Einzelhändler, Kulturschaffende und Citymanager sind sich einig, dass es mehr benötigt, als finanzielle Unterstützung, um die Krise zu meistern. Bei einer Podiumsdiskussion der Landtags-FDP ging es auch um zu viel Bürokratie, Parkplätze, Sicherheit und Sauberkeit.
Die Innenstädte und der Einzelhandel stehen vor großen Herausforderungen. „Wir können jede Unterstützung gebrauchen“, betonte die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbandes Baden-Württemberg (HBW), Sabine Hagmann, am Donnerstagabend im Landtag. Die FDP-Fraktion hatte zu einer Podiumsdiskussion geladen, um über die Zukunft, Sorgen, Nöte und Wünsche der Einzelhändler und der Kulturschaffenden in den Innenstädten zu sprechen.
Der boomende Onlinehandel, Corona, Lockdowns und nun auch noch die Energiekrise: All das habe deutliche Spuren hinterlassen, waren sich die Teilnehmer einig. „Die neue Krise kommt zur Unzeit“, sagte Hagmann. Sie habe schon von Händlern gehört, die die Hälfte ihrer Filialen über Nacht geschlossen haben, weil ihnen die Kosten davonlaufen. Die finanzielle Unterstützung des Bundes durch den neuen 200-Milliarden-Euro-Hilfsschirm sei wichtig, aber das reiche bei Weitem nicht aus. „Wir müssen alles tun, um Frequenz in die Innenstädte zu bekommen.“ Man müsse unbedingt darüber nachdenken, wie man für Kinder und Familien attraktiver werde. Vielleicht brauche es mehr Spielplätze, meinte Hagmann. Sie könne sich auch vorstellen, dass künftig mehr Altersheime dort gebaut werden, wo sich das soziale Leben abspielt und nicht auf der grünen Wiese. „Der Einzelhandel hat auch eine gesellschaftliche Funktion.“
Die Hauptgeschäftsführerin des HBW plädierte unter anderem auch für eine Tourismus-Kampagne des Landes. „Für alles wird geworben, nur nicht für den Einzelhandel in der Innenstadt.“ Sie sehe Plakate für „The Länd“, für die Landwirtschaft oder am Flughafen für Outletcity Metzingen. Man dürfe nicht vergessen, dass der Handel den drittgrößten Wirtschaftszweig in Baden-Württemberg darstelle, mit rund 500 000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmern, etwa 40 000 Handelsunternehmen und einem Umsatz von circa 90 Milliarden Euro im Jahr. Auch Ludwigsburgs Citymanager Markus Fischer machte sich für eine Werbekampagne des Landes stark – und für die Finanzierung von mehr Personal, das sich vor Ort aktiv um die Innenstädte kümmert.
Amazon ist den Einzelhändlern ein Dorn im Auge
Das sah auch Stuttgarts Citymanager Sven Hahn so, der im Publikum saß. Grundsätzlich stehe der Verein City-Initiative Stuttgart gut da. Man werde an allen Ecken und Enden in der Innenstadt gebraucht und könne auch immer wieder neue Mitglieder gewinnen. Auch Stadt, Land und Bund hätten verstanden, dass es Citymanager brauche. „Unsere Arbeit wird zunehmend wichtiger“, betont Hahn. Mehr Personal sei wünschenswert, aber aktuell nicht bezahlbar. „Wir sind zu 90 Prozent privat finanziert.“ Die Mitgliedsbeiträge in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten zu erhöhen, sei keine Option. „Wir sollten von öffentlicher Seite besser ausgestattet werden.“
Die Präsidentin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart und Geschäftsführerin von Maute-Benger, Marjoke Breuning, wünscht sich von der Politik, dass sie sich um die steuerliche Gleichstellung der Onlinehändler kümmert. Es sei ein Skandal, was da teilweise passiere. In Berlin und Brüssel müsse man endlich dafür sorgen, dass es einen fairen Wettbewerb gebe. Markus Fischer legte nach und nannte Namen: „So haben wir online gegen Amazon niemals eine Chance.“ Deshalb müssten auch viele andere Parameter verändert werden. Breuning betonte, dass Stuttgart beim Thema Sauberkeit und Sicherheit nachbessern müsse. Immer wieder sei von Messerstechereien und Vergewaltigungen zu lesen.
„Wir müssen daran arbeiten, dass sich die Leute in Stuttgarts Innenstadt wieder wohlfühlen“, sagte auch Axel Preuß, der Intendant der Schauspielbühnen in Stuttgart mit den Spielstätten Altes Schauspielhaus und Komödie im Marquardt. Niemand habe Lust, über Alkoholleichen zu steigen, erstochen oder durch Feinstaub vergiftet zu werden. Auch die vielen Demonstrationen seien ein Problem, ergänzte Breuning. Sie sprach von mehr als 2000 pro Jahr und davon, dass dies teilweise auch dazu führe, dass die Kunden fernbleiben würden. Das beträfe alle in der Innenstadt – Einzelhändler, Gastronomen, und Kulturschaffende. „Die Innenstadt bietet ein Gesamtpaket. Alle Akteure sitzen in einem Boot“, betonte auch Axel Preuß. Und alle seien darauf angewiesen, dass man weiterhin mit dem Auto in die Innenstadt käme. „Wir müssen die Menschen aus der Region nach Stuttgart holen“, sagte Sven Hahn. Deshalb müsse man sich auch dringend um das Thema Mobilität kümmern. Dabei dürfe aber nicht die Frage im Vordergrund stehen, wie man mit dem Rad vom Stuttgarter Westen zum Hauptbahnhof komme. „Wir verteidigen hier nicht das Auto, sondern den Einzelhandel“, sagte Sabine Hagmann. Es brauche Parkplätze in der Innenstadt, damit die Menschen bequem hin- und auch wieder nach Hause kommen würden.