Freie Natur statt heimeliger Coach, klare Bergluft statt Abgase, himmlische Ruhe statt irdischer Betriebsamkeit: Von solchen Idyllen fernab von Sorgen und Stress träumen wohl viele zivilisationsgeplagte Städter. Doch nur wenige leben diesen Traum – für ein paar Jahre, manche sogar für den Rest ihres Lebens.
Kuriose Feiertage: Am 29. Oktober wird in den USA der National Hermit Day - der Tag des Einsiedlers - begangen. Im liturgischer Regionalkalender der katholischen Kirche in Irland ist der 29. Oktober ein nicht gebotener Gedenktag für Saint Colman mac Duag (560-632 n. Chr.). Colman wurde in Cork als Sohn des Keltenhäuptlings Duac geboren – daher auch der gälische Namenszusatz mac Duach.
In der Kirchengeschichte der grünen Insel ist er bekannt als Gründerabt von Kilmacduagh und Bischof von Galway. In Irland wird er vor allem verehrt als Einsiedler, der zunächst auf Inismore, dann in einer Höhle am Burren in der Grafschaft Clare, in Gebet und langem Fasten lebte.
Einmal Eremit sein
Jetzt ein Sabbatical. Raus in die freie Natur. Abschalten. Pausieren. Innehalten. Träumen davon nicht viele Stressgeplagte, Prä-Burn-Outler und Nervenbündel? Sie auch? Nach einem anstrengenden Aufstieg auf dem Gipfel hocken. Die Sonne am fernen Firmament aufgehen sehen. Das Tal zu Füßen, eingehüllt in dichte, wabernde Nebelschwaden. Allein mit sich und der Natur, Gott und der Schöpfung. Wirklich ganz alleine? Nicht ganz. Wie es sich für den technikaffinen und achtsamen Wanderer gehört, liegt das Handy immer griffbereit im Rucksack.
Freie Natur statt heimeliger Coach, klare Bergluft statt Abgase, himmlische Ruhe statt irdischer Betriebsamkeit: Von solch idyllischen Momenten fernab von Sorgen und Stress träumen viele zivilisationsgeplagte Städter. Einige wenige leben ihren Traum, eine Zeit lang – und manche sogar für den Rest ihres Lebens.
Auch Naturromantik hat ihre Grenzen
Doch mal ehrlich: Nur weil man Natur und Stille liebt, gerne wandert und dem hektischen, lärmenden Leben in der Großstadt mal entfliehen will, soll man die gemütliche Wohnung gegen ein enges Zelt und das geräumige Häuschen gegen eine selbst gebastelte Jurte eintauschen? Ohne Dusche und heißes Wasser, die Toilette im nächsten Gebüsch, das Waschbecken im Bach?
Die meisten würden solche Askese kaum ein paar Tage, geschweige denn Wochen, Monate oder gar Jahre ertragen. Die Natur-Romantik hört spätestens dann auf, wenn die Temperaturen unter null Grad sinken und es tagelang wie aus Eimern schüttet.
Echtes Aussteigertum ist selten
Trendforscher Peter Wippermann sieht in dem radikalen Ausstieg aus dem Hamsterrad von Job und Karriere einen Extremfall. Allerdings einen, der für den Wunsch von vielen steht. „Die Idee, die digitale Welt zu verlassen als Gegenpol zur Vernetzung des Alltags ist zwar ein Grundtrend.“ Aussteigertum sei in Deutschland sehr selten. „Das sehe ich nicht als gesellschaftliches Phänomen.“
Belastbare Zahlen über Aussteiger gibt es nicht. Der Freiburger Outdoor-Trainer Daniel Seifried schätzt, dass in Deutschland kaum mehr als ein paar wenige Dutzend Menschen gibt, die ein alternatives Leben radikal führen. Viele seien zwar gerne ein paar Tage draußen, freuten sich dann aber auf einen vollen Kühlschrank und aufs eigene Bett. „Ganz auszusteigen trauen sich die meisten nicht. Und es ist auch nicht einfach.“
„Into the Wild“
Christopher McCandless ist einer der bekanntesten Aussteiger. Im Jahr 2007 wurde sein Leben unter dem Titel „Into The Wild“ nach der gleichnamigen Reportage des US-Journalisten Jon Krakauer verfilmt. Der junge Mann entschied sich Anfang der 1990er Jahre für ein Leben in der Wildnis. Bei ihm nahm das Leben als Abenteuer allerdings ein tragisches Ende: McCandless starb nach zwei Jahren in der Wildnis - abgemagert, einsam, entkräftet. Sein Leichnam wurde 1992 von Elchjägern auf dem Weg entlang des Stampede Trail in Alaska gefunden.
