Am Wochenende wird es ernst: Für die Angels-Formation des tus Stuttgart Eissport e.V. geht es zum dritten Mal in Folge bei einer WM aufs Eis. Foto: Günter Bergmann

Als eines der besten Synchron-Eiskunstlaufteams in Deutschland haben sich die Waldau-Athletinnen für die Titelkämpfe in Helsinki qualifiziert. Wie aus Einzelkämpferinnen ein Team wird und was zuhause in Degerloch stört.

Bevor die United Angels auf dem Eis loslegen, nehmen die 16 Läuferinnen den obligatorischen Schluck aus einer Flasche Zitronensaft. „Das ist nichts Alkoholisches“, versichert die Teammanagerin Isabell Parfene lachend – sondern vielmehr Tradition vor den Auftritten eines der besten Synchron-Eiskunstlaufteams Deutschlands. Und sobald die „Engel“ in Fahrt kommen, beflügelt vom Vitamin C, offenbart sich rasch der ganz besondere Reiz dieser Sportart. Aus den Boxen dröhnt Bishop Briggs, 32 Schlittschuhe scharren harmonisch über das gefrorene Geläuf. Mal geht es Hand in Hand, dann im Überkopf-Spagat, alles in blindem Verständnis. Geradezu hypnotisch werden die Zuschauer in einen Bann aus Symmetrie und Gruppenrhythmus gezogen.

 

Die Darbietung an diesem Dienstagabend in der kleinen Eishalle auf der Waldau ist das sogenannte Send-Off, die Abschiedsvorstellung vor dem engsten Kreis aus Familie und Freunden, bevor es zur Weltmeisterschaft im finnischen Helsinki geht. Es ist die dritte Teilnahme in Folge für die United Angels, die in Degerloch unter dem Dach des tus Stuttgart Eissport e.V. zuhause sind. Hinter dem Team Berlin 1 haben sie sich den zweiten deutschen Startplatz gesichert.

Was aktuell zu schaffen macht: Spontan musste das Programm umgestellt werden, weil sich zwei Läuferinnen verletzt haben. Eine von ihnen ist als Zuschauerin mit Halskrause anwesend. Am Vortag ist sie gestürzt, als sie im Spagat auf Kopfhöhe gehoben wurde und sich ein Schlittschuh im Eis verkantete – der sogenannte „Group-Lift“ gehört nicht umsonst zu den schwierigsten Elementen.

Die Situation zeigt, wie eine kleine Änderung das Gefüge aus dem Gleichgewicht bringen kann, wie sehr das große Ganze von jedem einzelnen Puzzleteil abhängt. „Uns war schon vorher klar, dass es heute nicht ohne Stolperer klappt“, sagt Parfene, „aber jeder hat gesehen. wie das Team zusammenhält.“ Und, halb im Ernst, halb im Scherz: „Wer die Angels kennt, weiß, dass es nicht ohne Drama geht.“

Von der Einzelkämpferin zur Teamplayerin

Bis in dieses Team war es für so manche Läuferin ein weiter Weg. Die meisten der United Angels begannen ihre Eiskarriere als Einzelläuferinnen. So auch Nathalie Beissmann. Die 25-Jährige übt sich in der Sportart, seitdem sie acht Jahre alt ist. Mit 16 kam sie zu den Angels. „Ich hatte am Anfang meine Schwierigkeiten, als Einzelläuferin in diese Team-Mentalität hineinzuwachsen“, erzählt sie und fügt grinsend an: „Aber wenn ich jetzt allein auf dem Eis stehe, fehlen mir die 15 Leute um mich herum.“

Die Verbundenheit untereinander ist groß, auf und neben dem Eis. Die Liebe zu ihrem Team und ihrer Leidenschaft geht bei vielen wortwörtlich unter die Haut: Mehrere tragen Tattoos von Engelsflügeln, die Teamkapitänin Rebecca Müller hat die Koordinaten der ersten WM in den USA auf dem Arm verewigt. „Wir sind wie eine große Familie, alle meine Freundinnen sind hier im Verein“, sagt die 29-Jährige, die als Wirtschaftsjuristin arbeitet. Den Zusammenhalt beschreibt Müller so: „Wenn wir auf dem Eis sind, die Musik läuft, die Zuschauer jubeln, dann schauen wir uns in die Augen und sehen, wie furchtlos wir sind.“

Bei den Titelkämpfen in Helsinki, die an diesem Freitag und Samstag stattfinden, peilen die Degerlocherinnen einen Platz im guten Mittelfeld an – was laut Parfene angesichts der eigenen Trainingsbedingungen ein herausragende Leistung wäre. Zu klein sei die eine Eishalle, die größere zu oft belegt. Die Hoffnung richtet sich auf eine in Planung befindliche dritte Halle. „Wir sind quasi hobbymäßige Hochleistungssportler“, sagt Parfene. Drei- bis viermal pro Woche trainieren die Angels, jeweils zwischen zwei und drei Stunden – deutlich weniger als beispielsweise der große Konkurrent aus Berlin. WM-Favoritinnen sind Russland, Schweden und Kanada.

Mit den Berlinerinnen haben die United Angels indes noch eine Rechnung offen, wenn nicht mehrere: Zehnmal wurden sie in ihrer 30-jährigen Geschichte deutscher Vizemeister – ein ums andere Mal mussten sie sich dem Rivalen aus der Bundeshauptstadt geschlagen geben. Ob es eines Tages gelingen wird, den nationalen Titel auf die Waldau zu holen? „Prinzipiell haben wir das Zeug dazu“, sagt die Co-Trainerin Laura Cuoco und berichtet von ihrem „Karrierehöhepunkt“: Vor zwei Jahren, beim Mozart-Cup in Salzburg, besiegten die Angels ihren ewigen Gegner zum ersten Mal. „Ich kriege heute noch Gänsehaut“, sagt Cuoco. Und das nicht wegen der Kälte auf dem Eis.