlecht. Diesen drastischen Befund stellte Gerhard Rink am Mittwoch vor. In einem gemeinsamen Pressegespräch der Eislinger Naturschützer beklagte der Vorsitzende der BUND-Ortsgruppe ein eklatantes Insektensterben und sagte dramatische Veränderungen der Tier- und Pflanzenwelt voraus, wenn die Insekten als Bestäuber ausfielen. Gemeinsam mit dem Schwäbischen Albverein und den Imkern forderte Rink die Stadt Eislingen deshalb auf, für den Artenschutz in den kommenden fünf Jahren eine Million Euro zur Verfügung zu stellen.

Überdüngung und Pestizide spielen eine Rolle

Es sei an der Zeit, endlich lokal zu handeln. Angesichts eines Rückgangs der fliegenden Insekten von bis zu 80 Prozent müsse die Kommune die Verantwortung für den Erhalt der Lebensgrundlagen übernehmen und ihren Einsatz für die Artenvielfalt über das Streuobstprogramm hinaus verstärken. „Wir betreuen mehrere Biotope, aber für mehr reicht unsere Manpower nicht aus“, sagte Günter Funsch vom Schwäbischen Albverein. Als Ursache für das Insektensterben führte Rink die zunehmenden Veränderungen der Landschaft ins Feld. Es gebe immer weniger artenreiche Blumenwiesen, blühende Feldränder und Hecken. Auch der Klimawandel und der hohe Stickstoffeintrag durch überdüngte Wiesen und Felder spiele eine große Rolle. Welche Auswirkungen der massive Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft auf das Insektensterben habe, sei noch nicht klar. „Hier wird zu wenig geforscht“, klagte Rink.

Jedenfalls stehe bei dem Vorstoß der Eislinger Natur- und Umweltschützer diesmal nicht die Honigbiene im Fokus. Dass sich auch die örtlichen Imker für den Insektenschutz insgesamt starkmachten, wertete Rink als gutes Zeichen: „Die Honigbienen haben den Imker als Freund, aber die anderen Insekten haben niemanden.“

Forderung: Nicht schon vor der Blüte mähen

Rink und seine Mitstreiter fordern ein Bündel an Maßnahmen. Dazu zählt der Sonderschulpädagoge eine Analyse der Wiesen, Grünflächen und landwirtschaftlich genutzten Flächen in Eislingen. Auf Basis der Analyse sollten Fachplaner ein Konzept mit konkreten Handlungsanweisungen zur Bewirtschaftung von bestimmten Flächen erstellen. Rink wünscht sich ferner eine Lenkungsgruppe, in der Landwirte, Naturschützer, Vertreter des Gemeinderates und der Verwaltung das Thema Artenschutz vorantreiben. Eine enge Zusammenarbeit wollen die Naturschützer auch mit Wolfgang Lissak, dem städtischen Umweltbeauftragten, und dem Landschaftserhaltungsverband auf Kreisebene.

„Wir haben ja zum Glück noch einige blühende Wiesen, so manche Hänge und einige feuchte Gräben“, erläuterte Naturschützer Rink. Allerdings sei vielerorts ein Wandel bei der Bewirtschaftung zu beobachten. So habe ein Wiesenbesitzer das Futter für seine Hasen auf seinen kleinteiligen Flächen im Täle jahrelang gesenst und damit das ökologische Gleichgewicht bewahrt. Seit sein Nachfolger mit dem Mäher arbeite und das Schnittgut als Mulch liegen lasse, verringere sich die Zahl der Wiesenblumen zusehends, denn der Mulch reichere den Boden an. Wiesensalbei, Skabiosen, wilde Möhre und viele andere Wiesenblumen und Kräuter, alles wichtige Futterpflanzen für Insekten, verlangten aber magere Böden. Und wo sie noch wüchsen, werde oft zu früh oder zu oft gemäht.

Seit Jahren beobachten Forscher das Insektensterben

Der Kirchheimer Vogelkundler und Insektenforscher Wulf Gatter erfasst seit 1966 den jährlichen Vogelzug über dem Randecker Maar (Kreis Esslingen) und beobachtet dabei auch den herbstlichen Zug der Schmetterlinge und Schwebfliegen. Früher seien im Beobachtungszeitraum jeden Tag mehr als 1000 Kohlweißlinge vorbeigeflogen, heute liege die Zahl bei unter 20. Die Zahl der Tagpfauenaugen habe sich von rund 400 ziehenden Schmetterlingen auf lediglich noch ein Tier pro Tag reduziert.

Die Landesregierung hat angekündigt, bis Ende Oktober ein Konzept gegen das Artensterben sowie ein flächendeckendes Insekten-Monitoring zu erstellen. Außerdem sollen die mehr als 1000 Naturschutzgebiete besser erhalten und die Streuobstwiesen gefördert werden. Die Landtagsfraktion der Grünen fordert überdies, den Ökolandbau voranzubringen, die Biotope besser zu verbinden und eine Strategie zur Verringerung des Pestizideinsatzes, was nur die EU umsetzen könnte. Dafür will sich der Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) in die Diskussion über die gemeinsame EU-Agrarpolitik einmischen.

Der Agrarminister Peter Hauk (CDU) hat zehn Millionen Euro an Unterstützung für die Landwirte gefordert, um Defizite in der Agrarlandschaft zu beheben.

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