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Kai Uwe Völschow (43) ist dem Fußball verfallen. Für die Stuttgarter Kickers zu schwärmen ist ja schon Herausforderung genug. Doch zudem kämpft er als einziger unabhängiger Fan in der Sicherheitskommission des DFB für die Belange der Anhänger.

Stuttgart - Kai Uwe Völschow (43) ist dem Fußball verfallen. Für die Stuttgarter Kickers zu schwärmen ist ja schon Herausforderung genug. Doch zudem kämpft er als einziger unabhängiger Fan in der Sicherheitskommission des DFB für die Belange der Anhänger.

Herr Völschow, mal ganz unter uns, wünschen Sie sich manchmal einen anderen Herzens-Club
Das ist eine Fangfrage, oder? Manchmal könnte man schon verzweifeln an meinen Blauen. Als Bayern-Fan hat man es leichter, aber dafür ist die Freude umso größer, wenn wir mal gewinnen.

Etwa 4:1 in München.
Ja. Ein unvergessener Tag. Davon kann man als Kickers-Fan lange zehren. Und muss man auch: Unsere Erfolge in jüngerer Vergangenheit sind ja doch eher rar gesät. Doch wie schrieb Nick Hornby: Man sucht sich seinen Verein nicht aus, er wird einem gegeben. Und mir hat man die Kickers gegeben. 1980 gegen Bürstadt war ich erstmals auf der Waldau, dann war’s um mich geschehen.

Und nun sind Sie vom Kickers-Fan zum Prototyp des deutschen Fans geworden.
Das ist zu viel der Ehre. Aber es stimmt, ich sitze als der einzige sogenannte unabhängige Fan in der Arbeitsgemeinschaft Fans und Fanbelange des Deutschen Fußball Bunds. Zwar sind dort auch noch andere Fanvertreter, aber das sind hauptberufliche Fanbeauftragte der Bundesligavereine.

Wie kamen Sie zu der Ehre?
Da muss ich etwas ausholen. Ich wurde 2001 von den Fans als ihr Vertreter in den Aufsichtsrat der Kickers gewählt. Später habe ich auf der Geschäftsstelle gearbeitet und war unter anderem mit der Lizenzierung befasst.

Also damit, darzustellen, dass der Etat der Kickers für ein weiteres Jahr Profifußball reicht.
Ja. Und darüber hatte ich Kontakt mit dem Deutschen Fußball Bund und der Deutschen Fußballliga. Die kannten mich und haben mich gefragt. Ich war auch als Vertreter der Kickers beim Sicherheitsgipfel in Berlin, als man darüber debattierte, wie man die Stadien sicherer macht.

Sind sie denn unsicher?
Aus meiner Sicht nicht. Ich bin seit gefühlten 30 Jahren auch auswärts oft dabei, ich reise also mit den Kickers durch Deutschland und habe mich nie unsicher gefühlt. Es gibt sicher Probleme, und ich will das nicht kleinreden, aber zwei Wochen Münchner Oktoberfest sind statistisch gefährlicher als eine Bundesligasaison.

Aber diese Debatte gibt es doch nicht ohne Grund?
Natürlich nicht. Pyrotechnik hat im Stadion nichts verloren. Und es gibt definitiv gewaltbereite Fans. Das braucht man nicht leugnen. Aber man braucht wegen der Ausnahmen nicht die breite Masse kriminalisieren. Da wird überzogen.

Wie meinen Sie das?
Es gab zum Beispiel beim Drittliga-Spiel Darmstadt 98 gegen Halle Nacktkontrollen bei den Gästen. Die mussten sich ganz ausziehen, alle Körperöffnungen wurden untersucht. Weil die Haller Pyrotechnik in ein Stadion geschmuggelt haben. Aber das war neun Monate zuvor. Seitdem war nichts mehr passiert. Das ist nicht verhältnismäßig.

Und was machen die Fanvertreter in der Sicherheitskommission in einem solchen Fall?
Wir haben das Recht, eine Stellungnahme von der Polizei anzufordern. Das sind für die Polizei dann einige Seiten Bericht, ein Haufen Arbeit, das überlegen sie sich das nächste Mal sicher zweimal. Das zeigt übrigens auch, dass manche Kritik der Fans an dem Sicherheitspapier zu pauschal ist. Es hat nämlich durchaus Vorteile für den friedlichen Fan.

