Das waren noch Zeiten: Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler waren in den 60er Jahren das Eiskunstlauf-Traumpaar und begeisterten ein Millionen-Publikum Foto: dpa

In den 1960er Jahren interessierte der Eiskunstlauf ein Millionenpublikum. Warum die Sportart heute ein Schattendasein führt.

Was war das für ein millionenfacher Aufschrei, der während der Olympischen Winterspiele 1964 in Innsbruck durch Deutschland ging. Das Traumpaar Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler hatte im Eiskunstlauf nur die Silbermedaille zuerkannt bekommen, mit Gold wurden die sowjetischen Dauerrivalen Oleg Protopopow und Ludmila Belousowa dekoriert. Die Medien zwischen Oberstdorf und Flensburg wetterten und brachten die „Schmach von Innsbruck“ zu Papier.

Nicht nur bekennende Freunde des Eiskunstlaufs, selbst Deutsche, die noch nie eine Eisbahn betreten hatten, empfanden das Urteil der Kampfrichter als übelsten Betrug sowohl an Kilius/Bäumler als auch am Sport an sich. Die kanadische Jurorin Suzanne Morrow hatte die Deutschen nur auf Platz 17 eingestuft. „Sie hat einst selbst als Eiskunstläuferin durch einen deutschen Kampfrichter eine Medaille verpasst und war Kampfrichterin geworden, um sich zu rächen“, erzählte Marika Kilius Jahre später, „das hat sie später zugegeben.“

In den 1960ern war der Eiskunstlauf noch eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung, da litt ein gesamtes Volk, wurde einer seiner Sportler ungerecht bewertet. Damals galten erfolgreiche Eiskunstläufer noch als Stars und Sternchen oder zumindest als Eisprinzessinen. Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler waren Stammgäste auf dem Cover der Jugendzeitschrift „Bravo“, die Regenbogenpresse belauerte sie und hätte die beiden liebend gerne verheiratet, doch das Traumpaar blieb lediglich eines fürs Eis. Also berichtete nicht nur die „Bunte“ groß und farbig davon, wie „die“ Kilius 1964 Werner Zahn ehelichte – selbstverständlich mit Foto von ihrer 95 Meter langen Schleppe, die sie hinter sich in die Kirche herzog. „Die Leute standen auf den Bänken und klatschten“, erzählte die mittlerweile 72-Jährige einmal.

Das aktuelle beste deutsche Paar Ssawtschenko/Massot kennt kaum jemand

Und heute? Kilius/Bäumler sind zumindest in der Generation Ü­ 40 wohl bekannter als das aktuell beste deutsche Paar Aljona Sawtschenko und Bruno Massot, was nicht nur daran liegt, dass sie in der Ukraine und er in Frankreich geboren wurde. Auch als Aljona Sawtschenko noch mit dem Greifswalder Robin Szolkowy ihre Sprünge und Figuren zu Musik aufs Eis zauberte, spielte das Vorzeige-Paar der Deutschen Eislauf-Union (DEU) in der öffentlichen Wahrnehmung nur eine untergeordnete Rolle. Dabei wurden die beiden mit fünfmal WM-Gold und vier EM-Titeln sowie zwei olympischen Bronzemedaillen ausgezeichnet. Aber lediglich bei Olympia standen die beiden im Scheinwerferlicht der Medien. „Sie haben nie eine hohe Popularität erreicht, obwohl sie das erfolgreichste Paar waren, das Deutschland je hatte“, sagt Andreas Nischwitz, „wenn sie Weltmeister wurden, war das bestenfalls eine Randnotiz.“

Der 58 Jahre alte Zahnarzt aus Tübingen weiß, wovon er redet. In seinem längst früheren Leben als Sportler war er ein Märchenprinz. Seine Partnerin Tina Riegel und er galten als die legitimen Erben von Kilius/Bäumler. „Es war ein riesiger Hype um uns“, erzählt der gebürtige Stuttgarter, „sogar die ‚Tagesschau‘ berichtete mit bewegten Bildern davon, als wir 1981 WM-Bronze gewannen.“ Das wirkt nach – Tina Riegel, die heute Jöst heißt, wundert sich regelmäßig darüber, dass „mich die Leute heute noch kennen und wissen, was früher war“.

