Trotz Insolvenzen und Leerständen auf der Königstraße, Verkehrsbehinderungen, Demonstrationen und Baustellen: Die Frequenz in der Stuttgarter Innenstadt ist gut. Aber bleibt das so?
Verwaiste Schaufenster, verdreckte Scheiben, verschlossene Türen: Leer stehende Ladengeschäfte sind kein Augenschmaus. Doch sie gehören mittlerweile in den Innenstädten zum Stadtbild dazu. Auch auf und rund um die Stuttgarter Königstraße herrscht an einigen Stellen gähnende Leere.
In den vergangenen Tagen und Wochen haben sich die Meldungen über Geschäftsaufgaben, Insolvenzen und Schließungen gehäuft. Inhabergeführte, traditionsreiche Geschäfte wie der Juwelier von Hofen, Blumen Fischer oder das Schuhhaus Horsch sind betroffen. Aber auch die großen Filialisten wie Zara oder Primark verkleinern sich und hinterlassen leere Flächen. Wie groß ist die Krise im Einzelhandel? Wer ist schuld? Und wie steht es um die Zukunft der Stuttgarter Innenstadt?
Die Veränderung
Nicht erst seit der Corona-Pandemie zeichnet sich ein Strukturwandel in den Ortskernen ab. Standen vor allem in den 1950er und 1960er Jahren die Kaufhäuser bei den Kundinnen und Kunden hoch im Kurs, so waren es seit den 1980er Jahren eher die großen Filialisten und Einkaufszentren, die in den Innenstädten für Präsenz sorgten. Nicht zu vergessen: Die stetig wachsenden Marktanteile des Online-Handels.
Die Pandemie, die damit einhergehenden Auflagen und die vorübergehenden Ladenschließungen haben die Probleme des Einzelhandels deutlich erkennen lassen und sie noch einmal verschärft. Hinzu kommt, dass das Leben in den vergangenen Monaten wesentlich teurer geworden ist – egal ob an der Tankstelle, im Lebensmittelladen oder beim Stromversorger, die Preise sind gestiegen. Das hat wiederum bei vielen Menschen dazu geführt, dass sie sich beim Shoppen eher zurückgehalten haben.
Das Weihnachtsgeschäft
Große Hoffnung hatten die Einzelhändler in das Weihnachtsgeschäft gesetzt, das für sie enorm wichtig ist. Je nach Branche wird hier mehr als ein Viertel des Jahresumsatzes erwirtschaftet. Die Bilanz des Handelsverbandes Baden-Württemberg (HBW) fiel allerdings zurückhaltend aus. „Insgesamt blicken wir auf ein eher durchwachsenes Weihnachtsgeschäft zurück. Bei vielen Kundinnen und Kunden wollte keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen, sie blieb gedämpft und drückte sich vielerorts in Kaufzurückhaltung aus“, sagt Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin des HBW.
Die Frequenz
Die Bilanz in Stuttgart sieht wesentlich positiver aus. „Aktuelle Messungen des Portals www.hystreet.com zeigen einen deutlichen Passantenzuwachs auf der Königstraße“, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt. So sei die Frequenz im Jahr 2023 um über 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Im Zeitraum 1. Januar bis 12. Dezember dieses Jahres seien auf der Königstraße knapp 17,18 Millionen Passantinnen und Passanten unterwegs gewesen. Im Vergleichszeitraum 2022 waren es circa 13,15 Millionen. „Die Frequenzen liegen etwa auf dem Niveau von vor der Pandemie“, sagt Citymanager Sven Hahn. Ein Grund für Oberbürgermeister Frank Nopper, sich zu freuen: „Die Königstraße ist weiterhin der Besuchermagnet im Südwesten und trotzt den aktuellen Herausforderungen auf beeindruckende Art und Weise. Stuttgart ist und bleibt eine beliebte Tourismus-Destination, vor allem für unsere Gäste aus den Nachbarländern – das zeigen nicht nur die aktuellen Zahlen, sondern auch das stark gestiegene Weihnachtsgeschäft.“
Das kann Maximilian Schlier, Centermanager der Königsbau-Passagen, bestätigen: „Die aktuellen Entwicklungen in den Königsbau-Passagen sind äußerst erfreulich. Es zeigen sich hier wie auf der Königstraße positive Trends und ein klares Signal für den Standort Stuttgart.“ Es gebe positive Anzeichen, die für eine deutlich erkennbare Aufwärtsdynamik stünden.
Der Wandel
Ist im Einzelhandel, in der Innenstadt und auf der Königsstraße in Stuttgart also alles eigentlich in bester Ordnung? Ist der aktuelle Leerstand nur eine Momentaufnahme? Und sind die Geschäftsaufgaben Einzelschicksale?
