Supermärkte dürfen öffnen – andere Händler jedoch nicht. Dazu kommen Probleme mit den staatlichen Hilfen. Auch deshalb steht derzeit jeder vierte Modehändler im Land vor der Insolvenz.
Schorndorf/Stuttgart - Seit drei Generationen gibt es das Schorndorfer Kaufhaus Bantel, und dass es einmal auch in die vierte Generation geht, dafür kämpft die Geschäftsführerin Claudia Maurer-Bantel im Lockdown jeden Tag. Fast alle der rund 100 Mitarbeiter sind derzeit in Kurzarbeit. Die Auszubildenden kümmern sich um den Abholservice, der noch ein paar Prozent der normalen Erlöse rettet. Doch normal ist in diesen Tagen der Coronapandemie nichts mehr. Schon seit fast acht Wochen ist das Geschäft geschlossen. Das große Modesortiment, die Haushaltswaren und Lederartikel, das Spielzeug und die Schreibwaren sind vor Ort praktisch unverkäuflich.
Nur bei den Discountern, Super- und Drogeriemärkten sind solche Artikel derzeit noch zu haben. Sie dürfen auch im Lockdown geöffnet bleiben und machen damit gute Geschäfte – sofern der Anteil der täglichen Waren am Geschäft mindestens 60 Prozent beträgt. Für das Schorndorfer Kaufhaus sind Lidl, Real, Müller & Co. keine Konkurrenz, wenn es um Kleider oder Anzüge geht – wohl aber etwa bei Socken, bei Freizeitkleidung, Spielwaren oder Haushaltsartikeln. „Bei den Spielwaren hat es im vergangenen Jahr ein Drittel unseres normalen Umsatzes gekostet. Die Leute kaufen ja, Spiele für Zuhause boomen“, sagt Claudia Maurer-Bantel.
Sie spricht mit Bedacht. Es sei schwer für die Politik, die richtigen Entscheidungen zu treffen, meint sie. „Aber ich fühle mich nicht fair behandelt.“
In der Region Stuttgart meldet jeder vierte Händler einen Umsatzverlust von 25 bis 50 Prozent
Die meisten Händler, die derzeit nicht öffnen dürfen, teilen ihre Kritik. Sie sind sauer auf Richtlinien wie diese, die am Ende den Ausschlag geben könnten, dass nach dem Lockdown viele Geschäfte geschlossen bleiben könnten. Denn die Lage der Einzelhändler im Südwesten spitzt sich immer weiter zu. So meldete in der Region Stuttgart im Schnitt jeder vierte Händler für das vergangene Jahr einen Umsatzverlust von 25 bis 50 Prozent, wie der baden-württembergischen Industrie- und Handelskammertag (BWIHK) analysiert. Die Kammern haben exklusiv für unsere Zeitung ihre jüngste Konjunkturumfrage unter 3800 Betrieben aller Branchen speziell für den Handel ausgewertet.
„Jedes fünfte Unternehmen berichtet von Liquiditätsproblemen“, heißt es in dem Bericht. 46 Prozent der Befragten sehen ihre aktuelle Geschäftslage als „schlecht“ an, während sie 25 Prozent als „gut“ bewerten. Damit hat sich die Situation der Händler deutlich verschlechtert: Im vergangenen Herbst hatten nur 35 Prozent ihre Lage als schlecht bezeichnet und 23 Prozent als gut.
Die Umsätze im Modehandel kennen nur eine Richtung – bergab
Besonders dramatisch ist die Lage bei den Modehändlern, die das Bild der Innenstädte prägen – noch. Denn jeder vierte spricht von einer sich abzeichnenden Insolvenz, vier von zehn Händlern haben bereits Liquiditätsengpässe. Während die Händler in den Apotheken, in den Supermärkten sowie den Heim- und Baumärkten in manchen Pandemiemonaten ihren Umsatz sogar steigern konnten, geht es im Modehandel stetig bergab. Bei allen Befragten sind 2020 die Umsätze zurückgegangen. Bei vier von fünf Händlern brachen die Erlöse gar um mehr als 25 Prozent ein, ebenso viele Händler mussten ihre Rücklagen angreifen.
Claudia Maurer-Bantel kann für ihr Kaufhaus noch von ihren Rücklagen zehren – dass der Staat die Läden schließt, sie aber mit ihrem Schaden de facto alleingelassen werde, versteht sie nicht, und so geht es vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen auch.
58 Prozent Verlust – das hatte für die Überbrückungshilfe nicht gereicht
Eigentlich sollten die Überbrückungshilfen des Staates auch den Handel stützen. Doch bisher verfehlte Maurer-Bantel die Kriterien jedes Mal knapp. Mit der Überbrückungshilfe I klappte es für den April und Mai vergangenen Jahres nicht, weil das Umsatzminus nur 58 Prozent statt der geforderten 60 Prozent betrug. Für die Überbrückungshilfe II, die im September schon ab minus 30 Prozent Umsatz galt, verliefen die Geschäfte ebenfalls um eine Winzigkeit nicht schlecht genug. Bei der aktuellen Überbrückungshilfe III wird es für den vergangenen Dezember und Januar passen – zuletzt betrugen die Verluste rund 90 Prozent.
„Mir erschließt sich die Logik für die Prozentzahlen nicht“, kritisiert Maurer Bantel. „Muss ein Geschäft schließen, sollte es für den stationären Umsatz eine Kompensation geben. Die Fixkosten muss ich ja auf jeden Fall bezahlen.“
Die IHK-Präsident fordert, die Hilfen anders zu staffeln
Marjoke Breuning, Präsidentin der IHK Region Stuttgart, teilt ihre Kritik. Sie selbst führt mit ihrer Schwester ein Modegeschäft – das Wäschefachgeschäft Maute-Benger. Praktisch jeder Modehändler sei auf Hilfen angewiesen. Zurzeit verliere die Wintermode rasant an Wert, die neue Frühjahrskollektion könne oft nicht bezahlt werden. Die Abschreibung auf unverkaufte Waren gleiche „nur einen Bruchteil der tatsächlichen Liquiditätsverluste aus“. Von den Fixkosten für Miete und Personal ganz zu schweigen.
Marjoke Breuning fordert deshalb eine flexiblere Staffelung der Überbrückungshilfen. Dass diese bei einem Umsatzverlust von 30, 50 beziehungsweise 70 Prozent zum Tragen kommen, sei viel zu grob, man müsse die Staffelung glätten. „Ein Euro Umsatz mehr kann bedeuten, dass die gesamte Liquiditätshilfe wegfällt“, sagt sie. „Das ist für die Händler nur schwer nachzuvollziehen.“