Henry und Paul Bullmann werden am Freitag eingeschult. Für die ganze Familie ist der Beginn des neuen Lebensabschnittes aufregend und schön. Stolz sind die Brüder auf ihre im Kindergarten selbst gebastelten Schultüten. Mit was die wohl befüllt werden?
Am Freitagmorgen ist es soweit. Endlich. Paul und Henry werden eingeschult. Die Zwillinge sind zwei von insgesamt 4931 Kindern, die im Landkreis Ludwigsburg den Sprung aus dem Kindergarten in die Grundschule machen. 29 mehr als es im Vorjahr gewesen sind.
Ihre Aufregung tragen die Brüder nicht nach außen. Und doch liegt sie in der Luft. Eigentlich schon seit Monaten, denn bereits im März haben Paul und Henry in der Villa Kinderbunt begonnen, ihre Traum-Schultüten zu basteln. Wahre Prachtstücke sind es geworden, mit großer Liebe zum Detail. In vielen Stunden haben die Sechsjährigen zusammen mit Erzieherinnen der städtischen Kindertageseinrichtung gefilzt, geschnitten, geklebt, gemalt. Paul hat die Ninjago-Figur Kay verewigt, Henry hat auf seiner Schultüte eine Wichtelwunderwelt entstehen lassen. „In der Weihnachtszeit gab’s im Kindergarten einen Wichtel, und der hat ihn offenbar nachhaltig fasziniert“, erzählt Mama Nina Bullmann und schmunzelt.
Villa Kinderbunt hat eigene Tradition
Gesehen hat sie die Kunstwerke ihrer Söhne erst, als die beiden im Juli ihren letzten Kindergartentag hatten. Auf einer Art Laufsteg präsentierten alle zukünftigen Erstklässler der Villa Kinderbunt unter großem Applaus ihre Schultüten. „Das war unheimlich schön“, erinnert sich die 41-Jährige, die die Tradition des Kindergartens schätzt. „Ich weiß, dass in anderen Einrichtungen die Eltern die Schultüten basteln und viele auch einfach eine kaufen, aber so ist das einfach was ganz Besonderes.“
Das weiß auch Britta Härle, die Leiterin der Kindertageseinrichtung. Seit 29 Jahren gibt es die Villa Kinderbunt und seit 29 Jahren basteln die Kinder Schultüten. „Da sind Mega-Bomben-Tüten dabei“, sagt die Pädagogin stolz. Zum Beispiel Henrys, die Härle besonders gerührt hat. „Es ist einfach schön, wenn man etwas anbietet und die Kinder es annehmen“, sagt sie mit Blick auf den Weihnachtswichtel.
Große Aufmerksamkeit kann Kind stärken
Für ein Kind ist die Einschulung ein wichtiger Schritt, weiß die Leiterin des Staatlichen Schulamtes Ludwigsburg, Sabine Conrad. „Es wird größer, es wird mehr Selbstständigkeit von ihm erwartet, es stehen Erwartungen hinsichtlich der persönlichen und schulischen (Weiter-)Entwicklung im Raum.“ Durch die Einbindung von Großeltern und weiteren Familienmitgliedern werde die gesteigerte Bedeutung des Tages sichtbar. Dass das am Ende nicht zu einer Überreizung führt, ist eine Gratwanderung. Einem Risiko, dem sich Nina Bullmann Patrick Schmitt bewusst sind. Deshalb wollen sie die Einschulung an der Osterholzschule gebührend, aber eben auch nicht übertrieben groß feiern. Dass Nina Bullmann vor 34 Jahren dieselbe Grundschule besucht hat wie jetzt ihre Söhne, macht den Tag für die Familie ganz besonders. „Ich kann mich gut an die Aufregung erinnern – und an meine Schultüte. Meine Mutter hatte meinen Namen draufgestickt“, erzählt die Ludwigsburgerin.
Vorfreude aufs Lesen
Weil die Einschulung an einem Freitagvormittag ist, werden nur die Großeltern und Eltern dabei sein. Im Anschluss an die Feier und die erste Schulstunde geht es gemeinsam essen, und anschließend gibt es daheim Kaffee und Kuchen. Am Samstag geht das Fest dann in die zweite Runde – mit den Paten. „Die haben selbst Schulkinder und können deshalb am Freitag nicht dabei sein.“
An Paul und Henry gehen die Vorbereitungen weitestgehend vorbei. Sie freuen sich auf die Schule. „Dann muss mir abends nicht immer jemand was vorlesen, weil ich bald selbst lesen kann“, sagt Henry. Die beiden werden in unterschiedliche Klassen kommen. „So gibt es keine unmittelbare Konkurrenz, und die Zwei können sich als Individuen entwickeln“, begründet Patrick Schmitt die bewusste Entscheidung der Erwachsenen, mit der die Kids einverstanden waren. Die Jungs freuen sich jetzt vor allem darauf, endlich ihre Schulranzen aufsetzen zu können. Stolz werden Mäppchen, Turnbeutel und das ein oder andere Gimmick gezeigt.
Der eine Ranzen hat Applikationen, die mit Klettverschlüssen festgemacht sind, beim anderen sind sie mit Magneten fixiert. Die Kosten für einen Schulstart summieren sich schnell. Für viele Familien wird die Einschulung zur finanziellen Herausforderung, das weiß auch Nina Bullmann. Insgesamt 500 Euro haben die Ranzen gekostet. „Das ist inzwischen ein Wahnsinn“, sagt die Ludwigsburgerin. Auch beim Befüllen der Schultüten gibt es inzwischen Familien, die mehrere hundert Euro für den Inhalt ausgeben. Im Hause Bullmann will man es jedoch nicht übertreiben – und hat das auch so der Familie kommuniziert. „Es kommen ein paar kleinere Spiele und Schlecksachen rein – aber nur soviel wie reinpassen“, verrät Nina Bullmann.
Eine lange Wunschliste haben die Zwillinge sowieso nicht abgegeben. Nur eines ist beiden wichtig. „Lego sollte drin sein“, sagt Henry, und Bruder Paul nickt eifrig mit dem Kopf. Und inzwischen macht es auch nichts mehr aus, dass die geliebte Jogginghose an dem besonderen Tag im Schrank bleiben muss und ausnahmsweise durch eine Jeans ersetzt wird.
Schulstart als finanzielle Herausforderung
TIPPS FÜR DIE EINSCHULUNG
Willkommen fühlen
Aus pädagogischer Sicht geht es darum, den Tag so für das Kind zu gestalten und den Schulanfang so zu feiern, dass es sich willkommen fühlt, sagt die Leiterin des Staatlichen Schulamtes Ludwigsburg, Sabine Conrad. „Darauf legen die Grundschulen bei ihren Planungen sehr viel Wert.“
Nicht überreizen
Das Kind steht bei der Einschulung im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Durch die Einbindung von Großeltern und weiteren Familienmitgliedern wird die gesteigerte Bedeutung dieses Tages sichtbar. Sabine Conrad: „Diese Aufmerksamkeit kann das Kind stärken, sie kann aber auch durch die große Aufregung zur Überreizung führen.“
Sich absprechen
Die Verbraucherzentrale Bremen rät dazu, die Schultüten mit einer Kombination aus Nützlichem und Süßem zu befüllen und sich mit Verwandten und Freunden abzusprechen, damit sich die Geschenke ergänzen