Sie hat schon Wale vor Westafrika gerettet. Jetzt lebt Simone Eisenbeiss (25) in Charkiw und riskiert ihr Leben für Tiere. Von Stuttgart aus wird sie von Peta dabei unterstützt.
Manchmal fragen sie die Menschen, was mit ihr los sei, dass sie sich in solche Gefahr begebe. Warum sie aus der sicheren Schweiz in die Ukraine und dort auch noch nach Charkiw, im Grenzgebiet zu Russland gelegen, gezogen sei. Simone Eisenbeiss kann diese Frage verstehen. Klar, es hört sich ja auch verrückt an, was sie gerade erzählt. Sie ist 25 Jahre alt, hat das Leben noch vor sich und hat gerade gesagt, dass es jeden Tag vorbei sein könne und geht dann dahin, wo die Wahrscheinlichkeit zu sterben, unzweifelhaft größer ist, als im Kanton Appenzell-Ausserrhoden. „Natürlich habe ich Angst“, sagt sie, „aber ich wandle diese Angst um, damit ich sie für etwas Gutes nutzen kann“.
Zu Besuch bei Peta
Simone Eisenbeiss, dunkle lange Haare, offener neugieriger Blick, könnte jetzt auch unterwegs sein zu einem Kaffee mit Freundinnen. Doch sie ist auf Stippvisite in Stuttgart bei denen, die ihre Arbeit unterstützen, der Tierrechtsorganisation Peta. Sie erzählt mit strahlenden Augen von dem, was sie beseelt. Das ist deutlich spürbar. Jeder Satz, jeder Blick sagt es: die Rettung von Tieren aus Not und der Einsatz für deren Rechte. Sie ist überzeugt, dass ein kleiner Moment, die Zukunft verändern kann.
Zufällig bei diesem Gespräch dabei ist ihr Vater. Er hat seine Tochter mit dem Auto nach Stuttgart-Weilimdorf in die Peta-Zentrale gefahren. Es ist heftig, was er gleich hören wird, aber im Grunde eigentlich schon weiß. Und gleichzeitig ist das Gespräch eine öffentliche Verständigung eines Vaters mit seiner Tochter übers Loslassen und die Sorge aller Eltern, wenn sich ihr Kind in Gefahr begibt.
Markus Eisenbeiss (62), Unternehmer in der Kosmetikbranche, sagt, er habe gelernt, seiner Tochter zu vertrauen, als er selbst mit ihr in der Ukraine war und gesehen hat, wie souverän sie agiere. Sei es an der polnischen Grenze oder im Alltag in der Ukraine. „Wenn man sich nicht an diese Situation gewöhnt, würde man verrückt werden“. Diese Fahrt durch die Ukraine „war ein Ablösungsprozess“. Er, der stets alle Familienreisen organisiert hat, merkte mit einen Mal, „dass er nichts mehr machen und kontrollieren muss“.
Und wie intensiv ist dann der Kontakt zur Tochter, wenn sie unterwegs ist? Die Familie wisse über einen Tracker, wenn sie es wolle, in welchen Gebiet die Tochter und Schwester sich aufhalte. Außerdem habe er eine Karte mit dem aktuellen Frontverlauf. So sieht er dann auch, wenn die Tierretter auf dem Weg in den Donbass sind und ist erleichtert, wenn sie zurück mit den Tieren sind, sie in der Klinik oder im Shelter ausladen. Beide Einrichtungen, ebenso wie die sie betreibende ukrainische Nichtregierungsorganisation Animal Rescue Charkiw (ARC) werden von Peta mit 1,7 Millionen Euro im Jahr unterstützt.
Seit Mai 2024 fährt Simone Eisenbeiss für ARC fast täglich in die umkämpften und zum Teil zerstörten Kriegsgebiete, klettert in Ruinen, bringt sich vor Drohnen in Sicherheit und kehrt dann mit ihrem Kollegen Ruslan Horbal mit einem Transporter voller Boxen mit geretteten Tieren zurück. Welpen, verstörte Hofhunde, kleine Kätzchen oder Hasen und Ziegen. 50 Tiere versuchen sie bei jedem Einsatz rauszuholen. Dabei gibt es natürlich auch rote Linien, Situationen, in denen sie abbrechen. Das unterscheide sie von den Soldaten. „Ich habe die Freiheit, auch zurückzugehen – und ich rette Leben“.
