Viele Bildschirme erleichtern die Arbeit: Ein Ladendetektiv in einem Kaufhaus beobachtet, ob sich unter den Kunden auch Diebe befinden. Foto: Mauritius/Manfred Rutz

Fast vier Milliarden Euro gehen dem Einzelhandel jährlich durch Diebe verloren, die Zahl steigt auch im Kreis. Die Kaufhäuser wehren sich mit Kameras und Security. Doch denen sind oft die Hände gebunden. Was können Ladendetektive tun?

Böblingen - Vor einigen Tagen stehlen eine Frau und ein Mann im Mercaden-Einkaufszentrum in Böblingen Parfüm im Wert von 1000 Euro. Die beiden, etwa 20 Jahre alt, Jogginganzüge, stecken die Fläschchen in einen Sack und gehen zum Ausgang. Dort spricht sie ein Mann in Uniform an – daraufhin laufen sie los. Der Mann rennt durch den Seitenausgang, seine Komplizin flitzt frontal raus. Der Wachmann hetzt ihnen hinterher, doch der Dieb ist zu schnell, am Bahnhof ist er wie vom Asphalt verschluckt. Das meldet die Polizei.

 

Während die Zahl der Kriminalitätsfälle seit Jahren zurückgeht, bleibt die der Ladendiebstähle konstant. In Böblingen etwa verzeichnete die Polizei im vergangenen Jahr allein im Bahnhofsbereich 285 Diebstähle. Die Dunkelziffer ist enorm: 98 Prozent, schätzt das Handelsforschungsinstitut EHI in Köln. Dessen Berechnungen zufolge, erleiden Läden in Deutschland jährlich Verluste im Wert von 3,75 Milliarden Euro. 2017 waren es noch fast zehn Prozent weniger. Kein Wunder also, dass die Geschäfte ihre Flächen zunehmend abzusichern versuchen.

Manchmal reicht es schon, wenn man provokant schaut

Mehr als die Hälfte der Einzelhändler setzen auf Ladendetektive. Sei es im Elektronikgeschäft, in der Kleiderboutique oder im Ein-Euro-Shop. „Die größeren Geschäfte haben alle Sicherheitspersonal“, sagt Edip Özerol. Er ist Centermanager der Böblinger Mercaden und beschäftigt auf vier Etagen drei Sicherheitsleute pro Schicht. Sie sind in ihrer Uniform für Kunden erkennbar und sollen beim Einkaufen ein sicheres Gefühl erzeugen. Aber auch für die einzelnen Läden arbeiten viele Sicherheitsleute – hinter Überwachungsmonitoren im Raum daneben oder in Zivilkleidung in den Einkaufsgängen. Meist nennt man nur diese Ladendetektive.

„Mit normaler Kleidung und unauffälligem Verhalten ist es wahrscheinlicher, dass man Diebe auf frischer Tat ertappt“, sagt Özerol. Als Wachpersonal an der Tür oder so genannter Doorman fällt es dagegen leichter, potenziellen Dieben durch provokantes Schauen von vornherein zu signalisieren, dass sie beobachtet werden. „Es ist nicht sicher, ob Ladendetektive oder Doormen für das Geschäft besser sind.“ Jeder Ladenchef habe da seine eigene Theorie, sagt der Centermanager. Auch Händler im Sterncenter in Sindelfingen bestätigen das.

Was sich gut verkauft, wird auch geklaut

Nichts scheint vor den Dieben sicher zu sein. „Was sich gut verkauft, wird auch oft geklaut“, heißt es in der EHI-Studie. Im Lebensmittelhandel seien es Spirituosen, in Drogeriemärkten Parfüm und Kosmetik. Im Modehandel würden häufig teure Markenkleidung wie Jeans und Turnschuhe entwendet. Im Elektronikhandel lassen die Kunden laut der Studie besonders Smartphones und Speicherkarten mitgehen. In Baumärkten Akkuschrauber.

„Viele Diebe erkennt man auf den ersten Blick“, sagt Daniel Ortmann. Er war selbst lange Ladendetektiv, bevor er vor acht Jahren in Heilbronn eine Sicherheitsfirma gründete. Seine Angestellten arbeiten seither auch im Kreis Böblingen. Anzeichen für Diebe seien: Wenn Leute nervös am Sicherheitskabel der Geräte frickeln, lange im Laden dieselben Gänge ablaufen, sich ständig umschauen, mit leeren Rucksäcken das Geschäft betreten. Für viele solcher Situationen reiche eine gute Menschenkenntnis aus, sagt Ortmann. Daneben braucht man für den Berufseinstieg nicht viel: Bei der IHK absolviert man eine Sachkundeprüfung über die Gesetzeslage und lernt einige Sicherheitstechniken. Außerdem sollte das Führungszeugnis unbelastet sein.

In den meisten Fällen versuchen Sicherheitsleute, die Diebe zu beobachten und sie am Ausgang zu bitten, die Taschen zu leeren. Die meisten zeigten sich dann einsichtig, sagt Ortmann, gäben die Ware zurück und zahlten 50 bis 100 Euro Strafe. „Viele weigern sich aber auch, fangen an zu weinen, laufen weg“, erzählt er. In solchen Fällen brauchen Detektive die Polizei. Kunden gegen deren Willen durchsuchen oder festhalten darf das Sicherheitspersonal nicht. Bei vielen professionellen Banden hilft auch das nicht. Mit mehreren Personen betreten sie den Laden, handeln unauffällig, zielstrebig – und sind oft genauso schnell weg, wie sie kamen.