Inge Behrendt-Mertens ist die Inhaberin zweier Schreibwarenläden, nämlich der Villa Leinfelden und der Villa Bernhausen. Foto: z

Eine Inhaberin zweier Schreibwarengeschäfte versucht, ein Bewusstsein für den Wert des Einzelhandels zu schaffen. Doch die Geiz-ist-geil-Mentalität vieler Kunden macht es ihr nicht leicht. Und auch die Politik legt ihr Steine in den Weg.

Leinfelden - Fachkundige Beratung, Serviceleistungen vor Ort, freundliche Bedienung: Es gäbe Gründe genug, den Laden um die Ecke einem Discounter oder Onlinehändler vorzuziehen. Trotzdem steckt die Branche in der Krise. Inge Behrendt-Mertens, Inhaberin der Villa Leinfelden und Villa Bernhausen, zweier Fachgeschäfte für Schulbedarf und Schreibwaren, hat nun in Eigeninitiative die Zufriedenheit ihrer Kunden abgefragt. 400 Flyer wurden von ihr und ihren Mitarbeiterinnen verteilt, verbunden mit der Bitte um Rückmeldung: Verbesserungsvorschläge, Lob und besondere Wünsche.

Insgesamt fiel das Feedback positiv aus. Man wünschte der Villa langes Fortbestehen und lobte die nette Atmosphäre. Kurzzeitig habe die Aktion auch den einen oder anderen wachgerüttelt, resümiert Behrendt-Mertens, relativiert allerdings, der Effekt auf das Kaufverhalten habe im Anschluss auch wieder nachgelassen.

Gegen die Preise der großen Supermärkte kommt sie nicht an

Frustriert wirkt sie nicht, wie sie da am Schreibtisch im Lager des Ladens sitzt. Ein bisschen angefressen schon. Etwa, wenn sie vom Beratungsklau jener Zeitgenossen berichtet, die nur kommen, um sich zu informieren und am Ende dann doch anderswo kaufen. Die Option, Kunden über den Preis zu ködern, gebe es nicht, so die 66-Jährige: „Mit großen Supermärkten können wir in dieser Hinsicht ohnehin nicht mithalten. Die verkaufen einen Marken-Wasserfarbkasten zum Schuljahresbeginn unterhalb unseres Einkaufspreises.“ Zwar verdienten sie dann nichts an diesem Artikel. Sie holten das Geld aber über andere Produkte wieder herein.

Gegen die Macht des Preisschilds anzukämpfen, ist schwierig. Auch die Präsenz in der Öffentlichkeit hilft da nur bedingt. Behrendt-Mertens, die ihre Geschäfte seit 18 Jahren führt, kooperiert mit der Musikschule und lässt die Kinder vor der Villa flöten. Sie unterstützt ortsansässige Vereine, etwa bei Tombolas. Honoriert wird das nur teilweise. „Was mir wirklich schwer im Magen liegt, ist, dass es aktuell von der Stadt aus Anweisungen gibt, dass Schulen oder städtische Büros beim Großhandel bestellen sollen“, gesteht sie. Die Geschäftsfrau kontaktierte Oberbürgermeister Roland Klenk. Und dieser beschied ihr, dass es sich um eine Entscheidung des Kreises handle.

Die Frage nach der Nachfolge wird immer drängender

So sachlich die Villa-Chefin bleibt, so sehr sie betont, dass sie Klenk schätze. Man merkt, dass es in ihr brodelt. „Jede Kommune sagt, dass sie den stationären Einzelhandel stützen will, damit die Orte nicht veröden“, stellt sie fest. „Andererseits blockiert man lokale Geschäfte aber, wenn eine Schule 200 Karteikästen bei Staples bestellt.“ Bei einer solchen Menge könnte auch Behrendt-Mertens Rabatt gewähren. Im Gegensatz zum holländischen Großhändler würde sie sogar Steuern in Deutschland zahlen. Ein Funken Hoffnung, dass sich der Trend zum Geldsparen um jeden Preis wieder umkehren wird, ist noch vorhanden: „Ich könnte mir vorstellen, dass es eine Gegenbewegung geben wird, wenn wir die Leute ausreichend aufklären“, überlegt sie. „Nur werde ich das wahrscheinlich nicht mehr erleben“. Behrendt-Mertens seufzt. Noch kann sie ihren Job, der ihr am Herzen liegt, stemmen. Die Frage nach der Nachfolge aber wird drängender. Auch das sei ein problematisches Thema für den Einzelhandel, merkt sie an. 70 Arbeitsstunden in der Woche und das Geschäftsrisiko, das mache heute kein Mensch mehr mit.

Was Inge Behrendt-Mertens nach wie vor begeistert, ist der Kundenkontakt. Ihr Geschäft sieht sie auch als Anlaufstelle für soziale Interaktion. „Es gibt alleinstehende Leute, die hier ihre Zeitschrift besorgen und das gezielt in der Villa tun, weil sie auch ein wenig plaudern wollen. Das machen wir gern, soweit es die Zeit erlaubt.“ Verdient ist damit nicht viel. Einladend wirkt es vor allem auf Menschen mit entsprechender Disposition. Oft genug gebe es gar kein Gespür mehr dafür, dass ein inhabergeführtes Geschäft ein Stück Lebensqualität bedeute, weiß die Fachfrau. Inge Behrendt-Mertens bedauert das nicht nur aus persönlichen Gründen, sondern sieht einen umfassenden Verlust für die Städte: „Wohnviertel, in denen es außer einem Barber-Shop, einem Discounter und einem Dönerladen nichts mehr gibt, sind doch einfach nur trist, oder?“

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