Der Zauber eines Lebens in freier Natur hat in der Geschichte immer wieder Menschen erfasst, die das Alleinsein der Gemeinschaft vorzogen. Dass Aussteiger und Eremiten den gängigen gesellschaftlichen Normen entsagen und aus religiösen, sozialen oder ökologischen Gründen der Zivilisation entfliehen, gehört zu ihrem Lebenskonzept.
Faszination Eremitentum
Vertieft man sich in solche Biografien, sieht man sich unversehens in die faszinierende Historie des abendländischen Eremiten- und Mönchtums versetzt. Jener ursprünglichen christlichen Lebensform, die ihren Ausgang bei den Wüstenvätern im Nahen Osten nahm. Seit dem späten dritten Jahrhundert führten Mönche alleine oder in kleinen Gruppen ein zurückgezogenes Leben der Askese, des Gebetes und der Arbeit in den Wüsten Ägyptens, Syriens und Israels.
Ihr Protagonist war Antonius der Große (um 251-356 n. Chr.), ein ägyptischer Einsiedler, auch Antonius Abbas – „Vater der Mönche“ – genannt. Der später heiliggesprochene Theologe gründete die ersten Gemeinschaften christlicher Anachoreten – lose Zusammenschlüsse getrennt lebender Einsiedler, die sich aus religiösen Gründen aus der Gesellschaft zurückzogen.
Pachomios der Große (um 292-346), ein weiterer ägyptischer Eremit, erbaute Anfang des vierten Jahrhunderts in Oberägypten die ersten von Mauern umschlossenen Klöster, in denen Einsiedler als kleine Gemeinschaften nach festen Regeln lebten, arbeiteten und beteten.
Gott-, Sinn- und Selbstsucher
Große Gestalten finden sich unter diesen christlichen Eremiten: Benedikt von Nursia (um 480-547) und Franz von Assisi (1181-1226), die Gründer der Orden der Benediktiner und Franziskaner; Niklaus von der Flüe (1417-1487), Schutzpatron der Schweiz, und Bruno von Köln (1027-1101), Gründer des Trappistenordens; Thomas Merton (1915-1968), französischer Trappistenmönch, Dichter und geistlicher Schriftsteller.
Von Thomas Merton stammt der Satz: „Was nützt es uns, zum Mond reisen zu können, wenn es uns nicht gelingt, den Abgrund zu überwinden, der uns von uns selbst trennt? Dies ist die wichtigste aller Entdeckungsreisen; ohne sie sind alle anderen nicht nur nutzlos, sondern zerstörerisch.“
Rückbesinnung auf das eremitische Leben
In Deutschland gibt es nach Aussage von Maria Anna Leenen, einer katholischen Eremitin im Osnabrücker Land, schätzungsweise 80 bis 90 Christen, welche die uralte Berufungsform des Eremitentums wiederbeleben.
Dass diese Gottsucher nicht nur eine radikale Berufung in sich spüren und viele Stunden bei Tag und in der Nacht beim im Gebet verbringen, sondern auch eine überdurchschnittlich stabile Psyche mitbringen müssen, versteht sich von selbst. Schließlich ist es eine besondere Herausforderung, ohne Technik und andere zivilisatorische Annehmlichkeiten auszukommen. Vom mitunter wochen- oder monatelangem Alleinsein mal ganz abgesehen.
Marianne Schlosser, Professorin für Theologie der Spiritualität an der Universität Wien, sieht in der katholischen Kirche ein „gesteigertes Interesse an der Einsamkeit, das zu einer Erneuerung eremitischen Lebens führt". Sie berichtet von „leibhaftigen Eremiten“, die sie selbst kennengelernt habe und die alles andere als sonderbar, weltfremd oder menschenscheu seien.
