Stelen in der Bahnhofstraße weisen Kunden den Weg zu Einkaufsquellen: Deren Schwerpunkt ist näher am Rathaus, wie farbige Markierungen zeigen. Foto: Patricia Sigerist

Ladeninhaber fühlen sich vom Rathaus benachteiligt, weil sie nicht zum Nahversorgungsbereich in der Stadt gezählt werden. Sie verweisen auf die Bedeutung ihres Einkaufsgebietes – und gehen in die Offensive, um es lebendig zu halten.

Fellbach - So hängen Sie uns von der Weiterentwicklung ab“: Unverblümt hat der CDU-Stadtrat Erich Theile seine Kritik im Gemeinderat, als das Einzelhandelskonzept beschlossen wurde, geäußert. Dass die nördliche Bahnhofstraße als sogenannter Nahversorgungsbereich eingestuft wird und nicht zum „zentralen Versorgungsbereich Innenstadt“ zählt, deren Grenzen der Stadtplaner Donato Acocella im Auftrag der Stadt gezogen hat, ist aus Sicht des Goldschmiedemeisters eine problematische Weichenstellung.

Doch in der Bahnhofstraße sei noch viel da

Theile ist mit seinen Bedenken offensichtlich nicht alleine. Auch andere Geschäftsinhaber der nördlichen Bahnhofstraße sorgen sich um die Zukunft. Stefan Lutz etwa, der ein Geschäft für Herrenmode und Maßkonfektion führt, ist überzeugt, dass „die Stadt als Ganzes attraktiv bleiben muss“. Wenn jemand am Bahnhof aussteige und sehe, da ist nichts mehr, warum soll er dann in die Stadt gehen, fragt er. Doch in der Bahnhofstraße sei noch viel da – und wenn jetzt Wohnungen in der Siemensstraße oder Eppinger Straße entstehen, müssten die neuen Einwohner auch ihre Besorgungen machen können. „Da möchte nicht jeder bis zum Rathaus laufen.“

Bummeln am Rathaus: Nicht nur bei der „Langen Nacht – Kultur & Einkaufen“ ist hier Leben. Foto: Patricia Sigerist

Ähnlich äußert sich Angela Sixt, die seit mehr als 30 Jahren ein Fotogeschäft am Stuttgarter Platz führt. Der Bahnhof sei wichtig, sagt sie, auch viele Schüler des Friedrich-Schiller-Gymnasiums seien zur Fuß unterwegs, sie sollten nicht durch eine unbelebte Straße gehen müssen. Für manche Geschäftsinhaber sei es auch ein Vorteil, dass die Mieten in der Bahnhofstraße bezahlbarer seien als rund um das Rathaus. Dass nun ein weiteres Sportwettengeschäft öffne, sieht sie indes mit Sorge: „Warum kann das nicht verhindert werden?“

Michaela Mahn von der K&M Confiserie erinnert daran, dass die Bahnhofstraße eine alte gewachsene Struktur habe, die sich einst durch die Ansiedlung der Bahn entwickelt habe. Es war „die Einkaufsstraße“. Da es politisch gewünscht sei, dass Menschen mehr und mehr mit der Bahn statt dem Auto in die Stadt kommen, liege es auf der Hand, dass diese dann auch in der Bahnhofstraße einkaufen wollten. Nicht glücklich seien einige ihrer Kunden mit der neuen Regelung, dass Radfahrer auf die Straße sollen. „Viele sehen das als zu gefährlich an, zumal viele Autofahrer sich nicht ans Tempo-30 halten“, sagt Michaela Mahn. Hier wären regelmäßige Kontrollen hilfreich.

Manche Inhaber wollten schon deshalb am Standort bleiben, weil ihnen das Gebäude gehöre

Sonja Zielke, die Sprecherin der Werbegemeinschaft nördliche Bahnhofstraße, weiß, dass das Einzelhandelsgutachten schon seit vielen Jahren diskutiert wird. „Zum Teil mit großen Debatten.“ Es gebe in der Bahnhofstraße große Ladenflächen, teils zwischen 100 und 500 Quadratmetern. Manche Inhaber wollten schon deshalb am Standort bleiben, weil ihnen das Gebäude gehöre. Und es sei einfach eine gewachsene Struktur, daher seien die Läden auch zum Teil Traditionsgeschäfte mit jahrzehntelanger Geschichte.

Viel wichtiger als eine Standortdebatte sei für sie, an die Kunden zu appellieren, dass sie sich nicht nur im Fachgeschäft beraten lassen, um dann im Netz zu kaufen. „Wir sind alle Fellbach“, lautet ihr Credo. Was die Aufenthaltsqualität angehe, fühle sich die Werbegemeinschaft immer wieder etwas vergessen – „trotz der tollen Zusammenarbeit mit dem Stadtmarketing“. Eigeninitiative sei nötig gewesen, um etwa die Blumentröge oder die Banner an der Baustelle zum Familienzentrum zu installieren. Auch der Blumenschmuck zur Remtal-Gartenschau sei insgesamt eher bescheiden ausgefallen.

Gute Perspektiven für den Stadtteil: die Neue Mitte Schmiden Foto: ORANGE BLU

Andrea Belser, die mit ihrer Familie das gleichnamige Blumengeschäft, das seit 1905 besteht, führt, erinnert, dass es schon zu Zeiten des früheren Oberbürgermeisters Friedrich-Wilhelm Kiel in der Bahnhofstraße hieß, „da machen wir Wohnbau draus.“ Damals schon habe man gesagt, das das nicht in Frage komme. Belser sieht „katastrophale Verkehrsverhältnisse“ als Problem und meint: „Wir fühlen uns schon ein Stück weit im Stich gelassen.“ Die Händler rund ums Rathaus bekämen eine stärkere Unterstützung.

Stefan Lutz hat ganz bewusst vor zwei Jahren in der Bahnhofstraße in ein größeres Geschäft gewechselt, denn „hier ist noch viel da an Potenzial“. Um das zu zeigen, plant er mit Mitstreitern einen neuen Einkaufsführer unter dem Titel „Schöne Mitte Fellbach.“ Darin werden einige der „besonderen und qualitativ herausragenden Geschäfte, Gastronomen und Institutionen“, die sich hier angesiedelt haben, vorgestellt – wie das Bahnhofareal mit der Volkshochschule, das „Haus der schönen Dinge“, die Schaflandstraße mit Twerdy-Leuchten, das Zoogeschäft in der Stuttgarter Straße oder auch die Metzgerei Klingler in der Mozartstraße.

Steuerung des Einzelhandels

Um die Stadtentwicklung – insbesondere der Innenstadt von Fellbach sowie den Ortszentren von Schmiden und Oeffingen – zu begleiten, wurde das Büro Dr. Acocella im Jahr 2006 erstmalig mit der Erarbeitung eines Einzelhandelsgutachtens beauftragt. Es wurde aktualisiert und fortgeschrieben. Als beschlossenes Konzept dient es der Verwaltung als Grundlage zur Steuerung des Einzelhandels unter anderem in der Bebauungsplanung.

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