Im niederösterreichischen Wein- und Waldviertel ist der Advent noch ursprünglich: hier geht es nicht nur um Konsum, sondern schon auch mal um letzte Dinge.
Die Kälte zieht von den Knöcheln über die Schienbeine bis hoch zu den Oberschenkeln. Der Glühwein, an dem sich die klammen Finger festhalten, hilft nur kurz. Im niederösterreichischen Weinviertel im kleinen Ort Hadres, wenige Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt, kommt der Wind von Osten und bringt kontinentale Kaltluft mit. Die Einwohner wissen das und tragen lange Wintermäntel, Mütze und Stiefel. Nur die Besucher aus Deutschland kommen mit Sneakern und taillenkurzer Funktionsjacke zum Adventsmarkt. Und einige auch noch mit falschen Vorstellungen.
Das Adventstreffen in der Kellergasse ist nicht vergleichbar mit den Christkindlmärkten in Salzburg, Nürnberg oder Stuttgart. Es gibt keinen bunten Budenzauber, nur die grünen Türen der niedrigen weißen Weinkeller und Presshäuser sind geöffnet und sparsam mit Reisig geschmückt. In früheren Jahrhunderten wurden die Weinviertler Kellergassen als Produktions- und Lagerstätten genutzt. Heute wird der Wein in den Weingütern gekeltert, und die Keller sind nur zu besonderen Anlässen geöffnet. Drinnen bieten die Besitzer regionales Kunsthandwerk, warme Kleidung und kulinarische Spezialitäten an. Die historische Kellergasse in Hadres gilt mit ihren 400 Kellern auf eineinhalb Kilometern als die längste ihrer Art in Europa.
So wandert man, ausgehend vom Ortskern, die Gasse hinauf. Je weiter man sich vom Ort entfernt, umso stiller und unheimlicher wird es. Nirgendwo fröhliches Glöckchengeläut, und auch elektrisches Licht ist bis auf wenige Ausnahmen verboten. Wenn es zu dämmern beginnt, dann werden Kerzen und Fackeln entzündet, doch richtig hell macht das Licht die dunkle Gasse nicht. Die zahlreichen Feuerkörbe, die am Wegesrand stehen, sind zwar eine Lichtquelle, doch in erster Linie sind sie dazu da, um Hände oder Hintern zu wärmen.
Von ferne hört man bedrohliches Kettengerassel. Es wird lauter, kommt näher, und zwischen den ehrfurchtsvoll zurückweichenden Besuchern erscheint inmitten von Rauchschwaden der schaurige Krampus, umringt vom Nikolaus und zwei Engeln. Der gehörnte Krampus, der die unartigen Kinder bestraft, gilt als Gegenspieler vom Nikolaus. Die Augen der behaarten Schreckgestalt glühen rot, die Rute saust durch die Luft und schlägt unwillkürlich mal nach links, mal nach rechts aus. Kinder weichen schreiend zurück, Babys weinen. Einen gemütlichen Weihnachtsmarktbesuch stellt man sich dann doch anders vor. Und dennoch fasziniert dieses alte Brauchtum, es gibt Weihnachten seinen existenziellen Ernst zurück.
Beliebte Filmkulisse
Der Krampus, der sein Unwesen nicht nur um den Nikolaustag herum treibt, sondern bis weit ins neue Jahr hinein, soll auch die bösen Wintergeister vertreiben. Die Winter in dieser Gegend sind lang und hart. Dass es früher auch um letzte Dinge ging, das spüren die Besucher des Adventsmarktes heute noch. Auch im rund eine Autostunde entfernten Waldviertel kann es eisig kalt werden. Das Kloster Zwettl hält mit -36,6, Grad den Rekord Österreichs für die tiefste, je gemessene Temperatur an einem bewohnten Ort. Gabi Zottl, die durch das Kloster führt, zeigt aus einem Fenster der Stiftsbibliothek auf ein graues, schattiges Fleckchen Erde: „Da ist die Stelle, hier wurde der Minusrekord im Jahr 1928 aufgestellt.“ Die Zisterzienserabtei wurde im Jahr 1138 gegründet, und seit dieser Zeit leben und arbeiten hier Mönche. Damit gilt Zwettl als die drittälteste Zisterzienserabtei der Welt. Sie ist auch eine beliebte Filmkulisse, zuletzt wurden hier das Historiendrama „Maximilian“ mit Tobias Moretti gedreht sowie die Literaturverfilmung „Narziss und Goldmund“ mit Sabin Tambrea und Jannis Niewöhner. „Mein Sohn war als Statist dabei“, erzählt Zottl.