Doch spätestens nach der überraschenden Trennung des Stuttgarter Traumpaares nach EM-Silber und WM-Bronze 1981 begann der Niedergang des Eiskunstlaufes, was das allgemeine Interesse betrifft. Die Medien tragen fraglos eine Mitschuld daran. Als Riegel/Nischwitz in Hartford WM-Dritte wurden, gab es bundesweit drei Fernsehprogramme, eine Kür im Eiskunstlauf zählte bei den Programmdirektoren zum absoluten Pflichtsendetermin. ARD-Kommentator Heinz Maegerlein war eine Institution für Live-Übertragungen. Für den Fernsehzuschauer war es schwierig, den Bildern von Läufern zu entkommen, die gerade einen Axel, Lutz oder Salchow sprangen. Doch mit den Privatsendern und der damit beginnenden Vielfalt fiel der Eiskunstlauf immer häufiger aus dem Programm. Einzige Ausnahme: Olympia. „Bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi hatten wir sehr hohe Einschaltquoten“, betont Elke Treitz, die Vizepräsidentin der DEU, und gibt unumwunden zu, dass ihr Sport im handelsüblichen Wintersport-Programm eine untergeordnete Rolle spielt.

Skispiringen und Biathlon haben Eiskunstlauf den Rang abgelaufen

Neben dem ewigen TV-Dauerbrenner Ski alpin haben vor allem Skispringen und Biathlon dem Eiskunstlauf den Rang abgelaufen, auch deshalb, weil diese Disziplinen im Fernsehen leicht verständlich umsetzbar sind. Im Vergleich dazu sind die Wertungskriterien, die für die Sprünge im Eiskunstlauf gelten, für den Laien eher verwirrend. „Wir sind in Gesprächen mit ARD und ZDF“, sagt Elke Treitz, „unsere Präsenz zu stärken.“ Immerhin gibt es von den deutschen Meisterschaften an diesem Wochenende in Essen einen Live-Stream im Internet, abzurufen auf dem Kanal des Internationalen Olympischen Komitees (IOC): www.sportdeutschland.tv. „Wir versuchen, durch den Wechsel der Austragungsorte der Meisterschaften, das Eiskunstlaufen zu den Menschen zu bringen“, sagt die Vizepräsidentin. Vergangenes Jahr kämpften die deutschen Kufenkünstler in der Eiswelt Waldau in Stuttgart um die nationalen Titel.

Warum berichten Medien seltener und weniger von dieser Sportart, die wie kaum eine zweite Grazie, Körperkontrolle, technische Fertigkeiten und Dynamik miteinander vereint? Der Eiskunstlauf hat sich rasant entwickelt, ist immer spektakulärer geworden. Wer bei den Herren nicht mehrere vierfache Sprünge im Repertoire hat, braucht die Schlittschuhe bei internationalen Wettbewerben erst gar nicht zu schnüren. Die Darbietungen werden anspruchsvoller, technisch wie konditionell. Der Japaner Yuzuru Hanyu stellte kürzlich den Weltrekord mit 322,40 Punkten auf – er präsentierte drei vierfache und sechs dreifache Sprünge in seiner fehlerlosen Kür. Die deutschen Athleten sind davon weit entfernt, und so fehlt es an Stars, über die die Medien spannende Geschichten schreiben oder Filme drehen können.

„Ohne Gesichter in den Medien“, unterstreicht auch Andreas Nischwitz, „erreicht eine Sportart keine Popularität.“ Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy hätten seiner Ansicht nach alles gehabt, um es in die vorderste Reihe zu schaffen, doch sie hätten sich „einfach zu schlecht vermarktet“. Ob es am strengen Trainer Ingo Steuer lag oder an anderen Einflüssen, das vermag Nischwitz nicht zu sagen: „Sie haben sich nur auf den Sport und sonst auf nichts konzentriert.“ Selten im Fernsehen, nur gelegentlich in Sport-Magazinen oder der Tagespresse und im Grunde nie in den Klatschspalten – mit der Abwesenheit von erlebbaren Vorbildern für die Jugendlichen und deren Eltern beginnt eine Abwärtsspirale.

