Sagenhafte Refelxe und extrem beweglich: Nationaltorhüter Thomas Greiss Foto: dpa

Fast neun Jahre kämpfte Thomas Greiss um einen Stammplatz in der NHL – nun genießt er in New York Kultstatus und gilt als bester deutscher Torhüter. Bei der Eishockey-Heim-WM tragen seine Leistungen maßgeblich zum Erfolg bei.

Köln - Übermenschliche Fähigkeiten? Hat Thomas Greiss nicht, auch wenn man es vielleicht meinen könnte. Wenn der Goalie die linke Fanghand blitzartig ausschnellen lässt wie eine Gottesanbeterin die Fangarme und er den Puck aus dem Toreck fischt oder wenn er sich vor einem Stürmer so riesig aufbaut, dass der keinen Weg mehr an ihm vorbei findet. Die Fans der New York Islanders, wo der gebürtige Füssener unter Vertrag steht, haben ihm ein Stück Übernatürlichkeit angedichtet, weil er eine großartige Saison gespielt hat. Jesus Greiss Superstar haben sie ihn getauft und allerlei Collagen und Fotomontagen ins Netz gestellt oder T-Shirts drucken lassen. „Ja, ich finde das schon lustig“, sagt Thomas Greiss, „ich kann darüber lachen, aber das war’s dann auch.“

Warum sollte er sich auch viele Gedanken über seinen Kultstatus machen? Der Torhüter ist ein ruhiger Zeitgenosse in der hektisch-ruppigen Sportart Eishockey; einer, wie es Karl Friesen in den 1980ern und ­1990ern gewesen ist, ein Stoiker im Torraum – wenn sich die Kollegen mit den Gegnern direkt neben ihm balgen, nimmt er ruhig einen Schluck aus der Pulle und konzentriert sich auf kommende Aufgaben. Gegen die Schweden hatte Greiss’ Macht knapp zwei Drittel lang gewirkt, am Ende unterlag das deutsche Team den überlegenen Skandinaviern mit 2:7 (1:1, 3:1, 3:0). „Die sind halt eiskalt und haben die Dinger reingemacht“, meinte der 32-Jährige, „wir haben dumme Fehler gemacht.“ Marco Sturm sprach seine Nummer eins von Schuld für die deutliche Niederlage gegen den WM-Favoriten frei. „Er hat uns lange im Spiel gehalten“, sagte der Bundestrainer, „die Gegentore waren nicht seine Schuld, man hat ihn alleinegelassen.“ Gegen die USA hatte der deutsche Eishockey-Export am Freitag noch 43 Paraden gezeigt und ganz maßgeblich zum 2:1-Überraschungserfolg beigetragen. „Wie sagt man so schön“, hatte der glückliche DEB-Präsident Franz Reindl danach noch gescherzt: „Jesus Greiss.“

Greiss galt lange als idealer zweiter Mann

Dabei war lange nicht erkennbar, dass Greiss zum NHL-Führungsspieler taugt. 2006 verabschiedete sich der Füssener in die Staaten, um dort das Glück zu suchen, doch er blieb in der zweiten Reihe stecken. In San José, in Phoenix, in Pittsburgh und zu Beginn auch in New York lag der Bayer lange in der Schublade „zuverlässig, genügsam, preiswert“ – er war der Backup-Goalie, der fleißig trainiert, nie murrt und auf den man sich verlassen konnte, wenn er gebraucht wurde. Aufgegeben hat er nicht. „Ich habe hart gearbeitet und auf meine Chance gewartet“, erzählt er. Von 2006 bis 2015 stand er lediglich 70-mal als Starter auf dem Eis, erst bei den Islanders erkannten die Trainer, dass in Greiss mehr steckt als ein Ersatzmann. „Ich habe die Chance ergriffen, ­natürlich braucht man das nötige Glück“, bekennt er. Im Dezember 2016 wurde Greiss offiziell zur Nummer eins der Islanders befördert, er erhielt einen Vertrag bis 2020, der ihm insgesamt 9,4 Millionen Euro einbringt.

Die Nummer „1“ trägt Thomas Greiss seit seiner Ankunft im gelobten Eishockey-Land, weil die „29“, die er nach dem Abschied von der Kölner Haien (2003 bis 2006) auf dem Trikot der Worcester Sharks aus der AHL gerne gehabt hätte, bereits an einen ­anderen vergeben war. Weil er solchen Nebensächlichkeiten keine besondere Bedeutung schenkt, hat er die „1“ über all die Jahre behalten. Unter Marco Sturm wurde der stille Keeper dann auch Stammkraft im Tor der Nationalmannschaft, schon bei der WM im vergangenen Jahr in Russland hatte er einen dicken Anteil an der Viertelfinal-Teilnahme. Thomas Greiss ist eine der ganz wichtigen Stützen des Teams, das bemerkt Sturm immer wieder. Na und, könnte der jetzt sagen. „Über diesen Status denke ich wirklich nicht nach. Wenn ich auf dem Eis stehe“, sagt der Goalie nur, „dann spiele ich, so gut ich kann.“

Zurückhaltend, introvertiert, fokussiert. Nationalteam-Kapitän und Islanders-Kollege Dennis Seidenberg hat über den Füssener einmal gesagt, der sei „so ruhig wie ein Siebenschläfer“. Im Grunde taugt einer wie Thomas Greiss nicht zum Superstar, oder besser gesagt: zum Medienstar. Aber im Tor ist er einer. Ein Star, der manchmal übernatürliche Fähigkeiten zu haben scheint.

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