Wirtschaftsförderer Bernhard Grieb: „Die Stuttgarter Innenstadt wandelt sich und steckt mitten in einem Transformationsprozess. Vor diesen Herausforderungen stehen momentan alle großen Einkaufsstraßen in Deutschland. Die Innenstädte sind dabei, sich neu zu erfinden. Auch wenn jede Schließung eines Traditionsgeschäfts schmerzt, gibt es auch immer wieder mutige Menschen mit neuen Geschäftsideen und anderen Nutzungsformen.“ Die Nachfrage nach gewerblichen Flächen in der Innenstadt sei auf jeden Fall da, sagt Sven Hahn. Da wären sich die Immobilien-Experten einig. „Es werden künftig aber stärker kleinere Handelsflächen im Erdgeschoss gefragt sein“, prognostiziert OB Nopper. Was dann künftig in den Obergeschossen passiert, ist nicht eindeutig vorherzusagen.
Die Zukunft
Wie muss eine lebendige Innenstadt denn in Zukunft aussehen? Die Mischung muss stimmen, auch hier sind sich die Experten einig. Es geht nicht nur ums Einkaufen. Vielfalt ist gefragt, mit den Themen Wohnen, Dienstleistungen, Gastronomie und Hotels, Kultur und Freizeit. Alles muss auf kurzen Wegen erreichbar sein. Und auch die Aufenthaltsqualität muss stimmen. Ein Patentrezept gibt es nicht, aber viele Ideen – auch in Stuttgart.
Im ersten Obergeschoss des Postquartiers (Kronenstraße 7/ Thouretstraße 6) sind zum Beispiel nach dem Auszug der Firmen Rossmann und Conrad Flächen frei. Ein Unternehmen hatte den Plan, dort eine Boulderhalle einzurichten. Das Vorhaben scheiterte allerdings an der benötigten Raumhöhe von mindestens vier Metern. Bernhard Grieb hat aber noch nicht aufgegeben, einen geeigneten Platz für eine Boulderhalle in der Innenstadt zu finden.
Auch in den Königsbau-Passagen standen rund 2000 Quadratmeter im ersten Obergeschoss leer, ehe dort zunächst eine Ausstellung mit Banksy-Motiven zu sehen war. Und nun die Körperwelten dort zu Gast sind. Auch Daniel Brunner wird mit seinem Kaufhaus Mitte vorübergehend einen Leerstand an der Schulstraße mit Leben füllen.
Die Bürokratie
Diese Beispiele zeigen, was möglich ist. Doch es gibt auch immer wieder Klagen über die hohen bürokratischen Hürden der Stadtverwaltung, die viel Zeit bei der Umsetzung von Ideen kosten oder sie am Ende sogar verhindern. Nicht selten müssen potenzielle Mieter bis zu einem Jahr auf eine Baugenehmigung oder Nutzungsänderung warten. „Die nötigen Genehmigungsprozesse dauern zu lange. Der aktuelle Leerstand in der City geht also zu guten Teilen auf das Konto der Verwaltung“, sagt zum Beispiel FDP-Stadtrat Eric Neumann. Er fordert, dass die Verwaltung „vor allem neue Konzepte für die Belegung der Flächen zulassen, schnell reagieren und nicht ewig über Genehmigungen brüten“ solle.
Dass es hier noch erheblichen Verbesserungsbedarf gibt, ist auch OB Nopper bewusst: „Die Verfahren beim Baurechtsamt zu beschleunigen und zu verschlanken, ist unser Ziel.“ Zudem ist für ihn klar: „Wir müssen die Erreichbarkeit der Innenstadt mit allen Verkehrsmitteln erhalten.“ Also auch mit dem Auto.
Die Erreichbarkeit
Das sieht auch Sven Hahn so: „Die überwältigende Mehrheit der Menschen, die in Stuttgart einkaufen, essen gehen oder die Theater besuchen, kommt mit dem Auto und dem öffentlichen Nahverkehr in die City. Daher ist die gute Erreichbarkeit der Landeshauptstadt einer der wichtigsten Standortfaktoren. Aus diesem Grund muss die bereits gute Infrastruktur für das Auto und den Nahverkehr dringend weiter verbessert werden“, so der Citymanager. Die Stadtverwaltung betont in diesem Zusammenhang, dass es über 11 000 Parkplätze in den Innenstadt-Parkhäusern, über 17 000 Parkplätze in den P+R-Anlagen und „einen sehr gut ausgebauten Nahverkehr“ gibt.
Hahn erklärt darüber hinaus: „Natürlich sind die Zeiten für alle Betriebe der Innenstadt extrem herausfordernd. Trotzdem ist klar: Wir leben und arbeiten in einer der attraktivsten Städte Europas. Das ist ein Privileg und gleichzeitig Antrieb, die aktuellen Themen mit Hochdruck anzugehen.“ Dazu gehören auch die Dauerbrenner: Sicherheit, Sauberkeit und Baustellenmanagement.