Geräucherte Karpfen und Forellen im Angebot
Die weitläufige und imposante Anlage, am Fluss Kamps gelegen, ist im Sommer ein Besuchermagnet, doch auch im Winter werden Führungen angeboten. Zudem ist dann Hochzeit beim Fischverkauf. Denn seit mehr als 700 Jahren gehört zur Klosteranlage auch eine rund 90 Hektar große Teichfläche. In 15 Teichen werden vorwiegend Karpfen und Forellen gezüchtet, aber auch Hecht, Zander und Schleie. Die Fische kann man im Ganzen mit nach Hause nehmen oder bereits filetiert. Auch geräucherte Karpfen und Forellen sind im Angebot und sehr beliebt.
Essen und Trinken spielen im Wald- genauso wie im Weinviertel eine immer wichtigere Rolle. „Die Besucher schätzen neben der naturnahen Ruhe, dass Speis und Trank aus der Region kommen“, erklärt Karin Lorenz, Tourismus-Fachfrau für die Region Niederösterreich. Traditionelle Weinviertler Gerichte ganz ohne Schnickschnack gibt es im Retzbacherhof in Unterretzbach. Seit fast 20 Jahren führt das Ehepaar Sonja und Harald Pollak das Wirtshaus, und mindestens ebenso lang ist Harald Pollack Obmann der berühmten österreichischen Wirtshauskultur. „Unsere Gegend beheimatet die größte und älteste Wirtshauskultur Österreichs“, sagt Pollak und fügt hinzu: „Wir pflegen eine intensive Zusammenarbeit mit der ansässigen Landwirtschaft, was die Herkunft unserer Gerichte und Weine transparent macht.“ Das mögen die Gäste. Allerdings macht dem Wirt Sorge, dass der Weinkonsum zurückgeht. Aber das Experimentieren mit nicht-alkoholischen Getränken sei eigentlich auch spannend, schmunzelt Pollak.
Mit dem Rückgang des Weinkonsums muss sich auch das Bio-Weingut Gruber im nördlichen Weinviertel befassen. Die drei Geschwister Christian, Ewald und Maria bewirtschaften die Weingärten an der Grenze zum Waldviertel schon seit 2013 biologisch. „Auch wir haben seit einiger Zeit alkoholfreie Traubensäfte im Angebot, zum Beispiel den Traubennektar aus gelben Muskatellertrauben“, erklärt Maria Wegscheider. „Oder einen roten Traubensaft aus Zweigelt und blauem Portugieser.“ Gerade bei jungen Menschen sei die Nachfrage nach Getränken ohne Alkohol hoch: „Dem müssen wir Winzer Rechnung tragen.“
Über mangelnde Nachfrage nach Sekt und Wein müssen sich die Betreiber des Weinguts jedoch keine Gedanken machen: „60 Prozent werden exportiert: nach Europa und in die USA.“ Bei der Verkostung in dem komplett ökologisch gebauten Weingut versteht man auch warum: die Weine sind exzellent und doch bezahlbar. Aber auch die Säfte sind geschmacklich eine Wucht. Außerdem sind die Flaschen ein Hingucker: die filigranen Figuren auf den Etiketten wurden von einem Grafiker entworfen, man hat das Gefühl, eine richtige Weinflasche aufzumachen, nichts erinnert an den Apfelsaft der Jugendfreizeit. So könnte es diesmal etwas werden mit dem „Trockenen Januar“.
Info
Anreise
Mit der Bahn bis nach St. Pölten oder Wien, dann weiter mit dem Bus nach Zwettl und ins Wein- bzw. Waldviertel, www.oebb.at .
Unterkunft
Das Hotel Schwarz Alm liegt vollkommen ruhig oberhalb von Zwettl inmitten einer Waldlichtung. Das Hotel bietet Gästen, die mit dem Zug anreisen, einen Shuttle-Service an. Die Zimmer sind gemütlich und durchdacht, das leckere Frühstück kommt aus der Region, wer mag, kann auch abends im Restaurant speisen. DZ/HP ab 311 Euro, www.schwarzalm.at .Das großzügig angelegte Hotel Landhof &Spa Althof Retz befindet sich mitten im Ortskern von Retz und bietet neben geräumigen Zimmern ein 1000 qm großes Spa. DZ/HP ab 200 Euro, www.althof.at .
Essen und Trinken
Das innovative Restaurant Foggy Mix in Waidhofen an der Thaya bietet neben frischem Fisch auch Fleisch aus der Region, www.foggy-mix.at .Im Retzbacherhof in Unterretzbach kann man die berühmte österreichische Wirtshauskultur kennenlernen, www.retzbacherhof.at/ .Im W4 in Röschitz sitzt man aufgrund der haushohen Fenster quasi mitten im Weinberg. Das kinderfreundliche Restaurant bietet gute und regionale Speisen zu fairen Preisen, www.w-4.at .
Aktivitäten
www.adventtreffen-hadres.at/ ; www.weinviertel.at/adventmaerkte
Allgemeine Informationen
www.niederoesterreich.at ; www.wirtshauskultur.at ; www.weinviertel.at , www.waldviertel.at .