Leon Draisaitl gibt Gas: Im Testspiel gegen Weißrussland überzeugte der gebürtige Kölner Foto: dpa

Der NHL-Profi der Edmonton Oilers ist zwar erst 20 Jahre alt, doch der Mittelstürmer soll die deutsche Nationalmannschaft bei der WM führen.

Stuttgart - Diese Niederlage tat nicht weh. Es war ja keine kleine Hartgummischeibe im Spiel und man musste auch nicht mit dem Schläger, sondern mit dem Fuß schießen. Beim Torwandschießen im ZDF-Sportstudio hatte Eishockey-Profi Leon Draisaitl gegen den Blinden-Fußballer Mulgheta Russom vom MTV Stuttgart 0:1 verloren. Wenn Leon Draisaitl an diesem Samstag (15.15 Uhr/Sport 1) frei stehend vor dem französischen Tor daneben schießt, dann muss man den 20-Jährigen davon abhalten, in den Schläger zu beißen. „Erfolgreich in die WM zu starten“, sagt der Mittelstürmer, „ist immens wichtig – gerade gegen einen Gegner auf Augenhöhe.“ In den Titelkämpfen in St. Petersburg und Moskau geht es für die deutsche Mannschaft zunächst wieder einmal darum, ins Viertelfinale vorzustoßen. Gegen Aufsteiger Ungarn, die Franzosen und Weißrussland sollte das Team von Bundestrainer Marco Sturm folglich auf jeden Fall gewinnen, denn sonst dürften die Plätze eins bis vier in weite Ferne rücken.

Leon Draisaitl ist zwar erst 20, aber der Sohn von Ex-Nationalspieler Peter Draisaitl nimmt im deutschen Team schon eine Führungsrolle ein, was sich in den beiden letzten Vorbereitungsspielen vor der WM gegen Weißrussland zeigte. Mit dem gebürtigen Kölner, der als Tore-Vorbereiter glänzte, siegte Deutschland 5:3, ohne ihm gab es eine 3:4-Niederlage. Mit 20 ein Führungsspieler? Nicht nur seine technischen Fähigkeiten auf den Schlittschuhen und mit dem Schläger zeichnen den Jung-Nationalspieler aus, es ist vor allem seine Erfahrung, die er besonders in den vergangenen vier Jahren gesammelt hat. 2012 wanderte Leon Draisaitl ins gelobte Eishockey-Land über den Atlantik aus, um sein Glück zu suchen. „Wenn man mit 16 Jahren in ein anderes Land geht und weit weg von zu Hause ist“, erzählt das Kraftpaket (1,85 m/97 kg), „ist es nie einfach. Der Ehrgeiz, wie sehr ich das wollte, hat alles überstrahlt.“

Die Oilers sortieren Draisaitl einfach mal aus

Und dieser unbändige Wille hat Leon Draisaitl auch robust gemacht gegen harte Bodychecks, die nicht auf der Eisfläche gefahren wurden. Nachdem er in der Nachwuchsliga bei den Prince Albert Raiders für Furore und große Aufmerksamkeit unter den NHL-Scouts gesorgt hatte, wurde er schließlich 2014 von den Edmonton Oilers im Draft an dritter Stelle ausgewählt – er war damit der bislang am höchsten gedraftete deutsche Profi. „Das war eine große Ehre.“ Doch nach 37 Spielen in der NHL und neun Scorerpunkten endete das Märchen jäh – die Oilers schickten Draisaitl im Januar 2015 zurück ins Nachwuchs-Team. „Am Anfang war es natürlich ein harter Schlag“, sagt er rückblickend, „kurz vor der Saison aussortiert zu werden. Aber ich habe eine gute Reaktion gezeigt.“ Leon Draisaitl hat sich nicht ins Kämmerlein zurückgezogen und sich in Selbstmitleid über die ungerechte Welt beklagt. Es wollte, er musste es den Oilers-Verantwortlichen zeigen, dass ihre Entscheidung falsch war. Er legte sich beim Farm-Team Kelowna Rockets ins Zeug und auch die Tatsache, dass er im Sommer 2015 als letzter Spieler schon wieder aus dem NHL-Kader der Oilers gestrichen wurde, verletzte ihn sehr, doch sie zerstörte ihn nicht. Ende Oktober 2015 folgte die Belohnung – Draisaitl wurde wieder zu den Oilers befördert, und er unterstrich, dass er dazu gehört: Gleich bei seinem Debüt traf er zweimal, dabei war auch das spielentscheidende Tor zum 4:3 über die Montreal Canadiens. Zufriedenheit stellte sich aber nur kurz ein, Stillstand ist für Draisaitl gleich Rückschritt. „Ich bin noch lange nicht da, wo ich sein möchte oder wo ich mich selbst sehe“, sagt der NHL-Profi, „es zeigt mir aber, dass sich all die harte Arbeit gelohnt hat und dass ich den Weg weitergehen muss.“

Probleme auf der Torhüter-Position

Bei der WM bildet der Jungstar gemeinsam mit NHL-Kollege Tobias Rieder (Arizona Coyotes) und Patrick Reimer von den Nürnberg Ice Tigers die Paradereihe im Sturm. An die größere Eisfläche in Europa im Vergleich zu Nordamerika wird sich der Kanada-Legionär gewöhnen, was „kein Problem“ darstellen sollte. „Wir haben vorne viele gute Spieler, die ein Tor schießen können, wir müssen nur gucken, dass wir defensiv ebenfalls gut stehen“, mahnt der 20-Jährige und legt damit den Finger in die Wunde. Da kein Goalie aus der NHL zur Verfügung steht und auch Dennis Endras, der WM-Held von 2010 noch angeschlagen ist, muss Bundestrainer Sturm einen weniger international erfahrenen Mann in den Kasten stellen – er hat die Wahl zwischen Felix Brückmann (Wolfsburg), Mathias Niederberger (Düsseldorf) und Timo Pielmeier (Ingolstadt). Zur Not müssen die Stürmer eben mehr Tore schießen. An Leon Draisaitl soll das jedenfalls nicht scheitern, der Bursche geht auch noch dahin, wo es weh tut, nachdem er einige harte Checks eingesteckt hat.

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