Vor vier Jahren hat Hergen Blase das Ohne PlaPla in der Ludwigsburger Innenstadt eröffnet. Jetzt sind die finanziellen Probleme so groß, dass der 53-Jährige einen Spendenaufruf und ein Mitglieds-Modell gestartet hat. Ist das ein Ausweg aus der Krise?
Das Wasser steht ihm zwar noch nicht bis zum Hals, doch der Pegel steigt. Die Kostenschraube dreht sich nach oben, die Kundenzahlen gehen nach unten. Und selbst die Stammkundschaft kommt seltener und gibt weniger Geld aus. Die Situation ist verdammt ernst, sagt Hergen Blase, der Inhaber des Ludwigsburger Unverpackt-Ladens. Im Februar wird das Ohne PlaPla vier Jahre alt. Ob es auch Fünf wird? Im Moment sieht es eher nicht danach aus.
Dass er mit dem Unverpackt-Laden nicht das große Geld verdiene, habe er von Beginn an gewusst. Das funktioniere im Lebensmitteleinzelhandel meist nur, sagt Blase, wenn man einerseits ein wenig Raubbau an der Natur betreibe und andererseits Menschen ein wenig ausbeute, um dem Kunden „Top-Preise“ anzubieten. Den Gewinn fahre das Unternehmen ein, die Folgekosten wie etwa Klimawandel, soziale Ungleichheit, Vermüllung trage hingegen die Gesellschaft.
Einkaufsverhalten ist anders
Blase will da nicht mitmachen. „Wir sind kein typisches Wirtschaftsunternehmen, das rein nach Gewinnmaximierung strebt. Wir gehen auch nicht in Verhandlungen mit unseren Lieferanten, sondern lassen ihnen ihren Preis – dadurch sind unsere Produkte hochpreisiger.“ Ökonomie, Ökologie und Soziales seien gleichberechtigte Säulen der Unternehmensphilosophie.
Eine Philosophie, die gut funktioniert hat. „Der Laden hat sich selbst getragen.“ Doch dann kam 2022. Auch wenn es in der Region noch viele Menschen mit ordentlichen Gehältern gebe, habe sich das Einkaufsverhalten geändert. „Existenzsorgen, steigende Energiepreise, aber auch das Thema Zeit spielen eine Rolle“, meint Blase. Nach den Lockdowns laufe das gesellschaftliche Leben wieder auf Hochtouren „Wer bei uns einkauft, braucht mehr Zeit.“
Die Einnahmenverluste und die steigenden Kosten kann der Laden nicht mehr allein auffangen. „Wir brauchen etwas von der Gesellschaft zurück, damit wir weiter in ihrem Sinne handeln können“, erklärt der 53-Jährige. Die kurzfristige Lösung ist eine Crowdfunding-Aktion. Bis zum 28. Februar hofft Hergen Blase, 9000 Euro zusammenzubekommen, um die akute wirtschaftliche Situation erst einmal zu stabilisieren. Mehr als 3000 Euro sind bis Donnerstag eingegangen.
Blase hofft aber, dass ihn möglichst viele Kunden konstant unterstützen und Teil einer PlaPla-Family werden. „So können wir einen Teil der Fixkosten abdecken und erhalten wieder mehr Planungssicherheit.“ Wer 30, 50 oder 100 Euro monatlich einsetzt, bekommt Rabatte und Gutscheine.
Berufsverband ist optimistisch
Aktionen wie diese sind keine Seltenheit. Die Branche steckt nach Jahren des Booms in der Krise. Der Passauer Unverpackt-Laden hatte vergangenen Sommer über einen Spendenaufruf 20 000 Euro zusammenbekommen. Die vergangenen Monate konnte die Inhaberin damit überbrücken – doch jetzt wackelt die Existenz erneut.
Der Berufsverband der Unverpackt-Läden gibt sich dennoch optimistisch. „Steigende Energiekosten könnten sich mittel- und langfristig sogar positiv auf die Branche auswirken, da der Bedarf an chemischen Düngemitteln und Pestiziden geringer und Transportwege kürzer sind“, meint die Projektkoordinatorin Lisa Schulze. Die aktuelle Situation betreffe verschiedene Akteure. Die Unverpackt-Läden seien einige von vielen.
Hergen Blase, eigentlich Optimist, kann die aktuelle Situation nicht ganz so gelassen sehen. Vom Weihnachtsgeschäft habe er sich viel mehr erwartet, auch im Januar seien die Umsätze stärker eingebrochen als gedacht. „Ich habe an sich einen guten Schlaf, aber ich muss zugeben: Er wird unruhiger“, erzählt der 53-Jährige. Dazu plagt ihn das Gewissen, wenn Lieferanten nicht sofort bezahlt werden können. Mittel- und langfristig sieht er die Politik in der Verantwortung. „Nachhaltiger Einzelhandel muss von staatlicher Seite aus unterstützt werden“, fordert er. Eine Möglichkeit wäre die Mehrwertsteuer-Befreiung auf bestimmte Produkte.
Im Stuttgarter Wirtschaftsministerium wird auf diverse Mittelstands-Förderprogramme verwiesen. Unverpackt-Läden könnten etwa die Intensivberatung Zukunft Handel 2030 oder auch eine konzeptionelle Beratung in Anspruch nehmen. Sollte der Liquiditätsengpass durch massiv gestiegene Energiekosten verursacht sein, käme gegebenenfalls ein Liquiditätskredit in Betracht, heißt es. Und das Bundesfinanzministerium? Das gibt Blase einen Korb. Der ermäßigte Steuersatz von sieben Prozent begünstige Lebensmittel bereits. „Es gibt keine Planungen, etwas zu verändern“, erklärt die Pressestelle. Eine weitere Ermäßigung sei kein geeignetes Mittel zur nachhaltigen Senkung des Preisniveaus. „Der Gesetzgeber kann nicht sicherstellen, dass die Senkung tatsächlich und vor allem auf Dauer zu niedrigeren Preisen für den Verbraucher führt.“ Die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen hänge zudem nicht allein von der auf ihre Produkte anfallenden Umsatzsteuer ab.
Auf den Boom folgt die Krise
Zahlen
Der 2018 gegründete Berufsverband der Unverpackt-Läden hatte Anfang des vergangenen Jahres insgesamt 286 Mitglieder. In Baden-Württemberg 47. Im Landkreis gibt es noch Läden in Vaihingen, Besigheim, Bietigheim und Steinheim. 65 Geschäfte haben bundesweit vergangenes Jahr geschlossen, 39 sind eröffnet worden.
Ursachen
Die Verbraucherpreise im Lebensmittelbereich steigen. Konsumenten reagieren darauf mit Kaufzurückhaltung oder gar Verzicht. 30 Prozent der Verbraucher kaufen weniger Bioprodukte, 21 Prozent weniger regionale Lebensmittel (Quelle: Konsummonitor Preise des Handelsverbands Deutschland). Doch gerade Bio-Lebensmittel und regionale Produkte sind in Unverpackt-Läden stark vertreten.