Moodle ist eine bereits bestehende Lernplattform, die testweise auch an Schulen in Baden-Württemberg verwendet wird. Foto: Mauritius/Alamy/M4OS Photos

Die Lernplattform „Ella“ für Schüler und Lehrer ist wegen massiver technischer Probleme gefloppt, jetzt steht der Nachfolger in den Startlöchern. Doch die Bereitstellung an den Schulen verzögert sich und der Kostenrahmen ist nicht festgezurrt.

Stuttgart - Es ist ein fast unmöglich erscheinendes Unterfangen, man will ein Haus bauen, hat dazu aber unterschiedlich hohe Säulen zur Verfügung. So ungefähr muss es für Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sein, nach dem Scheitern der Bildungsplattform „Ella“ will sie den Schulen und 120 000 Lehrkräften im Land nun statt einer übergreifenden Anwendung für alle Anliegen mehrere Bausteine anbieten. Das Projekt „Ella“ hatte Eisenmann im Februar 2018 gestoppt, weil kurz vor der Einführung massive technische Probleme auftraten und der kommunale Dienstleister Iteos diese nicht beheben konnte. Auf dieser Plattform sollten Lehrer zum einen sichere Emails versenden können, für Schüler wie Lehrer war eine Art Online-Bibliothekszugang geplant, außerdem eine Cloudspeicherfunktion, um sowohl von zu Hause, als auch in der Schule auf Lerninhalte zurückzugreifen und eine Messengerfunktion, um schnell Nachrichten auszutauschen. Außerdem sollen sich die Nutzer in den Schulen mit einem Passwort für alle Optionen anmelden können. Nach dem Ella-Desaster nun also eines nach dem anderen, in drei Phasen werden die Bausteine an den Schulen zur Verfügung gestellt. Läuft alles gut, will man auf die einzelnen Bausteine am Ende das Dach einer digitalen Bildungsplattform aufsetzen – alles aus einem Guss geht anders.

Aus Reihen der Computerexperten hört man nichts Gutes

Für das Nachfolgeprojekt stehen Mittel in Höhe von 24 Million Euro zur Verfügung bis Ende 2024. Verglichen mit „Ella“ ein Schnäppchen – laut einem Gutachten des Landesrechnungshofs wurden für die eingestellte Plattform 8,7 Millionen Euro ausgegeben. Doch auch bei der Neuauflage ist möglicherweise bei den 24 Millionen noch nicht Schluss, räumt die Ministerin in einer Antwort auf eine Anfrage der grünen Fraktion im Landtag ein, die unserer Zeitung vorliegt. Darin heißt es, eine Kostenschätzung könne erst ermittelt werden, wenn die Ausschreibungen für die einzelnen Bausteine gelaufen sind. „Weitere Kosten entstehen durch Lehrkräftefortbildungen und für Begleitmaterial“, so Eisenmann.

Für die technischen Lösungen ist erneut die Landesoberbehörde IT Baden-Württemberg (BITBW) zuständig. Aus Reihen der Computerexperten hört man allerdings wenige Monate nach dem Neustart der Bildungsplattform nichts Gutes. Zu wenig Geld sei für diesen erneut zu ambitionierten Plan in die Hand genommen worden. „Das geht wieder in die Binsen“, sagt ein dort Beschäftigter.

Die Lehrermailadressen sollen ab Herbst schon nutzbar sein

Die Abgeordneten Sandra Boser und Alexander Salomon (beide Grüne) sind ebenfalls skeptisch. Besonders der knackige Zeitplan, den sich das Kultusministerium selbst gesetzt hatte, scheint kaum haltbar zu sein. In Phase 1 bis Herbst 2020 sollen die „Basiskomponenten“ laut einer Verlautbarung des Ministeriums von September zur Verfügung stehen. Baustein Nummer 1, der Messenger, wird bis Ende Februar 2020 an 13 Schulen im Land getestet. Danach wird ausgewertet. Eine Auswertung erfolgt im Anschluss, erste Rückmeldungen von den Schulen seien positiv, sagt ein Ministeriumssprecher. Nach der Auswertung muss das Chatprogramm jedoch erst noch ausgeschrieben werden. „Wir Lehrer wären froh, wenn endlich eine sichere Messenger-Lösung vom Ministerium zur Verfügung gestellt würde“, sagte David Warneck, bei der Lehrergewerkschaft GEW für Digitalisierung zuständig. Im Schulalltag greife man aus organisatorischen Gründen wie vor Klassenfahrten häufig auf Whatsapp zu und bewege sich damit als Lehrkraft in einer datenschutzrechtlichen Grauzone. Immerhin, die Lehrermailadressen sollen ab Herbst schon nutzbar sein, aktuell wurden den Schulen bereits einheitliche Adressen zugeteilt, die Lehrkräfte folgen.

Lehrern, Schülern und Eltern steht möglicherweise ein großes Durcheinander bevor

Dementsprechend korrigiert das Ministerium den Zeitplan: Nicht bis, sondern erst von Herbst 2020 an sollen die Bausteine nach und nach zur Verfügung gestellt werden. Anschließend, bis Herbst 2021, sollen der Regelbetrieb an allen Schulen laufen und die Dachplattform übergestülpt werden. Hier droht das nächste Problem: „Bestehende Lösungen an den Schulen können weiterbetrieben werden“, schreibt Eisenmann. Wenn also einzelne Schulen wegen des ewigen Verzugs von „Ella“ inzwischen eigene Lösungen gekauft haben, dürfen sie diese weiterverwenden. Kompatibel mit dem Angebot des Ministeriums müssen die nicht sein, nur datenschutzrechtlich sicher. Das Ministerium hat auch keinen Überblick, was in den 3557 Schulen in Baden-Württemberg bereits verwendet wird. „Die Zuständigkeit für die IT-Ausstattung liegt bei den Schulträgern. Das Kultusministerium hat deshalb keine valide Datenbasis bezüglich des Bestands“, so ein Sprecher. Den Lehrern, Schülern und Eltern steht möglicherweise ein großes Durcheinander bevor. „Viele Schulen haben bereits viel Geld, Zeit und Ideen in die Entwicklung solcher Module gesteckt“, sagt die Grünen-Abgeordnete Sandra Boser, ohne eine landesweite Erfassung des Stands an den Schulen, „werden bestehende Potenziale ungenutzt gelassen und bereits gesammelte Erfahrungswerte verpuffen“.

Ein schwacher Trost für Eisenmann: Was die Kultusministerin einst für Baden-Württemberg vollmundig angekündigt hat, klappt auch in anderen Bundesländern nicht. Für bayerische Lehrer ist deren Lernplattform „Mebis“ noch nicht nutzbar, und in Nordrhein-Westfalen hat sich „Logineo“ ähnlich verzögert wie das entsprechende Programm hierzulande.

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