Diese Aussteiger lebten „mitten in Berlin oder auf einer Almhütte, in einem leer stehenden Pfarrhaus oder in einem Baucontainer“. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie mit Handarbeit, als Mesner oder Übersetzer. Es gebe sie im Habit der Ordensleute und in Jeans, „in ihrer Gemeinde und darüber hinaus bekannt“ oder „inkognito“.
Zurück in die Natur
Die Gründe für einen Ausstieg müssen nicht expllizite religiöser Natur sein. Der eine will sein altes, als stressig empfundenes Leben hinter sich lassen. Der andere sucht in der Natur oder in der Anonymität der Großstadt nach Antworten auf existenzielle Fragen. Ein Dritter träumt von einer gerechteren, friedlicheren Welt und lehnt den Kapitalismus ab, der die Menschen entfremde und gesellschaftliche Gruppen gegeneinander ausspiele.
Man muss nicht gleich wie der griechische Philosoph Diogenes von Sinope (405-320 v. Chr.) in einem tönernen Vorratsgefäß leben oder wie Symeon Stylites der Ältere (389-459 n. Chr.) zum Zeichen der völligen Entsagung auf dem Kapitell einer Säule stehen (daher kommt der Name Säulenheiliger). Es genügt, das aufzugeben, was bisher im Leben wichtig erschien: Arbeit, Wohnort, Freundeskreis, Glaubensgemeinschaft, politische Überzeugungen. Und das ist schon radikal genug.
„Walden oder Leben in den Wäldern“
Beispiele für moderne Aussteiger – die als Single oder in Gruppen leben – sind Alternativbewegungen wie die Hippies oder New-Age-Bewegung. Das 1854 erschienene Buch „Walden Or Life In The Woods“ („Walden oder Leben in den Wäldern“) des amerikanischen Dichters, Philosophen und Lehrers Henry David Thoreau (1817-1862) gilt als Klassiker des einfachen, naturbezogenen Lebens, das auch Mahatma Gandhi zu seinem Ideal des gewaltfreien Widerstandes inspirierte.
In ihm schildert Thoreau sein Leben in einer selbst gebauten Blockhütte tief in den Wäldern Massachusetts. Mehr als zwei Jahre kehrte er der Zivilisation den Rücken – nicht aus naiver Weltflucht, sondern um alternativ, asketisch und naturnah zu leben. „Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde“, schreibt er in "Walden".
Was Aussteiger im Innersten suchen
Aussteiger sind überzeugt, nur durch einen radikalen Wandel ihres Lebens ihr persönliches Gleichgewicht und ihre innere Ruhe wiederzufinden. Dabei bedeutet Alleinsein nicht gleich Einsamkeit. Nicht erst die heutige Psychologie hat den Wert der Stille und des Ganz-bei-sich-Seins als Hort der Zufriedenheit und des Glücks wiederentdeckt.
Alleinsein ist nicht nur ein Zustand, sondern auch eine Fähigkeit, die Nicht-Aussteiger genauso erwerben können, um den inneren Reichtum der Seele und den äußeren Reichtum der Natur erleben zu können.
Wer nie gelernt hat, zur Ruhe zu kommen und Zeit mit sich selbst zu verbringen, wird es ohne Ablenkung durch Fernsehen, Handy, Internet und soziale Netzwerke nicht lange aushalten. Für viele steht die Zeit nie still: Über E-Mail und Smartphone sind sie rund um die Uhr erreichbar – und wollen es oft auch nicht anders, weil die emotionale Einsamkeit und Stille sonst unerträglich wären.
Verlust der „Schweigekultur
„All unser Übel kommt daher, dass wir nicht allein sein können“, stellte der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) einst fest. Mehr als ein Jahrhundert später beklagte der französische Philosoph und Psychologe Michel Foucault (1926–1984) den Verlust der „Schweigekultur“.
Doch man muss nicht gleich alle Brocken hinwerfen und sich in ein Erdloch im Wald verkriechen, um zu sich selbst zu finden. Es genügt schon, jenseits des alltäglichen Geplappers und Lärmens das Schweigen und die Stille als bereichernde Momente wiederzuentdecken.