Die Stadt feiert das Kastanienbeutelfest – und die Menschen strömen in Massen. Foto: factum/Weise

Die Ludwigsburger City brummt nicht nur am verkaufsoffenen Sonntag. Doch viele Inhaber von Ladengeschäften sind Mitte 50 – und finden keinen Nachfolger. Es gibt aber Ausnahmen.

Ludwigsburg - Die Ludwigsburger Innenstadt zeigt, welchen Charme sie entfalten kann, wenn keine Automassen durch sie donnern. Beim Kastanienbeutelfest sind Schiller- und Arsenalplatz autofrei, Verkaufs- und Markstände verbreiten Flair. Die Massen strömen in die Geschäfte und Cafés, es herrscht Volksfest-Atmosphäre, fast wie an anderer Stelle am Neckar – am Cannstatter Wasen.

Die gefühlte Attraktivität lässt sich auch in Zahlen ablesen: Die Industrie- und Handelskammer hat ausgerechnet, dass in Ludwigsburg jährlich eine Milliarde Euro im Einzelhandel ausgegeben werden. Fast 80 Prozent mehr als in einer durchschnittlichen deutschen Stadt. Fast jeden zweiten Euro geben auswärtige Gäste in der Barockstadt aus – Rekord in der Region.

Viele Geschäftsinhaber sind Ende 50

Und doch blickt man im Einzelhandel mit Sorge in die Zukunft. Zum Beispiel Joachim Goller, der seit 1963 ein klassisches Bettengeschäft in der Unteren Marktstraße betreibt und eigentlich im Rentenalter ist. Die Bettbezüge sind liebevoll sortiert. Sobald ein Kunde den Laden betritt, wird er freundlich und interessiert empfangen. „Wir finden aber keinen Nachfolger“, sagt Goller. So sehr er sich auch bemüht – niemand will das Risiko übernehmen, in einem schwierigen Marktumfeld das Traditionsgeschäft zu übernehmen.

Dafür gibt es viele Gründe. „Manchen ist die Arbeit zu viel“, sagt Joachim Goller. In den 45 Jahren hat er oft rund um die Uhr gearbeitet – mit viel Herzblut. Das will er weiterhin machen und den Laden fortführen, so lange es geht. Und, so hofft er, vielleicht doch noch einen Interessenten finden, der übernehmen will.

Hohe Mieten können nur Filialisten zahlen

Das ist kein Einzelfall. „Eine große Anzahl von Geschäftsinhabern ist Mitte oder Ende 50 und tut sich schwer, einen Nachfolger zu finden“, sagt Axel Müller, der Innenstadtbeauftragte vom Verein Luis. Eine Entwicklung, die auf fünf oder zehn Jahre gesehen die Einzelhandelsstruktur der Stadt völlig verändern könnte.

Das hat auch Carmen Beck beobachtet, Inhaberin des gut laufenden Schuhhauses Beck in der Kirchstraße. „Wir sehen es ständig, viele inhabergeführte Geschäfte hören auf und werden durch Filialisten ersetzt“, sagt sie, die bisher den Herausforderungen durch Onlinehandel und die grüne Wiese relativ gut trotzt.

Nun ist das Problem erkannt – und beim Innenstadtmarketing wird allerhand getan. „Wir beraten die Händler, wie man die Nachfolge regeln kann“, sagt Axel Müller. Oder er sucht zusammen mit der Stadtverwaltung bei Besuchen in anderen Städten nach Betreibern, die in Ludwigsburg einen zweiten Standort aufmachen wollen – und dafür vielleicht ein alteingesessenes Geschäft übernehmen. Wie etwa die aus Lübeck stammende Parfümerie Schuback, die nun statt der Schillerparfümerie in Ludwigsburg präsent ist.Oft muss auch mit den Eigentümern über die Höhe der Miete verhandelt werden: Bei allzu hohen Preisvorstellungen können nur noch große Ketten mitbieten, wie es in der Landeshauptstadt Stuttgart zu beobachten ist.

Im Idealfall springen die Kinder ein

Doch es gibt auch Lichtblicke. Einer ist etwa der Kunstmarkt Boss in der Ludwigsburger Körnerstraße. Dort ist es Bärbel Krieger gelungen, ihren Sohn Stephan zu gewinnen, die Geschäfte de facto zu übernehmen. Der ist mit seiner Entscheidung sehr zufrieden. „Es läuft gut und macht mir Spaß“, sagt der 35-Jährige. Schon während des Studiums hat er mitgearbeitet – und daran Gefallen gefunden.

Ein Glücksfall für den etablierten Standort. Andere haben weniger Glück, wie Krieger selbst beobachtet hat: „Häufig scheitert es nicht am Umsatz, sondern an der Nachfolge.“ Wenn die eigenen Kinder nicht einspringen, ist es schwierig, den Laden an Fremde zu verkaufen. Der Generationenwechsel ist beim Kunstmark Boss jedenfalls gelungen. „Meine Mutter kommt noch alle paar Wochen ins Geschäft, aber sonst bin ich hier“, sagt Krieger. Über einen Online-Shop mit anderen Händlern verkauft er seine Ware auch im Internet – und setzt ansonsten auf den Klassiker im Einzelhandel: Den direkten Kontakt zum Kunden. Keine neue Erkenntnis, aber gerade im Online-Zeitalter unverzichtbar.

Was kann die Stadt tun, damit solche Beispiel häufiger werden? Der Innenstadtbeauftragte Axel Müller denkt auch an andere Quartierstrukturen. „Wir müssen uns fragen, wo kreative Angebote wie beim temporären Kaufhaus Fluxus in Stuttgart funktionieren können“, sagt er. Aufhalten lässt sich die Entwicklung im Einzelhandel nicht, das räumt er ein: „Wir müssen sie annehmen – und gestalten.“

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