Welche?
Die Veranstalter und die Polizei müssen solche besonderen Maßnahmen beim DFB einreichen und begründen. Es wird eine einheitliche Regelung für Fanutensilien geben. Bisher ist es so, dass überall unterschiedlich geregelt wird, was man mitbringen darf. Die einen erlauben Trommeln, die anderen nicht, genauso sieht es bei den Fahnen aus. Und das gibt immer wieder Stress, wenn man Fans am Eingang ihre heiligen Dinge wie Zaunfahnen wegnimmt. Und noch etwas ist ganz wichtig.

Was denn?
Es wird eine einheitliche Regelung für den Ordnungsdienst in den Stadien geben. Viele Leute wissen ja gar nicht, dass für die Sicherheit in den Stadien nicht die Polizei, sondern die von den Vereinen bezahlten Ordnungsdienste zuständig sind. Und je freundlicher und kompetenter der Ordnungsdienst ist, desto weniger passiert.

Und man braucht weniger Polizei.
Ja. Aber wissen Sie, bei all der Diskussion um die Kosten von Polizeieinsätzen sollte man bedenken, alleine die Bundesligavereine haben im vergangenen Jahr 780 Millionen Euro Steuern gezahlt. Und ganz ehrlich, manchmal wundert man sich auch über die Disposition der Polizei.

Inwiefern?
Ich bin letzte Saison mit 200 anderen Fans zum Regionalligaspiel zu 1860 München II gefahren. Da sind zwei Hundertschaften Bundespolizei bis München mitgefahren, an der Tür des Bahnhofs haben uns zwei Hundertschaften Landespolizei übernommen und ins Stadion eskortiert. Und zurück das gleiche Spiel. Als Fußballfan wird man mit viel Aufmerksamkeit bedacht. Auch wenn man mit dem Bus reist.

Erzählen Sie.
Zum Beispiel in Jena sind wir mit einem Bus angereist. Die Polizei hat uns an der Autobahnausfahrt in Empfang genommen. Und uns unter Blaulicht und mit mehreren Wagen ins Stadion begleitet. Alle Ampeln waren auf Grün geschaltet, wir haben quasi die Stadt lahmgelegt, als wären wir Staatsgäste. Und ausgeladen wird man direkt vor dem Gästeblock, in einem Verschlag umringt von meterhohen Zäunen, obendrauf Stacheldraht.

Der Fußballfan als potenzieller Verbrecher?
Man kommt sich manchmal so vor. Natürlich ist das zugespitzt. Aber es gibt eine gesellschaftliche Tendenz, die Menschen zu erziehen. Und die findet sich auch im Stadion. Ich war bei der WM in Stuttgart und bei Länderspielen, das war grauenhaft, alles genormt, alles ist vorgeschrieben, das ist ein Horrorszenario. In England gibt es Stewards, die verweisen Zuschauer von der Tribüne, wenn sie fluchen.

Das ist jetzt ein Witz?
Nein. Ungelogen. Fahnen sind dort schon lange nicht mehr erlaubt. Aber wissen Sie, was mich am meisten ärgert?

Nein.
Ich war bei der Regionalkonferenz des DFB in München. Da haben die anderen überlegt, was sie mit dem größeren Budget machen, dass sie vom DFB für ihre Fanprojekte bekommen. Dabei schauten sie mich mitleidig an: Ach ja, ihr in Stuttgart habt ja gar kein Fanprojekt.

Und das wäre dringend nötig?
Natürlich. In den größten Pleitestädten haben sie eines, und hier hat der Gemeinderat keine 80.000 Euro für Sozialarbeit mit Fans übrig. Das verstehe, wer will. Dabei ist das ein wichtiger Baustein, wenn es um Sicherheit geht. Das bestätigen die Kollegen immer wieder. Man bekommt so Zugang zu jungen Leuten. Eines ist doch klar: Gewalt ist ganz sicher kein exklusives Fußballproblem, sondern eins, das die ganze Gesellschaft betrifft.

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