Die Stuttgarter Innenstadt profitiert mehr denn je von Touristen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Aufgrund der extrem erweiterten Handelsfläche und der Konkurrenz aus dem Internet ist der Handel in Stuttgart auf Kaufkraft von außen angewiesen. Vor diesem Hintergrund erntet die Stadt für ihre Verkehrspolitik heftige Kritik.

Stuttgart - „Ohne Kaufkraft von außen geht es nicht.“ Diese Aussage wird wie ein Mantra wiederholt, wenn man nach der Lage im Stuttgarter Einzelhandel fragt. Gleichzeitig wird die Kritik an der Verkehrspolitik der Stadt immer lauter – der Weg nach Stuttgart werde Gästen vorsätzlich erschwert, so der Vorwurf.

Besonders alarmierend für die Händler ist das zweifelhafte Image, welches Stuttgart international offenbar genießt. Es kommt aktuell vermehrt zu Anfragen, ob Touristen in Stuttgart noch ohne Atemschutzmaske unterwegs sein könnten. Das bestätigt Christian Witt, verantwortlich für das Tourismusmarketing bei Breuninger. „Für das Image der Stadt sind die Nachrichten über Feinstaub äußerst negativ“, fügt er an. International stehe Stuttgart in der Wahrnehmung inzwischen auf einer Stufe mit Smog-Metropolen wie Peking oder dem indischen Delhi. Eine kurze Suche im Internet bestätigt dies. Auf internationalen Medienseiten finden sich Überschriften wie: „Stuttgart: Germany’s ‚Beijing‘ for air pollution?“ Zu Deutsch: Ist Stuttgart das deutsche Peking der Luftverschmutzung? Das Warenhaus berichtet auf Anfrage unserer Zeitung zudem: Man habe bei den Kunden aus China 2016 einen Umsatzrückgang verzeichnet.

Klar ist, die Situation in der Landeshauptstadt ist deutschlandweit einzigartig. „Die steigenden Übernachtungszahlen kompensieren vieles, denn ohne den Tourismus würde der Handel in Stuttgart viel schlechter dastehen“, erklärt Citymanagerin Bettina Fuchs. Hintergrund dieser Aussage ist der Boom an Handelsflächen in der Stadt. Im Herbst 2014 wurden mit den beiden Einkaufszentren Gerber und Milaneo sowie mit dem Outdoor-Händler Globetrotter an der Tübinger Straße zusammen knapp 80 000 Quadratmeter neue Verkaufsfläche eröffnet – ein Zuwachs von rund 20 Prozent für die Innenstadt. International agierende Makler bezeichnen diese Entwicklung als „bundesweit beispiellos“. Parallel kämpfen Händler hier wie überall mit der enormen Konkurrenz aus dem Netz. Der Anteil der bei Amazon, Zalando und Co. bestellten Waren wächst weiter. Experten rechnen damit, dass binnen zehn Jahren in vielen Branchen mehr als die Hälfte des Umsatzes ins Netz abwandern wird.

Folglich haben sich die im stationären Handel erfolgreichen Unternehmen aus Stuttgart und der größeren Umgebung auf Kunden von außerhalb eingestellt – das Milaneo sieht sein Einzugsgebiet von Mannheim bis zum Bodensee, Breuninger und die Metzinger Holy AG versuchen unter anderem Kunden aus China und dem arabischen Raum anzuziehen. Allen gemein ist Folgendes: „Am wichtigsten für Gäste ist die Erreichbarkeit der Stadt“, mahnt Bettina Fuchs und fügt an: „Die drohenden Fahrverbote und das Feinstaub­image schaden dem Tourismus und damit dem Handel.“

Der Handelsverband Baden-Württemberg hat diese Entwicklung jüngst als „Katastrophe für den Innenstadthandel“ bezeichnet. Im Gespräch zeigt sich Sabine Hagmann, die Hauptgeschäftsführerin des Verbands, tatsächlich erbost. Die Entscheidungen der Politik passten vorne und hinten nicht zusammen, beklagt sie. „Erst lockt man mehr Menschen in die Stadt, doch dann will man sie daran hindern herzukommen“, ärgert sie sich. Sowohl Fuchs als auch Hagmann kritisieren, dass aus ihrer Sicht nicht planvoll gehandelt werde. „Man will Fahrverbote verhängen, doch zeitgleich fehlt es am Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs“, kritisiert die Chefin des Handelsverbands.

Rückgang bei Kunden aus China und den Golfstaaten

Wie sehr die Händler in der Stadt von der Kaufkraft der Touristen abhängig sind, zeigen die jüngsten Übernachtungszahlen. Zwar wurde 2016 erneut ein Rekordergebnis verzeichnet, Tourismuschef Armin Dellnitz ist dennoch besorgt. Die Zahl der Gäste aus China und den arabischen Golfstaaten ist im Vergleich zu 2015 deutlich zurückgegangen – es wurde ein Minus von knapp 14 respektive mehr als 18 Prozent registriert. Eine Abfrage der City-Initiative im Stuttgarter Einzelhandel hat ergeben, dass speziell der Rückgang bei den Touristen aus dem arabischen Raum in den Kassen zu spüren ist.

Im Rathaus stößt die Kritik der Händler auf Unverständnis. „Der Feinstaubalarm hält niemanden davon ab, nach Stuttgart zu kommen“, sagt Stadtsprecher Sven ­Matis. Die aktuellen Tourismuszahlen ­würden dies belegen, so Matis weiter. „Der Feinstaubalarm setzt sogar den Anreiz, günstig mit dem ÖPNV in die City ­zukommen.“ Des Weiteren betont die ­Verwaltung, man komme an der Einhaltung der Grenzwerte nicht vorbei. „Es gibt Anzeigen und Richtlinien der EU. Wir können das Thema nicht unter den Teppich kehren“, so der Sprecher. „Die Stadt investiert ­derzeit 20 Millionen Euro: Wir stärken Bus und Bahn, bauen das Nahverkehrsangebot aus, bieten zusammen mit dem VVS ­vergünstigte Tickets an.“

Auch die Sorge um die internationale Wahrnehmung Stuttgarts teilt die Verwaltung nicht. Der Stadtsprecher erklärt: „Im Übrigen bietet unser Vorgehen ja auch Chancen für das Image der Stadt – gerade weil wir das Thema so offensiv in die Öffentlichkeit tragen.“ Denn in anderen Metropolen blicke man gespannt darauf, wie Stuttgart dieses Problem anpackt und löst.

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