Ein fast schon luftiger Stil: Panagiotis Polizoakis und Kavita Lorenz Foto: dpa

Selbst der Star unter den Trainern ist vom gebürtigen Stuttgarter Panagiotis Polizoakis und Kavita Lorenz begeistert: „Es ist unglaublich, was sie leisten“, sagt Igor Schpilband.

Boston - Die Sprünge, sagt Kavita Lorenz, hätten sie nie interessiert. Sprünge, sagen Leute, die Panagiotis Polizoakis kennen, seien nie sein Ding gewesen. Die Berlinerin und der Stuttgarter kannten sich schon länger, und sie hatten manchmal darüber geredet, wie schön es sein müsste, auf dem Eis zu tanzen, sich zu drehen und zu gleiten. Ohne die Sprünge. Wie schön es auch sein müsste, miteinander zu laufen. Sie war früher bereit dazu, er brauchte etwas länger, bis zum Ende des vergangenen Winters.

Doch dann ging es los, und es ist fast zu gut, wie sich die Dinge entwickelt haben. Als nach dem Kurztanz bei der WM in Boston feststand, dass sich die beiden für die Kür, die in der Nacht auf Freitag stattgefunden hat, qualifiziert hatten, gönnten sie sich einen Blick zurück. „Heute vor einem Jahr hatten wir unser erstes gemeinsames Probetraining in Novi“, sagte Polizoakis. Seine Partnerin nickte versonnen. Novi liegt rund 30 Kilometer nordwestlich von Detroit, und dort ist einer der besten Eistanztrainer der Welt tätig, Igor Schpilband. Den Gipfel seines Ruhms erreichte der Russe bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver, als die Kanadier Tessa Virtue und Scott Moir Gold gewannen, Meryl Davis und Charlie White aus den USA Silber. Er betreute beide Paare.

Polizoakis hatte überhaupt keine Erfahrung

Schpilband ist ein gefragter und nicht ganz billiger Mann, und es war ungewöhnlich, dass sich die jungen Deutschen, die von einer Karriere als Tänzer träumten, bei ihm vorstellen durften. Lorenz hatte ein wenig Eistanz probiert, Polizoakis hatte keine Erfahrung. „Ich bin dahin gekommen“, sagt er, „und wusste nicht mal, was ’ne Kilian-Position ist.“ Das wissen die meisten Menschen auf diesem Planeten nicht, aber die wollen ja auch nicht zum Eistanz. Also ließ er sich ­erklären, dass es sich dabei um eine enge Position der Partner mit einer bestimmten Griffhaltung handelt, und dieser Erklärung folgten eine Menge andere. Schpilband stimmte zu, die beiden zu trainieren, und er nahm sich viel Zeit. Von außen betrachtet sieht es leichter aus, auf dem Eis miteinander zu tanzen, als einen vierfachen Salchow oder dreifachen Axel zu springen; die Schwierigkeiten im Eistanz erschließen sich nicht leicht. Bundestrainer Martin Skotnicky beschreibt es so: „Eistanz ist wie eine Universität fürs Schlittschuhlaufen. Wie reiten ohne Sattel.“ Hohe Schule, sozusagen.

Kavita Lorenz half dem Tanzeleven, wo sie konnte. Die beiden gehen ausgesprochen lieb miteinander um, obwohl sie kein Paar sind; sie fühlen sich so verbunden wie Bruder und Schwester. In der ersten Saison, so dachten sie, wollten sie einfach mal zeigen, was sie seit dem Tag des Probetrainings gelernt hatten. Es wurde mehr als das. Schon nach wenigen Monaten berichtete Schpilband, er habe in seinen langen Jahren als Trainer noch nie jemanden gesehen, der die Elemente des Eistanzes so schnell gelernt habe wie der junge Mann aus Deutschland. Im Dezember gewannen die beiden den Titel bei den deutschen Meisterschaften, Ende Februar landeten sie bei den Europameisterschaften in Bratislava auf Platz 14 und qualifizierten sich für die WM.

Neues Wertungssystem, neue Möglichkeiten

Als sie nun in Boston nach dem Ravensburger Walzer im Kurztanz vom Eis kamen, lobte Schpilband: „Es ist unglaublich, was ihr in einem Jahr geleistet habt.“ Der Stil, den sie in der kurzen Zeit entwickelt haben, wirkt leicht und luftig mit einem leicht verträumten Unterton; ein Hauch von Frühling, irgendwie.

Früher hätte sich das Paar beim Weg nach oben auf eine längere Wartezeit einstellen müssen; Neulinge hatten sich brav hinten anzustellen. Seit der Einführung des neuen Wertungssystems vor 13 Jahren geht es schneller, und selbst Blitzattacken wie die von Gabriella Papadakis und Guillaume Cizeron sind möglich. Als die Franzosen vor zwei Jahren zum ersten Mal bei einer WM liefen, landeten sie auf Platz 15. Im vergangenen Winter wurden sie zuerst Europameister, wenig später Weltmeister, und seither schwärmen alle von diesem ausdrucksstarken, eigenwilligen Paar. Nun sollte man nicht glauben, dass Lorenz und Polizoakis einen ähnlichen Aufstieg hinlegen werden. Aber wenn die Entwicklung der Debütanten so weitergeht wie im ersten Jahr, dann kann die Sache spannend werden. Ganz abgesehen vom Glück der beiden, sich und den Eistanz gefunden zu haben.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: