Das Land will weniger Einsätze für Ehrenamtliche, die Erstversorgung leisten, bis der Rettungsdienst kommt. Der Leiter der Helfer vor Ort in Amstetten hält die neuen Regeln für fatal.
Fünf bis sieben Minuten. Zeit, um die Spülmaschine auszuräumen oder einen Tee zu kochen. Minuten, die im Alltag kaum auffallen – aber im Notfall entscheidend sein können. Wer auf Hilfe wartet, ist oft allein, hat Schmerzen oder Angst. Genau dann sind auch in Baden-Württemberg die Helfer vor Ort gefragt. Doch ein Schreiben des Landesinnenministeriums bringt Wirbel in das System: Es soll den Einsatz der Ehrenamtlichen künftig einschränken.
Helfer vor Ort (HvO) werden parallel zum Rettungsdienst per Funk alarmiert. Vor allem in ländlichen Regionen überbrücken sie die Zeit, bis der Rettungswagen eintrifft. Sie leisten Erste Hilfe, beginnen Wiederbelebungsmaßnahmen und betreuen Betroffene. Wenn etwa im Winter jemand stürzt und sich den Arm bricht, beruhigen sie die Person, sind Ansprechpartner, bringen eine warme Decke und stabilisieren den Arm. „Es sind fünf bis sieben Minuten, in denen der Mensch nicht allein sein muss“, sagt Michael Kasper, Leiter der HvO-Gruppe in Amstetten. Künftig sollen HvO-Gruppen nur noch bei bestimmten Notfällen alarmiert werden, etwa bei den Stichworten akute Atemnot, Kreislaufstillstand, Bewusstlosigkeit oder neurologischer Anfall. Nicht mehr jedoch bei Verkehrs- und Betriebsunfällen, Geburten, gynäkologischen Notfällen, Schnitt- und Stichverletzungen, Stürzen oder Vergiftungen.
Ministerium möchte Freiwillige entlasten
Mit den Neuerungen möchte das Innenministerium die Helfer vor gefährlichen Situationen und vor einer Überlastung schützen. Wörtlich heißt es in dem Schreiben, dass das aktuelle Vorgehen „weder unter Gesichtspunkten des Eigenschutzes der ehrenamtlichen Einsatzkräfte noch im Hinblick auf eine sachgerechte Begrenzung der Alarmierungsfrequenz zielführend“ sei. Eine übermäßige Alarmierung könne zur Gefährdung der Helfer und zu einer „erheblichen Belastung des Ehrenamts“ führen.
Tobias Neugebauer, der Leiter Rotkreuzdienste beim DRK-Kreisverband Göppingen, hält die neue Regelung für einen „Schnellschuss“. Derzeit gebe es eine Arbeitsgruppe, in der der DRK-Landesverband die Thematik mit dem Ministerium bespreche. „Die aktuelle Regelung zum Einsatz der Helfer vor Ort, die auch von der Leitstelle in Göppingen bereits umgesetzt wird, bedauern wir sehr“, fügt Neugebauer hinzu. Die Zahlen des DRK-Kreisverbandes Göppingen zeigen, dass sich die Zahl der Einsätze für die Helfer vor Ort um rund 15 Prozent reduziert. Auch für Michael Kasper, den Leiter der HvO-Gruppe in Amstetten, gibt die Neuerung „null Sinn“. Sie sei im ländlichen Raum zu kurz gedacht. Denn der Rettungswagen sei nach Amstetten in der Regel länger unterwegs, als ein Helfer vor Ort zum Einsatzort benötige. Die Ehrenamtlichen kennen sich besser aus und finden auch Orte ohne Hausnummer. Sie seltener zu alarmieren, würde zu einer deutlichen Verschlechterung der notfallmedizinischen Versorgung führen. Kasper ist überzeugt: „Das wäre ein fataler Fehler.“ Mehr als 43 000 Menschen haben innerhalb von zwei Wochen eine Online-Petition unterschrieben. Außerdem hat das Innenministerium inzwischen seine Ankündigung relativiert: Der neue Stichwortkatalog solle lediglich eine Orientierung für die Notfall-Alarmierung bieten – keine feste Vorgabe.
Fast hundert Helfer im Einsatz
In Amstetten engagieren sich 18 Helfer vor Ort. Sie rücken zwischen 350 und 400 Mal im Jahr aus. Einer zu hohen Belastung, wie sie das Innenministerium schildert, widerspricht Kasper: Es gäbe einen Dienstplan, wonach sich eine Person in Bereitschaft befindet und sich die restlichen 17 entspannen können. Selbst im Dienst bestehe für die Ehrenamtlichen keine Verpflichtung. „Es gibt keinen Druck“, sagt Kasper. Auch bei einem schwerwiegenden Notfall dürften die Helfer absagen. „Aber das wird niemand tun, weil wir mit Herzblut dahinterstehen“, ist Kasper überzeugt. Warum gerade Einsätze wie Verkehrsunfälle herausgenommen wurden, ist für uns nicht verständlich“, betont Tobias Neugebauer vom Roten Kreuz. Gerade bei Verkehrsunfällen seien die Helfer wichtig: Weil sie schnell am Einsatzort seien, könnten sie früh einschätzen, ob weitere Fahrzeuge, die Feuerwehr oder ein Hubschrauber benötigt werden. „Es sind wertvolle Minuten, die entscheidend sind“, sagt Kasper. Die Amstetter HvO-Gruppe besitze ein eigenes Einsatzfahrzeug – dadurch sei sie so gut gesichert wie der hauptamtliche Rettungsdienst. Die Ehrenamtlichen ersetzen ihn nicht, sondern ergänzen ihn und arbeiten laut Kasper eng mit ihm zusammen.