Salafisten vor dem Buchhaus Wittwer Foto: StN

Der Handel in der Innenstadt klagt: Infostände von verschiedenen Organisationen vergraulen Kunden. Zuletzt hatte eine ultrakonservative Strömung innerhalb des Islam im und vor dem Buchhaus Wittwer den Koran verteilt. Die Stadt ist machtlos.

Stuttgart - Der Einzelhandel ist besorgt. Immer mehr Vereine und Organisationen nutzen vor allem die Königstraße als Plattform für ihre Interessen. Scientologen, Zeugen Jehova oder Salafisten. Letztere haben zuletzt für Unruhe vor und im Buchhaus Wittwer gesorgt. Die ultrakonservative Strömung innerhalb des Islam hatte vor der Ladenzeile in der Königstraße einen Stand platziert. Mehr noch: Salafisten der Lies-Stiftung verteilten auch im Buchladen den Koran.

Kunden des Buchhauses reagierten verstört, aber auch verärgert. Wittwer-Geschäftsführer Rainer Bartle erreichten böse Briefe mit der Frage: „Macht Wittwer etwa mit den Salafisten gemeinsame Sache?“

Bartle reagiert seinerseits und schrieb einen Brief ans Amt für Öffentliche Ordnung. Im Wortlaut heißt es darin: „Die politische und religiöse Ausrichtung dieser Herrschaften müsste der Stadt und Ihnen bekannt sein. Demnach ist die wiederholte Erlaubnis als stillschweigende Unterstützung oder gedankenlose Schlamperei zu werten. Der nun zum dritten mal direkt vor unserem Haus befindliche Stand ist mittlerweile nicht nur geschäftsschädigend und imagegefährdend für uns, sondern schlicht als Unverschämtheit und klare Provokation zu betrachten. Für die Salafisten ist ein Stand vor dem prominentesten Buchhaus im Vergleich zu einem Nagelstudio oder einem Drogeriemarkt ein Traum. Schön dass Sie diesen Traum ermöglichen!“

Tatsächlich fragen sich auch andere Händler in der Stadt: Warum erlaubt man so etwas? Bettina Fuchs, Managerin der City-Initiative Stuttgart (CIS), bestätigt den Unmut im Handel: „Auch uns erreichen Beschwerden unserer Mitglieder, aber auch von großen Häusern.“ Alle Klagen hätten den selben Inhalt . Alle stört es, dass Kunden im direkten Umfeld eines Ladens angesprochen werden. „Manche gehen aus diesem Grund schon nicht mehr gerne in die Stadt“, sagt City-Managerin Fuchs, „wir finden das sehr bedauerlich.“

Dorothea Koller, Leiterin des Amtes für Öffentliche Ordnung, kann all das nachvollziehen, aber ihr sind die Hände gebunden. Sie verweist auf die Sondernutzungsrichtlinien zur Innenstadt. Darin sei geregelt, dass die Stadt solche Infostände nach entsprechendem Antrag genehmigen müsse: „Verbote gibt es nur dann, wenn die Organisationen verboten sind oder kommerzielle Ziele verfolgen.“ Sei dies nicht der Fall, so Kölle, dürfe man auf dem Mittelstreifen der Königstraße auch Infostände aufbauen.

Zum Fall der Salafisten, die direkt vor dem Buchhaus Wittwer ihren Stand aufgebaut hatten, sagt sie: „Wir haben dies der Organisation untersagt.“ Die Folge war: Die Salafisten rückten einen Samstag später ein paar Meter weiter Richtung Straßenmitte, blieben aber in unmittelbarer Nähe zum Buchhaus Wittwer.

Für Rainer Bartle bleibt die Sache auch so unerträglich und geschäftsschädigend. Selbst die neuste Nachricht, dass die Salafisten in den Monaten Oktober, November und Dezember vor einen anderen Laden in der Königstraße umziehen müssen, tröstet den Buchhändler kaum: „Dann trifft es eben einen anderen armen Hund auf der Königstraße“, sagt er und fragt sich: „Warum schickt man die nicht an den Marien- oder Ostendplatz?“

Mit dieser Frage trifft Bartle den Nerv von Heinz Reinboth von der Interessengemeinschaft Königstraße (IG). Reinboth kämpft schon lange für eine Verbesserung in der Stuttgarter Prachtstraße. Zuletzt im Juli. Da hatte er in einem Brief an Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) die Auslegung jener Sondernutzungsrichtlinien für die Königstraße beklagt. „Damals ist durch eine Werbeaktion der Firma Kabel BW die Gleichbehandlung verletzt worden“, sagt Reinboth und pocht auf grundsätzliche Änderungen in dieser Richtlinie. Nach dem Vorfall mit den Salafisten mehr denn je: „Hier ist eine Willensäußerung der Kommunalpolitik nötig, damit so etwas in Zukunft nicht mehr passiert.“

Mit anderen Worten: Die Königstraße als beliebte Einkaufsmeile brauche einen besonderen Schutz. Insbesondere jetzt, da der Konkurrenzdruck im City-Handel durch die baldige Eröffnung der beiden Einkaufscenter (Milaneo und Gerber) wachse. „Am besten wäre es“, sagt Heinz Reinboth, „wenn sich die Bürgerschaft zur Wehr gegen solche Aktionen setzt, damit der Druck auf die Kommunalpolitik wächst.“

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