Ihre eigene Wohnung liegt im dritten Stock eines Wohngebäudes in Charkiw. Angesichts von Drohnen und Raketenangriffen ist ihr wichtig, möglichst weit unten zu wohnen. Es geht ums schnelle Rauskommen. Sätze und Überlegungen, die ihr bis vor anderthalb Jahren fremd waren. Aber in ihrem ukrainischen Leben sei es wichtig, „extrem wachsam zu sein“. Ihr Überlebensmotto heiße: Change or die. Was bedeutet: Lern dazu oder stirb!
Manche Evakuierungen gehen über drei, vier Tage und erstrecken sich viele Stunden. „Es kommt immer auf die Kriegsdynamik an.“ In ihrem ersten Monat lernte die Schweizerin, stets die schwere Schutzweste zu tragen, den Schlafentzug und die Unregelmäßigkeit des Tagesablauf auszuhalten. Denn wenn die Hotline oder das Militär zurückgelassene Tiere meldet, müssen sie los. Daran muss man sich erst mal gewöhnen.
Auf dem Jet-Ski gegen Walfänger
Dabei ist sie nach der Schule gleich ganz hoch eingestiegen mit ihren Tierrettungsambitionen. Nicht dass sie Kröten über die Straße getragen hätte. Simone Eisenbeiss kam über die Begeisterung für den US-amerikanischen Umweltschützer und Greenpeacegründer Paul Watson zu seiner Organisation Sea Sheperd und rettete dort Wale vor der Küste von Westafrika. Sie sei, so erzählt sie, auf dem Jetski gefahren, habe die Walschwärme umkreist, um sie aus dem Fangbereich der Walfänger zu treiben. Klingt einigermaßen riskant – und ist es mit Sicherheit auch. Zumindest ist es ein ziemlicher Unterschied zum ursprünglichen Plan, Tierärztin zu werden.
Doch wer in ein Kriegsland geht, trifft nicht nur auf Tiere in Not, sondern auch auf Menschen. Simone Eisenbeiss berichtet von einer sterbenden Frau, die bei einem Drohnenangriff am Kopf schwer verletzt worden war. Ihr konnten sie nicht mehr helfen. Der Anblick der Sterbenden steht ihr wieder vor Augen. Doch anderen konnten sie helfen. Sie luden die leeren Tierboxen aus und die Verletzten ein. „Ich habe realisiert, wie das Leben an einem seidenen Faden hängt.“ Eine solche Gräueltat mit anzusehen und zu realisieren, wie wertlos ein Leben im Krieg ist, sei abartig. Danach jedoch musste sie reden, um zu begreifen, was geschehen war. Über Wochen hatte sie online mit einer Traumatherapeutin, besprach mit ihr die grausigen Bilder ihrer Bodycam. Außerdem hilft ihr das Malen. In fantastisch anmutenden farbigen Tierzeichnungen verwandelt sie die schlimmen Erfahrungen in positive Energie, wie sie den Prozess beschreibt. Auf Insta kann man ihre Werke sehen.
Masche, der Dackel, zieht ein
Seit vergangenen Sonntag ist sie wieder auf dem Weg nach Charkiw. Irgendwann lange nach ihrer Ankunft wird für die Dackelhündin Mascha, die Simone Eisenbeiss aus Trümmern gerettet hat, der Moment kommen, der ihr Leben verändern wird. Sie zieht dann zu Familie Eisenbeiss in die Schweiz. Simone Eisenbeiss wird weitermachen. Sie fühlt eine Verantwortung, das Erlernte weiter einzusetzen, „damit mehr Leben gerettet werden“. Vor allem will sie nach dem Ende des Krieges vor Ort weitermachen. Wann immer das sei.