Die lokalen Geschäfte auch im Kreis Esslingen verlieren bekanntermaßen Umsatz an den Onlinehandel. Doch auch zwischen Städten und Gemeinden besteht Konkurrenz. Besonders geschickt stellt sich einer IHK-Analyse zufolge offenbar Neckartenzlingen an.
Wochentags um 14.30 Uhr in Neckartenzlingen: Die Sonne scheint auf den Platz zwischen den zwei Rathausgebäuden, der mit leuchtend bunten Blumenkübeln geschmückt ist. Einige Tische vor den zwei Bäckerei-Filialen sind belegt. Ansonsten ist hier wenig los. Im Eiscafé, in den Imbissläden und den wenigen Einzelhandelsgeschäften, die geöffnet haben, herrscht zu dieser Zeit weitgehend Leere. Und doch: Wer auf die neue Auswertung der Einzelhandelskennziffern der Industrie- und Handelskammer (IHK) blickt, könnte zu dem Schluss kommen, dass Neckartenzlingen das Shopping-Mekka im Kreis Esslingen sei.
Warum? Offenbar lassen die Menschen im Einzelhandel in der Gemeinde weit mehr Geld liegen, als die Kaufkraft im Ort hergibt. Deswegen beträgt die sogenannte Zentralitätskennziffer von Neckartenzlingen 129,8 – damit steht die 6400-Einwohner-Gemeinde auf Platz 1 im Kreis Esslingen, noch vor Kirchheim (119,6), Esslingen (93,9) und der Landeshauptstadt (112,8). „Das verwundert mich nicht“, sagt Melanie Braun, Bürgermeisterin von Neckartenzlingen. Zu diesem Ergebnis beigetragen haben weniger die innerörtlichen Geschäfte. Vielmehr haben sich im Gewerbegebiet am Ortsrand mehrere große Einzelhandelsketten angesiedelt, darunter Lebensmittelanbieter, Bekleidungs- und Drogeriegeschäfte, Haustierbedarf und Autohäuser. Und die zwei Bundesstraßen, die durch den Ort führen, spülen die Kunden in die Geschäfte auf der grünen Wiese. Sie kämen nicht nur aus Neckartenzlingen und umliegenden Kommunen, sondern auch als Pendler von weiter weg, sagt Braun.
Esslingen verliert Kaufkraft
Ihr zufolge, die 2016, also nach der Ansiedlung der großen Märkte in Neckartenzlingen, hier Bürgermeisterin wurde, haben die Riesen Vor- und Nachteile. Der Ort sei gut versorgt und die Wege auf die grüne Wiese nicht so weit wie in größeren Städten. „Aber natürlich trägt das nicht dazu bei, dass sich innerorts viel neuer Einzelhandel ansiedelt.“ Sicherlich habe es früher auch den ein oder anderen Laden in der Ortsmitte gegeben, der heute Vergangenheit sei.
Genau das wollte man in Esslingen verhindern, bis auf das Neckarcenter gibt es keine großen Einkaufslagen außerhalb der Innenstadt. Gemessen an der Größe der Stadt ist der Umsatz des stationären Einzelhandels in Esslingen allerdings eher gering – rein rechnerisch fließt mehr Kaufkraft ab als aus dem Umland zufließt. Neben der Ansiedlungspolitik wird die Nähe zu Stuttgart als ein Grund gesehen. Beim Stadtmarketing will man dem allerdings nicht zu viel Bedeutung beimessen: „Nur sehr begrenzten Aussagewert hat die Zentralitätskennziffer im Hinblick auf die Attraktivität von Innenstädten“, betont Michael Metzler, Geschäftsführer der Esslinger Gesellschaft für Stadtmarketing und Tourismus. Denn diese hebe nur auf den Handel ab. Andere Faktoren, die essenziell seien für die Attraktivität von Innenstädten, seien nicht abgebildet, wie Gastronomie, Kultur, touristische und städtebauliche Qualitäten. Dass Esslingens Innenstadt attraktiv ist, steht für Metzler – er vergleicht sie mit Tübingen – offenbar fest.
Hoffnung auf Nachfolger für Karstadt und Kögel
Dennoch: Für eine attraktive Innenstadt braucht es auch Einzelhandel – und zuletzt haben in Esslingen einige Traditionsgeschäfte geschlossen oder angekündigt zu schließen. Viele davon aus Altersgründen, argumentiert Metzler. Wichtig sei es daher, Anreize für Neueröffnungen zu bieten. Stadt und Stadtmarketing täten in diesem Hinblick viel, beispielsweise mit der Innovationsmeile Küferstraße oder dem Start-up-Wettbewerb. Seit 2020 habe es in der Innenstadt knapp 100 Neueröffnungen gegeben. „Kritisch wird es aus meiner Sicht, wenn in einzelnen Sortimentsbereichen keine Bedarfsdeckung mehr erfolgen kann. Diese Situation haben wir aktuell nicht“, so Metzler. Sie drohe im Bereich Mode und Textil mit der Schließung von Kögel und Karstadt Ende Januar 2024. Doch der Stadtmarketingchef ist sicher, dass große Modeeinzelhändler, die auf Expansionskurs seien, das Marktpotenzial in Esslingen erkennen. „Einige sind bereits in konkreten Gesprächen mit den Immobilieneigentümern der betreffenden Flächen. Wir können zuversichtlich sein, dass Teile dieser Flächen durch neue Angebote belegt werden.“
Eine der größten Bedrohungen für den stationären Einzelhandel ist und bleibt aber die Online-Konkurrenz. Diesem Trend müsse man entgegenwirken, sagt Alexander Kögel, Vizepräsident der IHK-Bezirkskammer im Kreis Esslingen. „Alle Akteure müssen zusammenarbeiten, damit unsere Innenstädte weiterhin attraktiv bleiben“, fordert er. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Unternehmen mit höherem Digitalisierungsgrad leichter durch Krisen kommen.“
IHK-Analyse: Menschen im Landkreis kaufen unterdurchschnittlich vor Ort
Landkreis im Vergleich
Die Menschen im Kreis Esslingen sind vergleichsweise wohlhabend. Die einzelhandelsrelevante Kaufkraft beträgt laut IHK 8100 Euro pro Kopf (Region 8089, Bund 7463). Im stationären Einzelhandel kommt davon unterdurchschnittlich viel an: Der Umsatz pro Person beträgt 5342 Euro (Region 6276, Bund 6291).
Druck auf Handel
Obwohl die Kaufkraft vergleichsweise stark sei, stehe der örtliche Einzelhandel unter Druck, sagt Alexander Kögel, Vizepräsident der IHK Esslingen-Nürtingen. Internethandel und Einkaufszentren in Randlagen hätten den Handel in Innenstädten in Schwierigkeiten gebracht. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie und des Ukraine-Krieges mit gestörten Lieferketten, Unsicherheit bei der Energieversorgung und Inflation hätten die Lage verschlimmert. Kunden seien verunsichert und hielten ihr Geld zurück. Immer mehr Geschäfte müssten schließen. Leerstände, auch in Kernlagen, seien die Folge. Ein weiteres Problem vieler Betriebe bestehe in der Nachfolgefrage.