Die Fossiliensammlung Dr. Engel gilt als wissenschaftlicher Schatz. Vor 100 Jahren kam sie in den Besitz der Stadt Göppingen. Weil das Geld fehlt, soll sie nicht mehr zu sehen sein.
Eigentlich ist alles angerichtet für eine strahlende Museums-Zukunft: Die Stadt Göppingen verfügt mit der Sammlung Dr. Engel über einen wissenschaftlich bedeutenden Fossilienschatz sowie über eine attraktive Schmetterlingssammlung. Mit dem Badhaus und der Badherberge in Jebenhausen hat sie historisch bedeutende Baudenkmale, deren Sanierung der Gemeinderat mehrfach beschlossen hat. Eine Machbarkeitsstudie zeigt auf, wie Gebäude und Sammlung zu einer modernen Anlaufstelle der Naturkunde zusammengefügt werden könnten. „Extrem verlockend und attraktiv“ nannte der Oberbürgermeister Alexander Maier das Konzept, das die Stadt für die Attraktivitätssteigerung des Naturkundemuseums in Auftrag gegeben hat.
Und doch wird das seit drei Jahren geschlossene Naturkundemuseum auf absehbare Zeit nicht mehr öffnen. Der Verwaltungs- und Finanzausschuss hat am Donnerstagabend empfohlen, „den Betrieb des Naturkundemuseums auf unbestimmte Zeit auszusetzen“. Und nicht nur das: Die Stadt soll prüfen, ob sie das Herzstück der bisherigen Ausstellung in dem Museum, die mehr als 100 Jahre alte Versteinerungen-Sammlung des Geologen Theodor Engel, abgeben kann. Außerdem fasst die Stadt den Verkauf der historischen Badherberge mitsamt dem angrenzenden Badhaus ins Auge.
Der Stadt Göppingen fehlen Millionen für die Sanierung
In der kommenden Woche soll der Gemeinderat all das beschließen, doch bei der Vorberatung wurde klar: Alternativen sind nicht in Sicht. Die Stadt steckt in einer Finanzkrise und hat das Geld nicht. 8,5 Millionen Euro werden in der Machbarkeitsstudie für die Sanierung der Gebäude veranschlagt, 3,4 Millionen Euro für die Ausstellung sowie laufende Kosten von jährlich einer Million.
Unter den Lokalpolitikern herrschte deshalb eine Mischung aus Frustration und Suche nach Rettungsankern in der Zukunft. CDU-Fraktionschef Jan Tielesch beispielsweise malte sich aus, wie das Museum zusammen mit anderen Glanzlichtern wie dem Jüdischen Museum und dem Liebensteiner Schloss Jebenhausen aufgewertet werden könnte. „Da wird mir das Herz schwer, dass wir das abmoderieren müssen, weil es einfach nicht anders geht.“
Wie Tielesch hofften auch Sprecher anderer Fraktionen darauf, dass finanziell bessere Zeiten kommen und das Projekt neues Naturkundemuseum doch noch in Angriff genommen werden kann. Bis dahin soll auf jeden Fall die Sammlung Dr. Engel inventarisiert und fachgerecht aufbewahrt werden. Die 100.000 Objekte sind mittlerweile in das Haus des ehemaligen Eisen-Weber in der Grabenstraße in Göppingen umgezogen. Die Lagerung in der nicht beheizbaren Badherberge hat vielen Exponaten schon zugesetzt.
Oberbürgermeister von Göppingen will Gebäude retten
Der Bezirksbeirat Jebenhausen hat sich gegen einen Verkauf der Sammlung ausgesprochen. Der Oberbürgermeister Alexander Maier versprach, die Stadt werde ihrer moralischen Verantwortung für die Fossiliensammlung gerecht werden. „Wir wollen die nicht verschachern oder zerstückeln.“ Ihm schweben Einzelausstellungen und Bildungsangebote für Schulen vor, damit der Bevölkerung die Sammlung wenigstens punktuell zugänglich ist. Auch das teure Museumskonzept werde „nicht in der Papiertonne enden“. Es soll in finanziell besseren Zeiten wieder aufgegriffen werden. Und für die beiden unter Denkmalschutz stehenden Gebäude in Jebenhausen stellte der Rathauschef klar: Bei einem möglichen Verkauf stehe die Erhaltungspflicht im Vordergrund. „Erste Priorität ist es, einen Weg zu finden, wie man die Gebäude retten kann.“
Das Badhaus in Jebenhausen ist dabei eher unscheinbar, der Zahn der Zeit nagt sichtbar an ihm. Maier: „Der bauliche Zustand ist bedenklich“. Und doch ist das Gebäude für die Göppinger Stadtgeschichte bedeutend, denn das 543 Jahre alte Badhaus gilt als das älteste erhaltene weltliche Gebäude der Stadt. Die angrenzende Badherberge ist 416 Jahre alt. Im Vergleich zum Badhaus ist es ein markanter, auch von der Straße aus wirkender Renaissancebau und gehört zusammen mit dem Schloss, dem Altbau des Christophsbads und der Stadtkirche zu den Zeugnissen dieser Epoche.
Werden das Badhaus und die Badherberge verkauft?
Beide Gebäude sind in einem sanierungsbedürftigen Zustand. Seit Jahrzehnten ringen Stadt und Gemeinderat um eine Lösung. Vor drei Jahren sah es auch so aus, als mache die Stadt Ernst mit der Sanierung: Sie gab die Machbarkeitsstudie in Auftrag, um die buchstäblich angestaubte Ausstellung mit neuem Konzept in den sanierten Gebäuden aufzupeppen. Doch die Ideen wurden „von der Realität überholt“, wie der Rathauschef jetzt feststellte. In der Vorlage des Rats heißt es, die Sanierung scheine „mittel- bis langfristig nicht leistbar“. Deshalb sollen die Gebäude nun an einen privaten oder institutionellen Erwerber abgegeben werden, möglicherweise in der Form des Erbbaurechts. Allerdings verbunden mit dem Wunsch, dem neuen Eigentümer eine Erhaltungs- und Sanierungspflicht aufzuerlegen.