Wenn die Bauern mit dem Mähen beginnen, ist das Leben vieler Rehkitze bedroht. Stefan Horner und Bertram Fischer wollen sie schützen und nutzen dafür in Leinfelden-Echterdingen modernste Technik.
Leinfelden-Echterdingen - Es geht darum, Leben zu retten. Die Leben kleiner Rehkitze. Stefan Horner und Bertram Fischer blicken dafür um halb sechs morgens gebannt auf ein kleines Display, auf dem eine schwarz-weiße Mondlandschaft vorbeizieht. Neben ihnen hält Ove Roß eine große Fernbedienung in der Hand und starrt auch auf den Bildschirm. Roß kennen sie von den Jagdhornbläsern. Der Bauingenieur hat seine Drohne eigentlich, um Wohnungssanierungen zu planen – in der Freizeit setzt er sie aber fürs Tierwohl ein. Heute auf der Hohewart bei Musberg.
Hier sollen heute ab 8 Uhr die großen Traktoren mit ihren Mähwerken vorfahren. Vier Bauern teilen sich die 17 Hektar Feld. Sie fangen früh an und bringen das frisch gemähte Gras direkt in die Biogasanlage. Dabei soll aber möglichst kein Tier zu Schaden kommen. Besonders junge Rehkitze sind sehr gefährdet. Sie werden Ende Mai, Anfang Juni von den Geißen, den weiblichen Rehen, geboren.
In den ersten Wochen haben sie keinen Fluchtinstinkt
In den ersten Wochen haben sie keine Witterung, keinen Geruchssinn und – das ist am riskantesten – keinen Fluchtinstinkt. „Ich habe letzte Woche ein Kitz entdeckt und bin bis auf einen Meter rangelaufen, aber es hat nicht mal reagiert“, erzählt Roß. So gehe es den Rehkitzen auch mit den Mähwerken. Weshalb es immer wieder zu „ganz bösen Bildern“ komme, wie Bertram Fischer sagt. Bevor die Bambis in ein Mähwerk kommen, sollen sie nun von einer Wärmebildkamera aus der Luft aufgespürt werden.
Das Feld, um das es geht, die Hohewart bei Musberg, ist ringsherum umgeben von Wald. Die Sonne kämpft sich gerade über den Baumwipfeln hervor. Es ist frisch und der Tau klebt an den Grashalmen. Die ersten Herrchen und Frauchen pirschen mit ihren Hunden über die Feldwege. Die Idylle wird nur vom Surren der Drohne durchbrochen, wenn sie ihre Bahnen in etwa 45 Metern Höhe über die Köpfe der Jäger hinweg zieht.
Wärmebildkamera filmt den Boden
Die Drohne passt in einen kleinen Aktenkoffer, hat vier Rotorblätter und ist mit einer Kamera ausgestattet, die leicht und kaum zu erkennen ist. Aufgrund der Nähe zum Flughafen mussten die Tierretter sich an diesem Morgen extra eine Genehmigung einholen. Jetzt zieht die Drohne ihre Bahnen über die Felder, während eine Wärmebildkamera den Boden filmt. Das Bild wird direkt auf einen Bildschirm übertragen, der auf einem Stativ vor den Jägern aufgebaut ist. Sobald ein weißer, warmer Punkt auftaucht, stoppt Ove Roß die Drohne und wechselt vom Wärmebild zur normalen, bunten Kamera. Dann zoomt er heran und fliegt näher an den auffälligen Punkt. Mal ist es ein reflektierendes Blatt, eine warme bloße Dreckstelle oder ein Kaninchen das, aufgeschreckt vom unbekannten Flugobjekt, davonhoppelt.
In den Vorjahren hatte sich die Rehkitz-Rettung deutlich schwieriger dargestellt. Ohne Drohne blieb den Jägern nichts übrig, als selbst die Felder abzulaufen und nach Tieren zu suchen die Deckung im hohen Gras suchen. Wenn man eines gefunden hatte, fing man es ein und steckte es in eine Kiste, bis die Felder gemäht und die Kitze in Sicherheit waren. „Da waren wir oft mal zwei bis drei Stunden dran, je nachdem wie viele geholfen haben“, erinnert sich Stefan Horner.
Sie sind begeistert von der Drohne
Er und Bertram Fischer haben dazu Freunde und Familie zusammengetrommelt, die dann geholfen haben. Ganz verlässlich war diese Taktik aber nie, da leicht ein Streifen Feld ausgelassen werden konnte. Der Drohne passiert das nicht. Sie erstellt sich automatisch ihren Fahrplan und fliegt gleichmäßig mit vier Metern pro Sekunde jeden Winkel der grünen Fläche ab.
Am Ende ist die Stimmung etwas ernüchtert: Man konnte kein Rehkitz finden. Dafür einen Fuchs und ein paar Hasen. Die Technik funktioniert also. Und die Füße blieben trocken. „Ich bin begeistert von dieser Technik“, schwärmt Bertram Fischer. In den nächsten Jahren wolle man weiterhin eine Drohne einsetzen und so Rehkitze retten.
Gerade als die Sonne den Tau auf den Feldern trocknet, kann man auf dem Wärmebild auch immer weniger erkennen – es wird zu warm. Die ersten Traktoren rollen auf die Felder. Jetzt kann die Ernte guten Gewissens losgehen.