Mütter arbeiten heute und haben keine Zeit, die Kinder in die Halle zu fahren

Mädchen und Jungen müssen vom Kindergartenalter an oft auf dem Eis stehen, um ein Weltstar wie einst Katarina Witt werden zu können – doch dazu benötigen sie Eltern, die das Hobby uneingeschränkt unterstützen. Als Fahrdienst und womöglich als Helfer bei Hausaufgaben. Den Sprössling drei- bis fünfmal pro Woche ins Training zu fahren und dort mehrere Stunden zu warten, das können sich weniger Eltern leisten als noch vor 30 oder 50 Jahren. Zu Zeiten von Kilius/Bäumler und Riegel/Nischwitz waren Mütter kaum berufstätig, sie konnten ihre Zeit dem Sport der Kinder opfern. „Heute haben sich die Rollen gewandelt“, sagt Landestrainerin Claudia Unger, „Mütter gehen arbeiten, ihr Einkommen wird fürs Budget benötigt.“ In ein Eislaufkind muss mitunter monatlich einige 100 Euro investiert werden – es summieren sich Kosten für Benzin sowie für Training-, Athletik- und Ballettstunden.

An kleinen Kindern, die Pirouetten drehen und Sprünge üben wollen, mangelt es laut Elke Treitz nicht. „Uns gehen die Kinder mit zehn, elf verloren, wenn der Schulwechsel ansteht und die Anforderungen von G 8 und Ganztagsschule spürbar werden“, sagt die DEU-Vize, was Claudia Unger bestätigt: „Eiskunstlauf ist sehr trainingsintensiv. Wenn die Kinder bis 16 Uhr in der Schule pauken, sind sie danach platt.“ Ein Blick in die Statistik belegt den Niedergang. Zu Jahresbeginn 2010 gab es 181 Eislauf-Vereine mit 19 549 Mitgliedern, 2014 waren es noch 165 Clubs mit 17 414 Mitgliedern.

Deutsche Eislauf-Union steht finanziell nicht gut da

Eine Entwicklung, der die DEU wenig entgegenzusetzen hat, der Verband steht finanziell wackelig da. Förderprogramme, um Eltern zu entlasten, existieren kaum. „Der Landessportverband unterstützt 19 Kinder im Leistungssport“, sagt die baden-württembergische Trainerin Claudia Unger, „der LSV bezahlt die Trainer.“ Auch eine strategische Talentsichtung fehlt, so dass manch begabter Nachwuchs gar nicht entdeckt wird. „Meines Wissens gibt es keine Scouts“, sagt Andreas Nischwitz, „was in anderen Sportarten, und zwar nicht nur im Fußball, als selbstverständlich gilt.“ Ein weiterer Aspekt hemmt den Eiskunstlauf: Die nötige Infrastruktur mit Eishallen, Physiotherapie, Balletträumen und Internat ist kostenintensiv, so dass sich die DEU auf lediglich fünf Stützpunkte in Berlin, Chemnitz, Dortmund, Mannheim und Oberstdorf konzentriert. „Wir setzen auf gut ausgebildete Trainer und versuchen, den Sport attraktiv darzustellen“, sagt Treitz. Die Kehrseite: In anderen deutschen Städten köchelt die Sportart nur auf Sparflamme.

Bei den Meisterschaften in Essen an diesem Wochenende gehen die Vorzeigeläufer Aljona Sawtschenko und Bruno Massot aufs Eis – in der „Tagesschau“ am Sonntag wird darüber sicher kaum berichtet – und auch die „Bunte“ und die „Neue Post“ haben sich noch nicht angekündigt.